Burtons „Forrest Gump“: Zwischen Emotion und Egoismus
Tim Burton, ein Name, der mehr über seinen Stil aussagt als über ihn als Regisseur. Burton steht seit den frühen 90ern für skurrile, düstere und fantastische Welten. Dabei schuf er Filme, für Familien („The Nightmare Before Christmas“), aber auch für ältere Zuschauer („Sleepy Hollow“). Wirklich reife und erwachsene Filme drehte Burton aber bis 2003 nur einmal: „Ed Wood“. Für mich sein sicherlich bestes Werk. Danach folgten eher mäßige bis katastrophale Filme, wie der alberne „Sleepy Hollow“ (1999) und das missglückte Remake von „Planet der Affen“ (2001). Doch 2003 entschied sich Burton dann für die Verfilmung von „Big Fish“ nach dem Roman von Daniel Wallace. Bevor Burton jedoch überhaupt in Betracht gezogen wurde, waren große Namen wie Steven Spielberg und sogar Stephen Daldry vorgesehen. Besonders Daldry wäre eine tolle Wahl gewesen, da sein großartiger Film „Billy Elliot“ gerade mal drei Jahre alt war und die Filmwelt begeistert hatte. Letztendlich fiel die Wahl jedoch auf Burton, der ein „kleineres“ Projekt nach „Planet der Affen“ sehr begrüßte. Und das merkt man auch, denn „Big Fish“ ist einer seiner ehrlichsten und untypischsten Filme mit einigen wirklich berührenden Momenten.
Das Leben von Edward Bloom ist aufregend und fantastisch. Fast zu schön, um wahr zu sein, so empfindet es jedenfalls sein Sohn William. Während der Vater sehr überzeichnete und extrem ausgeschmückte Geschichten über sein Leben erzählt, will der Sohn lieber die Wahrheit hören. Über die Jahre hinweg bricht der Kontakt ab, bis eines Tages William einen Anruf von seiner Mutter bekommt: Sein Vater, Edward, liegt im Sterben…
Eine wahrlich berührende Story wird hier erzählt und ich meine nicht mal unbedingt die Lebensgeschichte von Edward. Die wird sehr klassisch für Burton inszeniert, mit starken Farben, fantastischen Bildern, überzeichneten Figuren und viel Kitsch. Daneben erleben wir aber auch die Geschichte in der „Wirklichkeit“ und das Drama innerhalb der Familie Bloom. Die Auseinandersetzung zwischen Edward und seinem Sohn William sind wirklich herzergreifend und gipfeln in einem wahrlich wunderschönen Ende, vielleicht das beste Ende, was Burton je geschaffen hat. Denn statt sein typisches Ding zu machen, besinnt er sich auf die Geschichte und die Figuren, lässt ihnen die Bühne hält die Kamera einfach drauf, ohne großen Schnickschnack. Und manchmal sind es eben diese simplen, aber kraftvollen Momente, die einen Film wie „Big Fish“ so außergewöhnlich machen.
Das bedeutet nicht, dass der restliche Film langweilig oder schlecht wäre: Die kunterbunte Reise von Edward durch die Welt ist unterhaltsam, absurd und stellenweise herrlich charmant und überzogen. Dabei sind es vor allem die Nebenfiguren, die Bloom trifft, die den Film so besonders machen: Vom sanften Riesen Karl bis hin zur mysteriösen Hexe mit dem Zauberauge.
Und trotzdem gibt es einige Dinge, die der Film leider nicht so gut umsetzt: Da wäre zunächst die Tatsache, dass Edward Bloom selbst als der charmante Held dargestellt wird, er aber so manche Probleme mit sich bringt, die nicht thematisiert werden. Zum einen bedrängt er die Frau, in die er verliebt ist, mehrmals, obwohl sie nein zu ihm sagt. Dieser Moment ist relativ kurz, aber leider wie so oft in diesem Filmen extrem romantisiert dargestellt. In einem anderen Film wäre Edward hier nicht der Held, sondern der gruselige Stalker, vor dem man sich in Acht nehmen muss. Weiterhin ist Edward ein ganz schöner Narzisst (ironischerweise sind Narzissen die Lieblingsblumen seiner Frau), was im Film auch ganz klar gezeigt und zelebriert wird. Und ja, hier und da ist das auch sehr sympathisch und ab und zu kriegt er auch Widerspruch. Aber gerade als älterer Mann ist er nicht bereit seinem Sohn entgegen zu kommen. Er verändert sich nie und beharrt bis zum Ende darauf, dass alles so passiert, weil er das möchte. Dass er seinem Sohn nicht mal ein bisschen entgegen kommt und ihm zumindest einmal „Tut mir Leid“ sagen kann, finde ich sehr schade und macht die Hauptfigur hier und da sehr uncharmant. Würde Edward aus seinen Fehlern lernen, wäre das etwas anderes, aber das passiert nicht wirklich. Da fallen dann kleinere Problemchen, wie einige rassistische Stereotypen, kaum noch auf…
Der Cast ist sehr ordentlich mit Ewan McGregor als sympathisch, junge Version von Edward Bloom, die wie ein klassischer Märchenprinz daher kommt. Daneben überzeugen Steve Buscemi, Billy Crudup, Danny DeVito, Jessica Lange und Matthew McGrory als Riese Karl. McGrory verstarb leider nur zwei Jahre später und wurde gerade mal 32…
Technisch ist „Big Fish“ sehr schön anzusehen und hat eine träumerische Atmosphäre. Im Gegensatz dazu stehen die eher statischen Bilder in der „Realität“ und bilden einen passenden Kontrast zwischen Edwards fiktiver Welt und der echten Welt. Auch die Effekte sind eher klassisch gehalten, ohne CGI, was dem Ganzen einen deutlich echteren Look verschafft, auch wenn ein paar digitale Momente vorhanden sind (wie die siamesischen Zwillinge). Musikalisch durfte wieder Danny Elfman ran. Sein Score ist ebenfalls recht untypisch für ihn mit einigen Country-Elementen und tollen Pop- und Rocksongs der 50er. Der Soundtrack war sogar für einen Oscar nominiert.
Fazit: „Big Fish“ ist in vielen Bereichen ein wunderschöner und ergreifender Film, besonders, wenn man eine gesunde Portion Kitsch mag. Und Tim Burton schuf einen seiner intimsten Filme, was ich sehr schätze. Dennoch hat das Werk seine Macken und besonders die Hauptfigur hätte deutlich aufrichtiger und facettenreicher gestaltet werden müssen. Nach wie vor aber ein sehenswertes Fantasydrama!