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    Natural Light
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Natural Light

    Die Frage nach der Schuld in Zeiten des Krieges

    Von Michael Meyns
    Es gibt kaum noch einen Aspekt des Zweiten Weltkriegs, der 75 Jahre nach seinem Ende noch nicht in Romanen oder Filmen thematisiert wurde. Aber Dénes Nagy setzt mit seinem Debütfilm „Natural Light“, mit dem er es auf Anhieb in den Wettbewerb der Berlinale geschafft hat, dennoch neue Akzente, indem er von ungarischen Truppen erzählt, die nach der Besetzung ihres Landes gegen russische Partisanenverbände kämpfen (müssen). Diese historische Begebenheit ist jedoch nur Ausgangspunkt für einen fast schon meditativen, in brillanten Bildern gehüllten Kriegsfilm, der herausfordernde Fragen nach persönlicher Verantwortung in Zeiten kollektiver Verbrechen stellt.

    Russland, 1943: Der Zweite Weltkrieg tobt und hat seltsame Verbindungen hervorgebracht. Seit Ungarn von Deutschland besetzt ist, werden ungarische Truppen in russisches Gebiet geschickt, um dort gegen einheimische Partisanenverbände zu kämpfen. Unter den Soldatzen ist auch der schweigsame Semetka (Ferenc Szabó), der beobachtet und fotografiert. Mit seiner Einheit gerät er in einen Hinterhalt, auch sein Kommandant wird getötet. Nun liegt es an Semetka, die Bewohner eines nahegelegen Dorfes zu verhören und möglichen Verrat aufzudecken. Mit seinen Sympathien für die Bewohner steht Semetka allerdings allein in seiner Einheit da…

    Dénes Nagy beleuchtet in "Natural Light" eine wenig bekannte Episode des Zweiten Weltkriegs.


    Dénes Nagy, von dem auch das Drehbuch stammt, hat sich für seinen Debütfilm einen wahrhaft epischen Roman vorgeknöpft – allerdings auf eine ungewöhnliche Weise: Der Autor Pál Závada beschreibt auf den mehr als 600 Seiten der Vorlage einen Zeitraum von 20 Jahren – aber in seiner Verfilmung beschränkt sich Nagy lediglich auf einen kleinen Ausschnitt davon. „Natural Light“ spielt an nur drei Tagen – und es ist offensichtlich die Hauptfigur des Semetka, die Nagy ganz besonders interessiert hat. Auch wenn dieser Semetka in praktisch jeder Szene des Films auftaucht, bleibt er fast vollständig stumm – er ist ein Beobachter, oft im Hintergrund, wahrt auch zu seinen Kameraden (und zu ihren Taten) stets eine gewisse Distanz.

    Als Invasoren ziehen die ungarischen Soldaten durch die dichten Birkenwälder, leben mit der ständigen Gefahr, von einheimischen Partisanenverbänden angegriffen zu werden. Zwischen den Fronten stehen die Bewohner der kleiner Dörfer, kaum mehr als ein paar Häuser, zwischen denen der Matsch steht, bewohnt von ausgemergelten Gestalten, die nach Jahren des Krieges nur noch überleben wollen. Zieht ein Kampfverband vorbei, ganz egal von welcher Seite, dann muss das Dorf ihn versorgen, auch wenn kaum noch Lebensmittel für das eigene Überleben vorhanden sind. Während seine Vorgesetzten es sich gut gehen lassen, trinken und vergewaltigen, betrachtet Semetka die Vorgänge zurückhaltend, manchmal meint man sogar Empathie in seinem Gesicht und in seinen unglaublich müden Augen zu entdecken.

    Was kann / muss ein einzelner tun?


    Doch bald wird diese Empathie auf eine schwere Probe gestellt: Kurz nach Verlassen des Dorfes gerät der Kampfverband in einen Hinterhalt und wird von Partisanen angegriffen. Sofort werden die Bewohner des Dorfes des Verrats verdächtigt – und spätestens wenn sie in einer Scheune eingesperrt werden, ahnt man, was passieren wird. Und es passiert tatsächlich, ohne besondere Dramatik, ohne jede Emotion seitens der Täter. Der Schauplatz und das Sujets von „Natural Light“ erinnern an Elem Klimovs Klassiker „Komm und sieh“. Aber was den Ton angeht, könnten die Filme kaum unterschiedlicher sein. So grell, ja geradezu hysterisch Klimovs Darstellung der Gräuel des Krieges oft wirkt, so zurückgenommen, fast schon distanziert schildert Nagy die Ereignisse. Und wirft gerade durch diese Distanz universelle Fragen auf, die möglicherweise auch seine Hauptfigur Semetka umtreiben: Was kann ein einzelner Mensch im angesichts von Kriegsverbrechen tun? Trägt ein Soldat wie Semetka Verantwortung für Taten, deren Zeuge er wird, die er aber realistischerweise nicht verhindern kann?

    Auch wenn „Natural Light“ ein Langfilmdebüt ist, ist Dénes Nagy längst kein Newcomer mehr: Ein Dutzend Kurzfilme und Dokumentationen hat der 1980 geborene Ungar bereits gedreht und dabei vor allem formale Qualitäten entwickelt, die ihm nun zugutekommen. Ein Film der Blicke, ein Film des Sehens ist „Natural Light“, voller Details, kleiner Momente, die leicht zu übersehen sind. Gefilmt in präzisen Breitwandbildern wähnt man sich bisweilen geradezu in einer Dokumentation, verfolgt eine Episode des zweiten Weltkriegs, die unerbittlich abläuft, die ganz bewusst ohne dramatische Höhepunkte inszeniert ist, aber gerade dadurch beinharte existenzialistische Fragen aufwirft.

    Fazit: Ein formal und inhaltlich bemerkenswertes Debüt – ein Kriegsfilm, der betont undramatisch inszeniert ist und dennoch drängende Fragen nach Verantwortung und Schuld aufwirft.

    Wir haben „Natural Light“ im Rahmen der Berlinale 2021 gesehen, wo er in den offiziellen Wettbewerb eingeladen wurde.
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