Wenn amerikanische Propaganda die Popkultur bestimmt…
Kaum ein Film hatte solch einen Einfluss wie „Vom Winde verweht“ von 1939. Bis heute gilt die cineastische Adaption von Margaret Mitchell als ein Meilenstein der Filmgeschichte, erhielt acht Oscars, darunter die Trophäe für den besten Film, zusätzlich zwei Ehrenoscars, und ist nach inflationsbereinigten Berechnungen der erfolgreichste Film aller Zeiten. Und das, obwohl die ganze Produktion recht wild und turbulent ablief, mit mehreren Regisseuren (am Ende war es schließlich Victor Fleming, der als Hauptverantwortlicher im Regiestuhl genannt wurde), einem schwierigen Casting und einer „brisanten“ Thematik, um es nett auszudrücken. Dabei war die Buchvorlage gerade mal drei Jahre alt als der Film in die Kinos kam, aber wir sprechen hier über eine Zeit, die schon fast 90 Jahre her ist (Stand 2026)… „Vom Winde verweht“ genießt auch heute noch einen guten Ruf, trotz aller Kritik. Und ich persönlich hatte immer mal wieder von dieser Kritik gehrt, noch bevor ich das Werk überhaupt gesehen hatte. Ich dachte mir: Wie schlimm kann es schon sein? Immerhin habe ich bereits viele Filme aus der „goldenen“ Hollywood-Ära gesehen, die „problematische“ Inhalte hatten. Wie gesagt: Wir sprechen hier über eine ganz andere Zeit, eine andere Welt: Amerika und die Filmindustrie wurden durch den Hays Code bestimmt und extrem konservative Ansichten fanden Einzug in gefühlt alle Filme oder hinderten sie eben daran aus diesen auszubrechen. Und dann war da noch der 2. Weltkrieg, der kurz vor Release des Films die Welt erschütterte. Umso passender, dass die Thematik der Geschichte vom Fall des Südens gegen den Norden handelt, der perfekte Antrieb für stolze Amerikaner*innen sich dem Feind tapfer entgegenzustellen.
Doch auch technisch war das Werk wegweisend: Ein sehr früher Farbfilm mit einer für die Zeit beachtlichen Länge. Fast vier Stunden dauert der dramatische Ritt. Dafür bekommen wir aber auch große Momente, eindrucksvolle Sets und Kameraeinstellungen zu sehen, sowie ikonische Hollywood-Größen wie Vivien Leigh und Clark Gable. Dass man einen derartigen Film aus heutiger Sicht anders betrachten muss, ist mir klar. Es ist auch wichtig, solche Filme nicht einfach zu „Verbieten“ oder zu zensieren, denn das hier ist Geschichte, das hier zeigt sehr gut, wie Amerika in 1939 gedacht hat und was es offenbar schätzte, sowohl filmisch als auch privat und politisch. Dass man einen Film trotz der Kritik schätzen und lieben kann, steht außer Frage, denn die meisten von uns sind mit Vorurteilen und anderen moralischen Fehlleitungen aufgewachsen. Im Jahre 2026 sind wir deutlich weiter im Denken… Nun ja, Trump sagte 2020 als Reaktion auf den Gewinner des Oscars als bester Film („Parasite“), dass ein Werk wie „Vom Winde verweht“ eigentlich hätte gewinnen sollen. Sagen wir zumindest, Menschen mit einem gesunden Verstand sind in der heutigen Zeit weiter. Somit können wir alte Filme, die moralisch sehr fragwürdige Dinge propagieren, auch heute noch mitreißend finden, da wir sie zeitlich einordnen und demnach bewerten können. Doch „Vom Winde verweht“ ist einer dieser Filme, bei denen mir das mehr als nur schwer fällt!
Die Story: Im kleinen Ort Tara (ein fiktiver Ort in Georgia) müssen sich 1861 die junge Scarlett O´Hara und der Rest ihrer Familie auf den kommenden Bürgerkrieg gegen den Norden einstellen. Als der Krieg schließlich ausbricht, flieht Scarlett mit einigen ihrer Sklav*innen und dem dubiosen
Rhett Butler, der Gefühle für Scarlett hat. Sie jedoch ist unglücklich in Ashley Wilkes verliebt, der jedoch mit seiner Cousine Melanie verlobt ist. So entspinnt sich inmitten des Bürgerkriegs eine dramatische Liebesgeschichte…
Zumindest ist es das, was der Film gern zeigen würde. Und ja, viele haben genau das auch gesehen und sehen es vielleicht immer noch in diesem Werk. Zudem steht eine zentrale Message im Vordergrund: „Morgen ist ein neuer Tag“. Das Zitat kommt direkt von der Titelfigur Scareltt und zeigt ihren Willen zur Anpassung an alle möglichen Situationen. Für die Zeit eine absolut nachvollziehbare Lehre, die auch nicht unbedingt falsch ist. Zudem war der Film eine der größten Produktionen der Filmgeschichte mit eindrucksvollen Bildern und aufwendigen Shots. Kein Wunder, dass das Werk unzählige ikonische Momente generierte. Vor allem die wirklich tolle Musik von Max Steiner trägt zum romantisch, tragischen Geschehen bei. Viele dieser Dinge sind wahrlich zeitlos und können auch heute noch als Stärke des Films genannt werden.
