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    Pacifiction
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Pacifiction

    Eine Nacht, die nie mehr vergeht

    Von Jochen Werner

    Es gibt eine atemberaubende Sequenz im Herzen von Albert Serras Film „Pacifiction“, in der wir einige Minuten lang dem Treiben von Surfern und Jetskiern auf hoher See zuschauen. Haushohe Wellenkämme türmen sich auf und brechen, immer wieder, von winzigen Menschen und ihren Gerätschaften stets aufs Neue erklommen. Am Rande der Kämme, beinahe zentimetergenau platziert, warten die Boote, mit denen die Wagemutigen weit genug hinausgefahren sind, um sich in diese Wellen hineinstürzen zu können. Wie Spielzeuge werden auch diese Boote von den Wellen steil hinauf und wieder herab getragen, und doch treiben sie stets ein kleines, aber entscheidendes Stück neben dem Wellenbruch, neben der übermächtigen Naturgewalt. Auf einem dieser Boote befindet sich De Roller (Benoît Magimel), seines Zeichens „Hochkommissar der Französischen Republik“ auf Tahiti – ein Titel und eine Funktion aus kolonialer Zeit, die sich Serra erstaunlicherweise nicht ausdenken musste, sondern die in Französisch-Polynesien auch heute noch existiert. Nur die tatsächliche Macht der europäischen Kolonialherren, einstmals verkörpert durch diese Rolle, ist wohl längst zu jener Fiktion geworden, auf die der „Liberté“-Regisseur im Titel seines neuen Films – seinem ersten, der in der Gegenwart verortet ist – anspielt.

    De Roller (Benoît Magimel) schlafwandelt von Meeting zu Meeting mit dem Gestus eines Staatsmannes, den außer ihm selbst ohnehin niemand mehr so recht ernstnimmt.

    Dabei beginnt De Roller sein langes Spazieren durch den Film und seinen bewusst verwirrenden, oft mehr angerissenen als erzählten Plot erst einmal mit einer Machtdemonstration. Auf religiös bedingte Proteste gegen den Bau eines neuen Casinos reagiert er mit der unverhohlenen Drohung, die Kirchen der Insel kurzerhand aufzukaufen und so mit der Macht des Wohlhabenden die ökonomisch abhängige indigene Bevölkerung zum Stillhalten zu zwingen. Nur um dann mit versöhnlerischem Gutsherrengestus Nachbarschaftsfeste zum französischen Nationalfeiertag zu versprechen. De Roller verkörpert ein Nachleben des kolonialistischen Menschen- und Herrschaftsbildes, kein Zweifel – aber es ist ein Gespenst des Kolonialismus, das hier fortspukt, ein jovial-schmieriger und etwas aufgequollener Mann im weißen Anzug, der im selben sleazy-hemdsärmeligen Tonfall mit Botschafter*innen, Aktivist*innen, Militärs in Nachtclubs wie in Konferenzräumen um Dieses und Jenes schachert. Dieser De Roller nun gerät in der zeitlupenlangsamen, wie unter brennender Tropensonne still gestellten Erzählung von „Pacifiction“ in eine Abfolge von Beobachtungen und Geschehnissen hinein, die man durchaus auch als Polit-Thriller hätte inszenieren können, wenn man nur eben nicht Albert Serra wäre.

    Ein betörendes Labyrinth, in dem man sich nur zu gern verirrt

    Eine verstärkte Militärpräsenz auf der Insel befeuert Gerüchte über U-Boote, die heimlich vor der Insel liegen könnten, einem vielleicht unter Drogen gesetzten portugiesischen Diplomaten wird der Pass gestohlen, und ein alter General schwadroniert allerlei Apokalyptisches nach zu vielen Schnäpsen am Tresen des Nachtclubs „Paradise Nights“. Unter den Insulaner*innen geht bald die Befürchtung um, es könne eine heimliche Neuaufnahme jener Nuklearwaffentests geplant sein, die die Franzosen einst in der Südsee durchführten und die katastrophale gesundheitliche Folgen zeitigte. Aber auch wenn er sehr empfindlich auf Belehrungen in Sachen Geopolitik reagiert, muss De Roller bald erkennen, dass ihn seine detektivischen Bemühungen in diesem Labyrinth aus politischen Interessen, Verschwörungen, Vertuschungen und falschen Fährten – so kündigt sich etwa eine fingierte Revolution indigener Aktivisten an, mit dem einzigen Ziel, ein paar Fake-Bilder für Social Media zu kreieren – lediglich im Kreise und an der eigenen Nase herum führen. Ähnlich orientierungslos wie sein Protagonist tappen auch wir, die Zuschauer*innen, durch den beinahe drei Stunden langen Film – und wünschen uns irgendwann, er möge nie mehr zu Ende gehen. Derart betörend und hypnotisch inszeniert Albert Serra diesen labyrinthisch strukturierten Film, in dem nie klar ist, ob er tatsächlich auf einen Ausgang, eine Auflösung zusteuert – oder ob es überhaupt einen Ausgang gibt.

    Wenn die Nacht über dem Pazifik hereinbricht, braut sich am Horizon bereits ganz schön was zusammen.

    Im Schlussdrittel, nach knapp zwei gleißenden, schwitzigen, tropensonnenträgen Filmstunden, kippt die Atmosphäre von „Pacifiction“ dann entschieden ins Somnambule. Eine tiefe Nacht bricht über Tahiti und in den Film ein, eine Nacht, die auch De Roller zu verschlucken droht. Im strömenden Regen durchstreift dieser noch einmal die Insel, ein traumwandlerischer Trip, für den Albert Serra die wohl stärksten Bilder seines kompletten bisherigen Œuvres findet. Die Realität selbst scheint sich in dieser ewigen Kinonacht aufzulösen, eine lange, trancehafte Tanzsequenz könnte in ihrer ganzen Jenseitigkeit auch ohne Weiteres den Kosmen eines David Lynch entstammen. Ob das U-Boot, das De Roller weit draußen auf dem Meer zu erblicken glaubt, sich in die Halluzinationen dieser Nacht einreiht oder die kühle Realität politischer Machtspiele ist, spielt am Ende eigentlich gar keine Rolle mehr. Dass diese Nacht aber nie vergehen, die Sonne niemals mehr aufgehen wird, das spüren wir deutlich. Fazit: Albert Serras fast dreistündiger Kinotrip führt uns zunächst unter gleißender Tropensonne auf allerlei verschlungenen Plotpfaden in die Irre, um uns dann mit einem somnambulen, apokalyptischen Finale und den womöglich atemberaubendsten Kinobildern des Jahres endgültig den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Ein überwältigender, durch und durch origineller Film. Wir haben „Pacifiction“ beim Around The World In 14 Films Festival 2022 gesehen.

     

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