„I was loved for a minute, then I was hated.“
Vom Regisseur Craig Gillespie kam 2017 das Biopic „I, Tonya“ über die berühmte Eiskunstläuferin Tonya Harding. Ihre Geschichte in den 90ern war scheinbar überall in den Medien, doch ich persönlich wusste nichts über sie, absolut nichts. Zudem bin ich kein Riesen-Fan von Biopics, es sei denn sie sind gut gemacht und haben clevere und frische Ansätze wie „Steve Jobs“ (2015) zum Beispiel. Glücklicherweise war „I, Tonya“ genau das: Frisch. Vielleicht nicht in seiner kompletten Machart, aber Gillespie und Autor Steven Rogers schufen eine beeindruckende und knallharte, aber auch lustige Verfilmung dieser Eiskunstläuferin, die durch unkonventionelle Art auffiel.
Tonya Harding wird von ihrer Mutter auf jede erdenkliche Art und Weise zum Eiskunstlaufen gezwungen. Tonya liebt diesen Sport zwar, doch eine Liebe zwischen Mutter und Tochter ist nicht zu finden. Selbst als Teenager muss Tonya mit ihrer ersten großen Liebe Jeff viel Misshandlung und Erniedrigung erfahren, doch das härtet sie gleichzeitig auch ab. Doch ihre unkonventionelle Art gefällt anderen Leuten nicht, besonders der Jury, als Tonya ihre ersten Wettbewerbe austrägt. Irgendwann in ihrer langen Karriere kommt es jedoch zum berüchtigten „Vorfall“ mit Nancy Kerrigan.
Der Film erinnerte mich stellenweise an „Black Swan“. Hier spielt Natalie Portman eine Ballerina und der Zuschauer bekommt einen realistischen, erschreckenden Blick hinter die Kulissen der Tanz-Welt. Hier ist es ähnlich zum Eiskunstlaufen, doch während „Black Swan“ viel mit psychologischem Horror spielte, dominiert bei „I, Tonya“ der knallharte Witz. Die Figuren sind sicherlich überzeichnet, aber vieles ist sicherlich auch wahr. Und das soll was heißen bei diesen Charakteren: Tonyas Mutter und ihr Freund Jeff sind Paradebeispiel an völlig wahnsinnigen Menschen, mit denen man im echten Leben sicherlich nichts zu tun haben will, doch gerade weil sie so krass handeln, erzeugt der Film eine wunderbare Form von Humor, der nah an der Grenze zum Tragischen liegt. Doch genau dieser Aspekt macht den Film so intensiv, weil man sich immer fragt, was diese oder jene Figur jetzt macht.
Weiterhin spielt der Film mit der Idee, dass mehrere Personen im Film verschiedene Versionen der Vergangenheit haben. So werden Tonya, ihre Mutter, Jeff und andere Nebenfiguren nach den Ereignissen interviewt, doch der Film springt immer wieder zwischen Vergangenheit und Gegenwart. So kommt es dann auch oft vor, dass Figuren in die Kamera sprechen und die Ereignisse erzählen, so als ob sie wüssten, dass alles nur nachgestellt wird und nicht echt ist. Das hat mir sehr gefallen und machte den Film und seine Figuren für mich viel plastischer.
Die Eislaufszenen sind wirklich wunderbar umgesetzt. Natürlich hat Margot Robbie nicht alle Läufe selbst gemacht, wie auch Natalie Portman in „Black Swan“, doch sie hatte viele Trainingseinheiten und war selbst oft auf dem Eis. Doch in erster Linie geht es ja um ihre Performance als Tonya und die ist grandios! Margot Robbie ist eine gute Schauspielerin, aber nach dem fruchtbaren „Suicide Squad“ hatte ich ehrlich gesagt keine großen Erwartungen an sie, doch sie ist fantastisch in diesem Film! Sie hätte den Oscar als beste Hauptdarstellerin schon verdient, immerhin hat aber Allison Janney als
Tonyas bestialische Mutter die Trophäe abgreifen können, was mich sehr freut. Sie war ebenfalls grandios und extrem witzig, auch wenn sie wahrscheinlich den Preis für die schlimmste Mutter aller Zeiten gewinnen könnte. Sebastian Stan als Jeff hat mich auch umgehauen als rücksichtsloser und unberechenbarer Freund von Tonya.
„I, Tonya“ kann aber weiterhin auch mit wunderschönen Kamerafahrten auftrumpfen, nicht nur während der spektakulären Eiskunstlauf-Szenen, sondern auch in den zwischenmenschlichen Momenten. Und der Soundtrack? Eine perfekte Mischung aus großartigen Evergreens der 70er, 80er und 90er, obendrauf ein guter Score von Peter Nashel.
Fazit: Ein ehrlicher und gnadenloser Blick auf die Sportwelt, besonders auf die Eiskunstläufer. Dazu eine unglaublich tragische, aber wahnsinnige Geschichte über eine außergewöhnliche Frau, die niemals den Kampf gegen ihre Umwelt aufgegeben hat. Ein wunderbares Biopic und ein toller Film!