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    Die Geschichte der Menschheit – leicht gekürzt
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Die Geschichte der Menschheit – leicht gekürzt

    Der inoffizielle "Sketch History"-Kinofilm fragt: Wer ist hier jetzt der Neandertaler?

    Von Christoph Petersen
    Regisseur Erik Haffner und Autor Roland Slawik haben bereits bei der zwischen 2015 und 2019 ausgestrahlten ZDF-Comedy „Sketch History“ zusammengearbeitet. Dazu kommen ein Haufen Schauspieler*innen, die teilweise sogar dieselben, wenn auch aus Rechtegründen umbenannten Figuren aus der mehrfach preisgekrönten Revue-Show aufgreifen. Bei einer solchen Schnittmenge wäre „Sketch History – The Movie“ eigentlich ein passender(er) Titel gewesen. Aber das ZDF hat mit dem Kinofilm nichts mehr zu tun …

    … und „Die Geschichte der Menschheit – leicht gekürzt“ klingt ja auch viel schöner, selbst wenn man so den Vergleich mit „Die verrückte Geschichte der Welt“ regelrecht provoziert. Tatsächlich zieht die deutsche Antwort auf Mel Brooks Kult-Komödie von 1981 im Duell der alternativen Geschichtsschreibungen den Kürzeren: Trotz einer Handvoll doppelbödiger Pointen werden viele der oft arg nahe liegenden historischen Sketch-Nummern einfach zu lang ausgewalzt – und der ständig präsente pädagogische Zeigefinger erweist sich ebenfalls als ziemlicher Spaßverderber.

    Dr. Gerhard Friedle (Christoph Maria Herbst) schießt eine Goldene Schalplatte ins All - damit die Aliens auch ja den "richtigen" Eindruck von uns Menschen bekommen.


    Am 5. September 1977 startet die Voyager 1 zur Erforschung des äußeren Planetensystems. An Bord befindet sich auch eine goldene Schallplatte, die sich die Aliens anhören sollen, wenn sie zufällig auf die im All herumschwebende Raumsonde treffen. Darauf befindet sich neben Begrüßungsworten in 60 Sprachen auch eine kurze Geschichte der Menschheit, die der NASA-Ingenieur Dr. Gerhard Friedle (Christoph Maria Herbst) und sein Team zusammengestellt haben.

    Und tatsächlich: Im Jahr 2050 starren nun drei schleimige Tentakelwesen in ihrem Raumschiff auf einen Monitor, um sich die gesammelten Geschichten über den Untergang der Neandertaler, die Kreuzigung des dauerfluchenden Jesus, die Quotenregelung bei den Wikinger*innen, die Erfindung der Guillotine (in der Musical-Version), die Planung des Stauffenberg-Attentats auf Adolf Hitler sowie einen Furz-Marathon an Bord eines U-Boots anzusehen. Aber ob sie das wirklich dazu bringt, den Planeten Erde nicht einfach wie in einem Roland-Emmerich-Katastrophen-Blockbuster in die Luft zu jagen?

    Die "fähigen" Berliner Handwerker sind diesmal von der Firma Konopke (und nicht wie in der ZDF-Serie von der Firma Kasallek).


    Eine der ersten Episoden ist auch gleich die beste, weil sie genau mit der Art von doppelbödiger Pointe abschließt, die man über weite Strecken des Films ansonsten so schmerzlich vermisst: In einer Steinzeithöhle stehen sich der Homo Sapiens und der Homo Neanderthalensis gegenüber, um ein für alle Mal auszudiskutieren, für welche Spezies es das jetzt gewesen ist. Dabei spielt auch eine Rolle, ob man seinen Kot lieber vergraben sollte, wie 97 Prozent aller Schamanen empfehlen, wofür sie von den gewaltbereiten Keulenschwingern der wenig aufgeklärt wirkenden Fraktion aber direkt als Lügen-Schamanen niedergebrüllt werden. Mit dem Twist, der nicht unbedingt überrascht, aber trotzdem ins Schwarze trifft, ist dann auch klar, was „Die Geschichte der Menschheit – leicht gekürzt“ im Kern zumindest auch ist – nämlich eine Abrechnung ...