Bei anderen Dingen lässt sich streiten: Clark Gable und Vivien Leigh als Hauptdarsteller*innen hatten hier zweifelsohne ihre großen, legendären Filmrollen. Und ja, das Schauspiel in früheren Filmen war anders, viel theatralischer, steifer und unnatürlicher. Und dennoch finde ich beide hier nicht wirklich gut. Mag sein, dass diese Performances als wegweisend und legendär angesehen werden, ich aber konnte nicht viel mit ihnen anfangen. Vivien Leigh ist dabei noch am besten und sie zeigte in meinen Augen in „Endstation Sehnsucht“ (1951) eine wirklich herausragende und wegweisende Leistung. Generell muss ich jedoch sagen, dass ich mit dem Spiel des Casts hier nur wenig anfangen konnte und dass einige Momente eher unfreiwillig komisch wirken aus heutiger Sicht. Auch die Inszenierung der Geschichte ist meiner Meinung nach eher mau, besonders ab der zweiten Hälfte rast der Film durch die Jahre und Ereignisse, während schlimme Schicksalsschläge kaum die nötige Zeit bekommen. Stattdessen wird viel Wichtiges einfach übersprungen oder von Nebenfiguren als Expositions-Klumpen nachgeplappert. Dabei ist der Film wie gesagt fast vier (!) Stunden lang, eine Laufzeit, die ich nicht unbedingt als gerechtfertigt ansehe.
Das alles ist aber natürlich Geschmackssache und ich freue mich für jede/n, die/der Spaß an diesen Leistungen hat. Was in meinen Augen aber nicht wirklich verhandelbar ist, ist die Darstellung und Romantisierung von Sklaverei, Krieg und Vergew********n. Und hier kommen wir natürlich zu den großen Kritikpunkten, die seit jeher den Film heimsuchen und das absolut zurecht. Denn egal wie imposant die Bilder, die Musik und die schauspielerische Leistungen sein mögen, „Vom Winde verweht“ hat mich angewidert. Das mag für Fans des Films schwer vorstellbar sein und sicherlich kennen viele die Kritikpunkte trotzdem sehr gut, aber ich möchte nochmal ganz klar auf die offensichtlichen Probleme dieses Films eingehen, denn ich finde in der heutigen Zeit ist es umso wichtiger romantisierte Werke wie dieses hier genau einzuordnen. Denn „Vom Winde verweht“ ist in meinen Augen vor allem eins: Propaganda und zwar rechtskonservative Propaganda, wie sie im Buche steht.
Nochmal: Wir befinden uns im Jahre 1939, der zweite Weltkrieg hat gerade begonnen und Amerika stellt sich auf einen Krieg gegen Faschisten in Deutschland ein. Währenddessen will man das Land mit einem derartigen Film als die „gute“ Seite darstellen. Die Seite, die im Bürgerkrieg FÜR die Sklaverei gekämpft hat, die Seite, die eine bestimmte Gruppe von Menschen als minderwertig angesehen, sie ausgebeutet, gefoltert und getötet hat. Klingt verdächtig nach Nazi-Deutschland… Die Darstellung der Sklav*innen im Film ist einer der größten Punkte, wenn es um die aktuelle Sicht auf „Vom Winde verweht“ geht und kein Wunder: Der Großteil der schwarzen Menschen im Film wird als minderwertig und ungebildet gezeigt. Nur Mammy, gespielt von Hattie McDaniel, sticht etwas heraus als strenge, aber liebende Amme/Nanny. McDaniel gewann einen Oscar für ihre Performance, durfte aber bei der Premiere des Films aufgrund der Rassentrennung (Jim-Crow-Gesetz) nicht bei den weißen Cast-Mitgliedern sitzen. Die perfekte Metapher für diesen Film. Im Buch selbst ist es sogar noch krasser als einige der Figuren dem Ku-Klux-Klan beitreten, was im Film gestrichen wurde, denn wer will sich schon mit Rassismus auseinander setzen? Richtig morbide wird es, wenn Scarlett in der großen Szene vor der Intermission den Satz sagt: „Ich will nie wieder Hunger leiden.“ Die Erkenntnis, dass Armut nicht so dolle ist, mag zwar nett sein, aber dass sich Scarlett ein mal in die Haut der Sklav*innen versetzt, um dadurch etwas über Menschlichkeit zu lernen, das passiert nicht. Stattdessen zeigt der Film ihre Transformation zu einer selbstbewussten Geschäftsfrau, die durchgreifen kann. Auch das mag ganz ok zu sein für einen derartigen Film und es ist auch schön, dass eine Frau hier die Hauptrolle spielte in solch einer Story. Doch während all das passiert, geht die Sklaverei einfach weiter. Schlimmer noch: Als die Nordstaatler kommen und eben diese Sklaverei abschaffen möchte, wird dies als Katastrophe gezeigt. Der Untergang vom stolzen Süden… Der Süden, der Menschenrechte mit Füßen tritt.
