"Der Brutalist" von Brady Corbet ist ein Film, der auch nach dem Abspann noch lange nachklingt. Erzählt wird die fiktive Geschichte des ungarischen, jüdischen Architekten László Tóth, der nach dem 2. Weltkrieg in die USA auswandert. Seine Ehefrau und seine Nichte bleiben erstmal zurück. Er kommt bei seinem Cousin Attila unter, der ein Möbelgeschäft besitzt, zum Christentum konvertiert ist und eine Katholikin geheiratet hat. Attila hat auch seinen ungarischen Namen abgelegt und sich den englischen Namen Miller zugelegt. László designt moderne Möbel für seinen Cousin und als später der Sohn eines reichen Mannes im Geschäft auftaucht, um die Bibliothek seines Vaters neu gestalten zu lassen, scheint es so, als könnte der Architekt wieder in seinem Beruf arbeiten und Erfolg haben. Er handelt einen fairen Preis aus und sein Cousin ist hellauf begeistert. Das Ganze hat nur einen Haken: Der Vater weiß nichts davon, dass seine Bibliothek komplett umgestaltet wird - und er hasst Überraschungen.
Danach geht es für László bergab. Der Sohn weigert sich, die Arbeit zu bezahlen. Attila gibt seinem Cousin dafür die Schuld. Obendrein hat Attilas Frau László beschuldigt, sie angebaggert zu haben. Das ist zu viel für ihn und er schmeißt László raus. Obdachlos, arbeitslos und ohne Geld versucht er sich irgendwie durchzuschlagen. Als ob das so nicht schon schwer genug wäre, hat er aufgrund einer Verletzung Morphium bekommen und kommt nun, lange nachdem die Verletzung verheilt ist, nicht mehr davon los. Immerhin freundet er sich mit dem jungen Vater Gordon an und die beiden unterstützen sich gegenseitig, so gut sie können - sind aber beide Morphium-süchtig.
Das Blatt wendet sich, als der Mann, für den László die Bibliothek umgestaltet hatte, ihn wieder aufsucht. Die Bibliothek ist inzwischen prominent in einem Architektur-/Design-Magazin als leuchtendes Beispiel für moderne, minimalistische Architektur präsentiert worden. Harrison Lee Van Buren - so der Name des einflussreichen Millionärs - hat daraufhin Erkundigungen über Tóths Arbeiten in Ungarn eingeholt und ist nun völlig euphorisch. Er lädt László auf sein Anwesen ein und stellt ihn seinen ebenfalls einflussreichen Freunden vor. Außerdem will er, dass der Architekt für ihn arbeitet und ein Kulturzentrum im Namen seiner verstorbenen Mutter für ihn entwirft und baut.
Doch das Machtgefälle zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer bleibt. Und László bekommt immer wieder zu spüren, dass die überwiegend christlichen Menschen in der Gegend ihn nicht dort haben wollen - genauer: grundsätzlich keine Juden und Ausländer in "ihrem Land" haben wollen. Das Gefühl geht auch nicht weg, als seine Frau und seine Nichte endlich nachreisen können und die Familie wieder vereint ist. Sie wohnen alle drei im Gästehaus von Van Buren und sind so vollkommen von seiner Gunst und seinem Wohlwollen abhängig. Van Buren genießt es, László und seine Familie wie exotische Tiere seinen einflussreichen Freunden vorzuführen und sich über sie zu amüsieren. Als wäre László ein Maskottchen oder ein Tanzbär für ihn. Van Burens Sohn eifert seinem Vater nach und benimmt sich noch offensichtlicher wie ein Arsch. Maggie, die Tochter, ist noch halbwegs freundlich, kommt aber gegen die Männer überhaupt nicht an.
Das Drama nimmt seinen Lauf, als die Kosten für das Kulturzentrum immer weiter steigen, und László sich weigert, Abstriche zu machen. Er fühlt sich als Künstler unverstanden, ist noch immer süchtig, ist enttäuscht, weil es mit seiner Frau nicht mehr so ist wie früher, ist frustriert, weil er sich nicht willkommen fühlt und weil ihn die Amerikaner wie einen Menschen zweiter Klasse behandeln, egal, wie hart er arbeitet, egal, wie sehr er sich anstrengt. Es scheint nie genug.
So, jetzt habe ich genug von der Handlung verraten. "Der Brutalist" ist nicht nur ein Film über einen genialen Künstler, über Architektur und die Schönheit des Einfachen, er ist auch ein Film über Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, soziale Ungerechtigkeit und Machtgefälle. Er seziert den "Amerikanischen Traum" und entlarvt ihn als Lüge. Und das tut er in atemberaubenden Bildern, mit einem eindringlichen Soundtrack, der die Stimmungen der Figuren und die Atmosphäre perfekt untermalt, und vor allem mit schmerzhaft guten Schauspielern, die so überzeugend und facettenreich spielen, dass man vollkommen vergisst, dass die Geschichte nicht von echten Menschen handelt.
Fazit: Ein großartiger Film, der keine Sekunde seiner mehr als 3,5 Stunden (inkl. Pause) langweilig wird. Unbedingt sehenswert!