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    Heartbeast
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Heartbeast

    Toxische Teenager-Provokation

    Von Janick Nolting

    Die Welt leuchtet mal wieder in Neon. Bunte Lichtstimmungen durchziehen diesen Film, flackernde, flirrende Farben. Mittendrin ein giftgrüner Schopf: Elina (Elsi Sloan) mit ihren kurzgeschorenen Haaren, nach vorn gekrümmter Körperhaltung, Piercing, durchdringendem Blick. Mit Kopfhörern stapft sie umher, rappt Verse in die Nacht. Das „Ich“ ihrer Liedzeilen wird zur Kampfansage gegen die Welt: Schicksal, Tsunami, Naturgewalt, nennt sich Elina. Schon früh begibt sich „Heartbeast“ in Angriffshaltung. Als ihre Mutter einen neuen Mann kennenlernt, muss Elina mit ihr nach Südfrankreich ziehen. Während die 15-jährige Einzelgängerin an ihrer eigenen Rapmusik feilt, entwickelt sie eine Obsession für ihre ältere Stiefschwester Sofia (Carmen Kassovitz), eine Balletttänzerin. Gemeinsam flüchten die beiden jungen Frauen in das sommerliche Nachtleben. Aber schließlich schlägt das schwesterliche Verhältnis in einen Machtkampf aus Eifersucht und Missbrauch um…

    Elina (Elsi Sloan) klammert sich an ihre neue Schwester – aber das Verhältnis schlägt bei Zurückweisungen schnell in Missbrauch und Manipulation um.

    Die finnische Regisseurin Aino Suni treibt in ihrem Spielfilmdebüt einen Keil zwischen die Figuren und ihre Welt. Sie muss fremd werden. Der ganze Raum ist Ausdruck einer emotionalen Obdachlosigkeit. In dieser Hinsicht glänzt „Heartbeast“ mit einer gewissen ästhetischen Intensität, die lustvoll Bässe durch Körper wummern lässt und in langen, ausgetüftelten Kamerafahrten Zimmer, Gärten, Gänge durchstreift. Suni findet damit durchaus eindrucksvolle Wege, die Entwurzelung und Suchbewegungen ihrer umhergetriebenen Protagonistin in eine filmische Form zu bringen. Gleich zu Beginn zeigt sie etwa, wie Elina zu ihrer Mutter ins Bett steigt. Mit dem Ausknipsen der Nachttischlampe folgt der verstörende Schnitt: das Zimmer hat sich seiner Wohnlichkeit entledigt. Es ist ausgeräumt, leer. Bleibt nur ein letzter Blick aus dem Fenster auf die gewohnte Umgebung, bevor der finnische Plattenbau gegen eine französische Nobelwelt getauscht wird. Hier zieht es „Heartbeast“ hinein in zwischenmenschliche Abgründe. Coming-of-Age-Drama und psychologischer Thrill reichen sich die Hand.

    Jugend als Horror-Trip

    Sunis Genremix zeigt dabei Versuche, in einem hedonistischen Taumel den verworrenen Lebensumständen zu entkommen. Äußerlichkeiten fungieren als Signal des Aufbegehrens, aber auch als austauschbare Körperflächen. Es ist eine unterkühlte, entrückte Filmwelt, in der ebenso das Pornographische verankert ist. Irgendwann kommt es als Waffe zum Einsatz. Die bereits erwähnte Neon-Ästhetik trägt ihren bedeutenden Teil zu der bewussten Künstlichkeit der Bilder bei, in denen „Heartbeast“ seine Protagonistinnen aufwachsen lässt. Unweigerlich erinnert das ebenso formverliebte wie pessimistische Jugendporträt an Werke wie „Spring Breakers“, „Assassination Nation“ oder die HBO-Serie „Euphoria“. Sex, Gewalt, Drogen, Ausbeutung, kriselnde Identitäten – das sind die zentralen Themen. Hinzu gesellen sich Elemente jüngerer performativer Körperstudien a la Gaspar Noé („Climax“) und Julia Ducournau („Titane“). Eine Tanzperformance wird sadomasochistisch aufgeladen. Später erscheinen Schulterblätter als monströse Fleisch- und Knochenformationen, über die das Wasser rinnt. Haut wird zum plastischen Material, das erst lustvoll angeschmachtet und dann gewaltsam vereinnahmt wird. Das Problem ist nur, dass sich „Heartbeast“ zwar offensichtlich in solchen filmischen Traditionen und Kontexten wohlfühlt, aber nicht ansatzweise die Schlagkraft der genannten Vorbilder erreicht. Er ist schlicht zu ungelenk in seinem Zusammenspiel aus grellem Bildertaumel und psychologischer Charakterstudie.

