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    Ballad Of A White Cow
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Ballad Of A White Cow

    Die Crux mit der Moral

    Von Michael Meyns
    Kaum ein Kino der Welt ist so sehr auf die Moral fokussiert wie das iranische. Praktisch jeder auf internationalen Festivals gezeigte Film aus dem Land beschäftigt sich mit ungerechten Gesetzen oder moralischen Zwickmühlen. So zuletzt auch das episodische Todesstrafe-Drama „Das Böse gibt es nicht“, für den der noch immer unter Hausarrest stehende Mohammad Rasoulof 2020 den Goldenen Bären gewann. In diesem Jahr ist Rasoulof nun – per Zoom zugeschaltet – selbst Teil der Berlinale-Jury und dürfte den Film seiner Landsleute Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam durchaus mit Wohlwollen betrachten. Denn „Ballad Of A White Cow“ ist klassisches iranisches Festivalkino: streng gefilmt, intellektuell komplex und moralisch ambivalent.

    Vor einem Jahr ist Babak wegen Mordes hingerichtet worden. Nun erfährt seine Witwe Mina (Maryam Moghaddam), dass ein Justizirrtum vorlag. Eine Entschuldigung kann sie vom Staat nicht erwarten, mit einigen Tausend Euro Blutgeld soll die Sache erledigt sein. Doch Mina will nicht klein beigeben: Sie verlangt eine offizielle Entschuldigung! Von ihrer Familie kann sie keine Unterstützung erwarten, allein der schweigsame Reza (Alireza Sanifar) unterstützt sie. Ganz plötzlich stand er vor ihrer Tür, angeblich, weil er Babak Geld schuldete. Aber bald wird deutlich, wer Reza wirklich ist, nämlich einer der Richter, die Babak irrtümlicherweise zum Tode verurteilt haben…

    Mina erfährt, dass ihr wegen Mordes hingerichteter Mann unschuldig war.


    Eine weiße Kuh in einem kargen, leeren Innenhof, am Rand schwarze Gestalten, vielleicht Gefangene. Mit diesem eindringlichen Bild beginnt und endet „Ballad Of A White Cow“. Es ist ein Anspielung auf die zweite Sure des Koran, die als „Sure der Kuh“ bekannt ist. Mit 286 Versen ist diese Sure die längste der Textsammlung, die im Iran auch heute noch die Basis für weite Teile des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens und damit auch für das Rechtswesen darstellt. Archaisch anmutende Konzepte von Schuld und Vergebung, von einer Rechtsprechung, die auf dem Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn basiert; in der der Wert des Menschen genau berechnet ist, Schuldzahlung für abgetrennte Körperglieder oder ausgestochene Augen genau festgelegt sind. Und das in einer Welt der Moderne, auch wenn gerade Frauen im Iran davon oft noch nicht allzu viel mitbekommen.

    In dieser Welt lebt Mina, die es als nun alleinstehende Frau besonders schwer hat. Weil sie einen fremden Mann hereinlässt, wird sie gleich nach dem ersten, vollkommen harmlosen Besuchs Rezas zu allem Überfluss aus ihrer Wohnung geworfen, dabei muss sie doch auch noch in einer Milchfabrik arbeiten und ihre gehörlose Tochter versorgen. Dramaturgisch ist das eine etwa arg forcierte Anhäufung von Schicksalsschlägen, die es gar nicht gebraucht hätte. Denn im Zentrum geht es ihr und dem Film ja um Gerechtigkeit, um Erklärungen und Antworten für den Justizirrtum, den scheinbar niemand zu verantworten hat.

    Die eine entscheidende Frage


    Ähnlich wie in „Das Böse gibt es nicht“ geht es weniger um die grundsätzliche Frage, ob die Todesstrafe akzeptabel oder gerecht ist. Vielmehr kristallisiert sich auch in „Ballad Of A White Cow“ erst langsam die eigentlich Fragestellung hinaus: Kann sich ein Individuum, das in einer Gesellschaft lebt, in der das nach westlichem Verständnis archaische Scharia-Rechtssystem gilt, den Konsequenzen dieses Systems überhaupt entziehen? Je enger das Verhältnis zwischen Mina und Reza wird, je mehr ausgerechnet der Mann, der seinen Teil zum Tode ihres Mannes beigetragen hat, als rettender Engel agiert, desto klarer wird, dass „Balld Of A White Cow“ auf eine einzelne entscheidende Frage hinauslaufen wird: Wie wird Mina reagieren, wenn sie die Wahrheit erfährt?

    Wird sie selbst so agieren können, wie sie es sich vom System wünschen würde? Oder ist sie selbst unwillentlich in diesem System und seiner (Un-)Moral gefangen? Lange Zeit entwickelt sich dieses streng gefilmte Drama auf Sparflamme, wirkt oft geradezu schlicht und für iranische Filmverhältnisse simpel – zumindest bis das Regieduo erst ganz kurz vor Schluss die ganze Komplexität und Ambivalenz seines Moral-Konstrukts offenbart.

    Fazit: Klassisches iranisches Festivalkino – Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam thematisieren in „Ballad Of A White Cow“ komplexe moralische Fragen in strenger, präziser filmischer Form.

    Wir haben „Ballad Of A White Cow“ im Rahmen der Berlinale 2021 gesehen, wo er in den offiziellen Wettbewerb eingeladen wurde.

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