Michael – Gewinner, Außenseiter und Weltstar
Michael Jackson ist eines der besten Beispiele dafür, wie sehr Erfolg von einer besonderen
Biografie abhängen kann. Soziologisch betrachtet sind Menschen mit einem schwierigen
Hintergrund oft nicht diejenigen, die den gesellschaftlichen Aufstieg schaffen. Umso
bemerkenswerter sind jene wenigen, denen dieser Aufstieg trotz widriger Voraussetzungen
gelingt und die Außergewöhnliches vollbringen – wie Michael Jackson zu seiner Zeit.
Michael erzählt nicht nur die Geschichte eines beispiellosen Erfolgs, sondern auch davon,
was diesem Erfolg vorausging und welchen Preis er hatte.
Der Film beginnt mit Jacksons Kindheit, als er anfängt, mit seinen Brüdern unter Anleitung
seines Vaters Joseph Jackson als Jackson Five aufzutreten. Die Erziehung des Vaters war,
wie viele wissen, mitunter so hart, dass wir die Szenen kaum ertragen können. Wenn
Joseph schweigt, ist es nicht angenehmer, als wenn er schimpft, denn sein Schweigen
enthält mindestens genauso viel Gewalt. Und dass er die Kinder mit einem Gürtel
auspeitschte, wenn ihm etwas nicht gefiel, gehört zu den besonders schweren Momenten.
Seine Mutter Katherine und seine ältere Schwester La Toya hatten bei der Erziehung der
Jungen nicht viel mitzureden und konnten das Geschehen weitgehend nur von außen
betrachten. Denn der Vater war der Ansicht, dass es im Leben nur Gewinner und Verlierer
gebe und Michael sich entscheiden müsse, zu wem er gehören wolle.
Dieser Gedanke zieht sich durch den gesamten Film. Denn Michael entscheidet sich
letztlich für das Gewinnen – und gewinnt in einem Ausmaß, das jede gewöhnliche
Vorstellung von Erfolg sprengt. Der Film begleitet ihn bei seinen Höhen und Tiefen, von den
Jackson Five über seine ersten großen Erfolge als Solokünstler bis zur Bad World Tour.
1988 steht er schließlich im Londoner Wembley-Stadion auf der Bühne. Doch je größer der
Erfolg wird, desto deutlicher zeigt sich auch dessen Kehrseite.
Zuschauer, die die 80er und 90er Jahre miterlebt haben, wenn auch nur als Kinder oder
Jugendliche, werden bei manchen Szenen schmunzeln müssen. Da sind die paketweisen
Fanbriefe, die Michael tagtäglich bekommt, überhaupt Fans, die er auf der Straße sieht,
sobald er sich nach draußen begibt. Es genügt irgendwann, wenn er für einige Sekunden
ganz oben aus seinem Hotelzimmer schaut: Unten stehen Zehntausende Menschen und
jubeln ihm in Ekstase zu. Was aber zunächst wie die größtmögliche Bestätigung eines
Künstlers erscheint, bekommt zunehmend etwas Beklemmendes. Sein Erfolg bedeutet
zugleich, dass der Popstar kaum noch unbeobachtet existieren kann.
Kameraführung und Bildausschnitte versetzen uns geradezu mitten ins Konzertgeschehen.
Gerade in den Konzertsequenzen entwickelt der Film eine große Energie. Jaafar Jackson
gelingt es hervorragend, die Bühnenpräsenz seines Onkels lebendig werden zu lassen. Die
Inszenierung vermittelt eine Ahnung davon, welche Wirkung Michael Jackson auf sein
Publikum gehabt haben muss.
Besonders begeistert hat mich die Szene zu den Dreharbeiten von Thriller. Michael lässt
hier seiner Kreativität freien Lauf, entwickelt eigene Ideen und arbeitet fast schon an der
Neuerfindung von Musikclips. Zombies erheben sich aus Gräbern, Männer und Frauen in
zerrissener Kleidung umringen ihn, bis Jackson schließlich gemeinsam mit ihnen eine der
berühmtesten Choreografien der Popgeschichte tanzt. Gerade hier hätte der Film aber länger bleiben dürfen.
Immer wieder wird angedeutet, wie stark Jackson selbst an der Gestaltung seiner Musikvideos beteiligt war, wie er Szenen
verändern ließ und eigene Vorstellungen einbrachte. Gerade bei Thriller hätte es sich
angeboten, diesen kreativen Prozess besser nachzuvollziehen. Man sieht das Ergebnis
seiner Ideen, erfährt aber zu wenig darüber, wie sie entstanden sind und was Jackson so an
dieser Bilderwelt faszinierte. Das ist umso bedauerlicher, weil die Thematik von Thriller stark
mit dem Bild von Michael Jackson korrespondiert, das der Film zeichnet.
Verwandlung, Anderssein und die Zugehörigkeit zu Außenseitern bestimmen den Clip.
Michael ist zunächst der scheinbar normale junge Mann, verwandelt sich dann aber in
etwas Fremdes und Bedrohliches. Später wird er Teil der Untotengruppe und steht zugleich
in deren Mittelpunkt. Darin lässt sich durchaus etwas von dem Menschen wiederfinden, den
Michael beschreibt: jemand, der dazugehören möchte und sich gleichzeitig schon früh von
allen anderen unterscheidet.
Wer mit Michael Jackson groß geworden ist, sollte diesen Film sehen. Wenn er auf der
Bühne steht, die Kamera seine Bewegungen einfängt und das Publikum außer sich gerät,
werden wir in eine Zeit zurückversetzt, die Michael stark mitgeprägt hat. Die musikalischen
Szenen gehören daher zu den stärksten des Films.
Michael erzählt den ersten Teil dieser Geschichte und endet 1988 auf einem großen
Höhepunkt. Ein zweiter Film soll folgen. Nach diesem Start bin ich mehr als gespannt
darauf, wie er mit der sehr viel schwierigeren Geschichte umgehen wird, die noch vor dem
Superstar liegt.
Yasemin Kaplan