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    Der öffentliche Feind
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Der öffentliche Feind
    Von René Malgo
    Schon als Kinder geraten die beiden Freunde Tom Powers (James Cagney) und Matt Doyle (Edward Woods) auf die schiefe Bahn. Als die Prohibitionszeit einbricht, ergreifen sie die Gunst der Stunde und steigen zu den gefürchtesten Gangstern der Stadt auf. Als jedoch ihr Boss bei einem Reitunfall stirbt, droht durch die Schwächung ihrer Bande ein Straßenkrieg auszubrechen…

    Eigentlich sollte Edward Woods in William A. Wellmans Gangster-Drama „Der öffentliche Feind“ Tom Powers spielen und James Cagney Matt Doyle. Dann aber sah Produzent Darryl F. Zanuck „The Millionaire“, wo Cagney als Versicherungsvertreter auftrat. Sogleich wurde ihm die Leinwandpräsenz des kleinen Mannes gewahr und er ließ die Rollenbesetzung wechseln. So bekam Cagney den Part des Hauptdarstellers Tom Powers und feierte damit 1931 seinen endgültigen Durchbruch.

    Dieser Wechsel hat sich bezahlt gemacht. Cagney beherrscht jede seiner Szenen und lässt Nebenleute im Schatten seiner energischen Performance verblassen. Mit einer feurigen Präzision mimt er den charismatischen, unberechenbaren Gangster und gewinnt ihm zahlreiche Facetten ab. Cagney überzeugt genauso als eiskalter Killer wie liebevoller Sohn oder loyaler Freund und bleibt in jeder Hinsicht glaubhaft. Ganz gut und immer überzeugend wirken auch die anderen Darstellerleistungen, wobei hier und da ein bisschen zur Theatralik geneigt wird. Vorgeblich gehört Jean Harlow die zweite Hauptrolle, doch sie tritt verhältnismäßig spät auf, hat nur eine wirklich große Szene und bleibt ein wenig farblos.

    Die sehr linear erzählte Geschichte zeichnet ein realistisches Bild des Milieus, kann eine gewisse Bewunderung für dieses allerdings nicht verhehlen. Zwar bemüht sich Wellman redlich, in der Aussage die richtige Moral aufrecht zu erhalten, doch zumindest in den ersten beiden Dritteln des Films hält sich der Zuschauer nur allzu gerne an den charismatischen Gangster Powers.

    Die Konsequenz, Härte und auch Modernität von „Der öffentliche Feind“ erstaunen. Da tritt plötzlich ein nach gängigem Klischeebild homosexueller Kleidermacher auf oder die Freundin eines Gangsterbosses verführt James Cagney, hier und da werden einige Blutbäder angerichtet. In all diesen Darstellungen bleibt „Der öffentliche Feind“ zwar äußerst subtil einerseits, konsequent aber andererseits. Keineswegs lässt sich dieses Werk zu den alten Hollywood-Saubermann-Filmen zählen und es war sogar eine der härtesten und ehrlichsten Milieustudien seiner Zeit.

    Inszenatorisch gibt sich Regisseur William A. Wellman keine Blöße und legt ein gutes handwerkliches Geschick an den Tag. Gerade bei der Kameraführung werden interessante Einstellungen und lange Fahrten geboten. Für ein richtiges, bombastisches Gangsterepos reicht’s aber nicht. Dafür erweisen sich die Kulissen als zu bescheiden und die Story als zu persönlich. Bei all der Härte liefert „Der öffentliche Feind“ längst nicht so viele Actionszenen wie andere Genrevertreter, sondern interessiert sich viel mehr für die Entwicklung seiner Protagonisten.

    Auch wenn es bei vielen Andeutungen bleibt, überzeugen die profilierten, nachvollziehbaren Charakterisierungen, die ohne große Worte auskommen können. Trotz gewisser Romantisierung kann „Der öffentliche Feind“ die meisten Klischees umgehen. Interessant ist es zu sehen, wie in der Nacht vor Anfang der Prohibition Familien, Männer, Frauen und Kinder, Reich und Arm die Läden stürmen und mitnehmen, was sich mitnehmen lässt. Dafür werden sogar die Babys aus dem Kinderwagen geholt oder Transportwagen geleert. Mit dieser Szenerie und seinen nachfolgend gezeigten Auswirkungen macht „Der öffentliche Feind“ die Prohibition deutlich für Missstände im Land verantwortlich und scheut sich vor drastischen Bildern nicht. Das war zur Zeit der Entstehung sehr mutig.

    Bei all seinen Vorzügen fehlt es „Der öffentliche Feind“ leider zum wirklich großen Film. Die Story gibt sich einfach zu linear und wenig ereignisreich, um über die volle Distanz zu fesseln. Ein strafferer Erzählstil hätte dem Film gut getan, so bleibt aber der Eindruck des Langatmigen. Wenngleich inszenatorisch top, müssen erzählerische Schwächen in Kauf genommen werden. Die Spannung hält sich auch auf Grund starker Vorhersehbarkeiten in Grenzen und beginnt erst am Ende richtig aufzukommen.

    Als interessantes Zeitdokument hat „Der öffentliche Feind“ aber Beachtung und Respekt verdient. William A. Wellmans Beitrag gehört nicht zu den allerbesten des Genres, aber zu den besseren und auf jeden Fall zu den sehenswerten.
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