Und so kommen wir direkt zum nächsten Punkt: Die Romantisierung und Relativierung des Krieges. Dass Amerikaner*innen seit jeher sehr kriegsgeil sind, ist nichts Neues. Das Märchen vom stolzen Soldaten, der für sein Vaterland kämpft und nur so Ruhm und Ehre erreichen kann, trägt sich bis heute und ist auch hier in seiner ganzen Pracht zu „bewundern“. Dabei werden vor allem die Nordstaatler als das Böse dargestellt, während die armen Rassis… ich meine Südstaatler die tragischen Helden sind.
Aber am Ende geht es in „Vom Winde verweht“ nicht um Krieg oder um Sklaverei. Vielleicht in der Theorie, aber der Hauptteil der Geschichte dreht sich vor allem um eins: Die furchtbar kitschige Liebesgeschichte. Fast vier Stunden müssen wir ertragen wie Scarlett zwischen Rhett und Ashley hin und hergerissen ist, wie sie Ehen eingeht, um ihren „Ruf“ nicht zu verlieren und wie sie vor allem Opfer einer toxischen und widerwärtigen Beziehung wird. Die Rede ist natürlich von Rhett, der Scarlett nicht nur mit Worten demütigt, sondern sie stellenweise sogar körperlich bedroht. Aber das ist fast nichts zu den Momenten, in denen er sie sexuell missbraucht. Von anfänglichen Berührungen ohne Zusage von ihr, über ungefragte, gezwungene Küsse bis hin zur skandalösen Vergew*******g… Letztere wird sogar gleich im nächsten Shot als etwas „Gutes und Befreiendes“ dargestellt als Scarlett am nächsten Morgen fröhlich im Bett sitzt und sich ihres Lebens freut. Das alles wird NIE kritisiert, stattdessen wird Rhett als gutherziger Papa und Ehemann gezeigt, der halt seine „Macken“ hat. Gerechtfertigt wird das mit der Darstellung von Scarlett als teils undankbare, verwöhnte Tussi. Und ja, Scarlett ist als Charakter unausstehlich und auch teilweise bösartig, vor allem wenn man sie im Umgang mit einigen der schwarzen Arbeiter*innen sieht. Das rechtfertigt aber natürlich nicht, dass sie als Frau derartig degradiert wird. Das ist leider nicht nur ein Problem dieses Films, ich denke da zum Beispiel an „My Fair Lady“, aber hier gipfelt dieses fragwürdige Klischee eben in einer ganz klaren Vergew*******g, die als etwas „Gutes“ dargestellt wird. Absolut widerwärtig.
Fazit: Mag sein, dass „Vom Winde verweht“ eine große, bewegende Geschichte über eine Frau zeigt, die sich in düsteren Kriegszeiten anpassen muss. Mag sein, dass der Film eindrucksvolle Bilder und mitreißende Musik bietet. Mag sein, dass man die Kritikpunkte auch anders „deuten“ kann, aber ich kann es nicht und will es auch nicht. Selbst wenn ich einige technische Aspekte des Films schätze und selbst wenn ich die Inszenierung, sowie die schauspielerischen Leistungen mögen würde (was ich nicht tue), so wäre es für mich unmöglich die vollkommen menschenfeindlichen Aspekte dieses Werkes auszublenden. Denn „Vom Winde verweht“ relativiert Dinge wie Sklaverei, Krieg und Vergew*******g nicht nur, er zelebriert sie regelrecht. Hinter all dem steckt natürlich eine zutiefst rassistische und konservative Denkweise, die Amerika seit Jahrhunderten prägt. Dieser „Klassiker“ ist ein perfektes Beispiel dafür, wie effektiv Propaganda sein kann. Es ist gut, dass die Kritik an solchen Werken in der heutigen Zeit lauter wird, aber der Schaden, der hier angerichtet wurde, wird auf viele Jahrzehnte weiterhin nicht zu beheben sein. Wir sehen es im aktuellen Amerika und auch auf der ganzen Welt, dass rückwärtsgewandte und menschenfeindliche Ansichten wieder mehr und mehr romantisiert und normalisiert werden. Und Filme wie „Vom Winde verweht“ haben ohne Zweifel dazu beigetragen und gehören deswegen auch kritisiert!