    ... und zum Abrechnen gibt es in der oft gar nicht rühmlichen Geschichte der Menschheit schließlich eine Menge. Aber gesucht werden sich dann doch nur die ebenso nahe liegenden wie einfachen (und deshalb auch schon deutlich gelungener angegangenen) Ziele: Religion ist doof, Klimaschutz ist wichtig, an Status Quo und Political Correctness wird nur maßvoll gerüttelt, aber immerhin das Pupskonzert am Grunde des Meeresbodens hat es in sich (und dieses letzte Kompliment ist gar nicht so „vergiftet“ gemeint, wie es vielleicht gerade klingt, denn die U-Boot-Sequenz gehört aufgrund ihrer bedingungslosen Blähungs-Konsequenz tatsächlich zu den amüsantesten).

    Für die gute Sache


    Zumindest steht das Team um Erik Haffner („C.I.S.: Chaoten im Sondereinsatz“), der vor zehn Jahren im ProSieben Funny Movie „Rookie – Fast Platt“ durchaus noch potenziell homophobe und rassistische Gags eingestreut hat, damit diesmal ziemlich klar auf der moralisch sicheren Seite. Aber wenn man als Komiker*in für die gute Sache eintritt, dann braucht es umso mehr Biss, um auch weiterhin lustig und nicht nur belehrend zu wirken. Die besten Beispiele dafür sind John Stewart (vor zehn Jahren in der „The Daily Show“), John Oliver (aktuell in „Last Week Tonight“) und mit leichten Abstrichen auch die deutsche Variante „heute-show“ mit Oliver Welke.

    Aber obwohl es ja nicht so schwer sein sollte, mit der Menschheit mal so richtig ins Gericht zu gehen, wagt sich „Die Geschichte der Menschheit – leicht gekürzt“ zu selten in jene bitterbösen Grenzbereiche, wo einem das Lachen vielleicht auch mal im Halse steckenbleibt. Selbst Max Gierman als Klaus Kinski als Jesus, der sich zur Befriedigung seiner theatralischen Egomanie selbst mit rostigen Nägeln ans Kreuz schlagen lässt, wird kaum jemanden wirklich provozieren. Und wo genau der Gag ist, wenn der Film das fehlgeschlagene Staufenberg-Attentat einfach zu einem vollen Erfolg umdichtet, wird auch nicht so ganz klar – dabei ist die erste Pointe, wenn sich ein nur vermeintlicher Verschwörer plötzlich als Mitglied der Planungskommission für Hitlers Überraschungs-Geburtstagsfeier entpuppt, noch echt gelungen. Es ist ein häufigeres Problem, dass die einzelnen Sketche nach dem Überschreiten ihres Zenits einfach noch weiterlaufen.

    Wenn schon Pups-Humor, dann bitte auch richtig! In dieser Hinsicht kann man dem Film absolut keinen Vorwurf machen.


    Was hingegen ganz anständig unterhält, sind einige direkte Rückgriffe auf wiederkehrende Elemente der Fernsehserie, die auch im Kino funktionieren, obwohl die zusätzlichen Möglichkeiten der großen Leinwand abseits einiger Drohnen-Aufnahmen nur selten ausgenutzt werden: So werden Horst (Alexander Schubert) und Jürgen (Holger Stockhaus) vom Handwerksbetrieb Kasallek Konopke diesmal mit dem Bau der Chinesischen Mauer beauftragt – fernöstlicher Gigantismus trifft auf Berliner Betulichkeit. Und wenn sich Bastian Pastewka als Al Capone in ein dadaistisches Sprichwort-Duell stürzt, dann beherrscht der „Wochenshow“-Kultstar diese Art der sprachbasierten Anti-Comedy natürlich im Schlaf, selbst wenn dabei nichts Neues mehr rumkommt.

    Nur schade, dass „Die Geschichte der Menschheit – leicht gekürzt“ dann noch mal auf einem besonderen Tiefpunkt endet (bevor im Abspann mit einem tatsächlich ziemlich schmissigen Song der bald wohl unvermeidliche Untergang der Menschheit besungen wird): Weder die Filmemacher*innen noch Schauspielerin Jeanette Hain finden einen Zugang dazu, wie man sich zur im Jahr 2050 dann 47-jährigen Greta Thunberg verhalten könnte – und so passiert da abgesehen von einer leicht schrägen Körperhaltung komödiantisch einfach mal gar nichts...

    Fazit: Hätte ruhig noch ein wenig mehr gekürzt (und bissiger!) werden dürfen.

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