    Visuell geht die finnische Regisseurin Aino Suni durchaus ambitioniert an die Sache.

    Die Hauptdarstellerin Elsi Sloan gibt sich noch alle Mühe, die Garstigkeit ihrer Figur mit Uneindeutigkeiten zu versehen. Momente der Fremdbestimmung und der Kontrollverluste verwandelt sie in etwas Zerstörerisches. Zugleich ist da dieses plakativ ausgebreitete Dürsten nach Halt und Intimität. Der Kontakt zu ihrer Stiefschwester Sofia wird Elinas Fixpunkt, einen Platz in der Welt zu finden. Aber wehe, wenn sie ihren eigenen Kopf entwickelt! „Heartbeast“ zwingt sein Publikum, das vergiftete Verhältnis zwischen den Stiefschwestern und ihrem Umfeld zu bezeugen. Momente der Aussöhnung sind in psychische Gewalt und emotionale Abhängigkeit verstrickt. Das eigene Scheitern wird auf die jeweils andere Person projiziert, der empfundene Mangel in Dominanzspielen gestillt. Aino Suni beweist Radikalität in der endlosen Zuspitzung. Aber liegt darin auf Dauer nicht auch eine furchtbare Redundanz? Wie ihr Film queere Identitätssuche in jugendliche Provokationssucht überträgt, lässt all den Grenzüberschreitungen schnell die Puste ausgehen. Ihre Figuren wollen zugleich gehasst und geliebt werden, entlocken einem aber zuvorderst ein Schulterzucken.

    Sehnsucht nach Ordnung

    Unter der fiesen Oberfläche lauert in „Heartbeast“ eigentlich ein recht spießiger, in Windeseile durchschauter Film. Das Drama der zerrütteten Kernfamilie ist viel zu schnell als Ursprung allen Übels ausgemacht. Aus der Trennung der Eltern, der veränderten Wohnsituation, der Patchwork-Konstellation werden Leid und Orientierungslosigkeit geboren. Dieser aufdringliche Anhaltspunkt überschattet all die Spitzen, Grauzonen und Tabubrüche. Zumal „Heartbeast“ seinem Konflikt aus inneren Befindlichkeiten und äußerem Drill auf Dauer wenig neue Facetten abzuringen weiß. Er birgt kaum die Möglichkeit, ernsthaft Perspektiven aufzubrechen, sich mit einem unverstellten Blick auf diese Gratwanderung zwischen Freundschaft, Liebe und Missbrauch einzulassen. „Heartbeast“ will mit Andersartigkeit befremden, verharrt aber in simpler Ursache-Wirkung-Logik. Das Verhalten seiner Figuren erscheint dadurch umso fadenscheiniger konstruiert. Eine Verführung zum Bösen, das Unbequeme gerade in seiner Unerklärbarkeit zu ertragen – das hätte zur echten Herausforderung taugen können. Doch schlussendlich werden die Figuren nicht zu interessanten Rebellinnen, sondern von der strengen Drehbuchrahmung gezähmt. Aus ihrem irritierenden Hilfeschrei dringt vor allem biedere Sehnsucht nach dem Familiären und der wiederhergestellten Ordnung im Kleinen. Fazit: Aino Suni findet einige intensive, technisch beeindruckende Bilder und Momente, um von einer brutalen Stiefschwestern-Beziehung zu erzählen. Letztlich schwelgt „Heartbeast“ aber in allzu bemühten Grenzüberschreitungen, die in simpler Moral und Figurenpsychologie verpuffen.

     

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