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    Anmaßung
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Anmaßung

    Die Banalität der Banalität des Bösen

    Von Lucas Barwenczik
    Das True-Crime-Genre hat seit den Sechzigerjahren einen unaufhaltsamen Siegeszug angetreten. Ob Podcasts, Literatur, Filme oder Serien – überall werden reale Morde nacherzählt und mehr oder wenig tiefgehend analysiert. So alt wie das Genre ist auch die Kritik daran, die Taten würden sensationsgierig ausgeschlachtet. Und die Frage, was dargestellt werden kann, muss und darf. Sollte des einen Leid wirklich des anderen Abendunterhaltung sein?

    Auch für die Filmemacher Chris Wright und Stefan Kolbe scheint es eine „Anmaßung“ zu sein, Verbrecher oder Verbrechen einfach zu zeigen. In ihrem Dokumentarfilm über den Frauenmörder Stefan S. erklären sie so gleich zu Beginn: „Das ist kein Film über Stefan. Es ist ein Film darüber, wie wir uns unser Bild von ihm machen.“ Dem Sog seines Schreckens entkommt „Anmaßung“ trotzdem nicht.

    Weil Stefan S. anonym bleiben will, stellen zwei Puppenspielerinnen einige Gespräche mit ihm nach.


    Stefan S., der Name wurde natürlich geändert, stalkte und ermordete im Jahr 2003 eine Arbeitskollegin und wurde dafür zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Die Filmemacher treffen und interviewen ihn über Jahre hinweg im Gefängnis und unternehmen sogar Ausflüge mit ihm. Statt diese Begegnungen direkt zu zeigen, lassen sie Gespräche mit ihm nachstellen. Dazu kommt eine bösartig dreinblickende Puppe zum Einsatz, die an ein großes Baby erinnert. Ergänzt werden diese Performances um Aufnahmen von den Orten, an denen S. gelebt und gearbeitet hat. Dazu gibt es klassische Interviews, etwa mit Therapeuten.

    Eine andere wiederkehrende Situation erinnert an eine Videoinstallation: Aufnahmen von S. werden auf eine Leinwand projiziert, dabei hält man ihm Gipsmasken vors Gesicht. Ein Teil des verwendeten Bildmaterials stammt sogar vom Mörder selbst: In einer schnellen Montage werden Fotos (Blumen, Statuen, Erotikkalender) von seinem Handy gezeigt, auch bei Besuchen in Zoo oder Naturkundemuseum hat er mitgefilmt.

    Wer? Was? Wo? Wann? Wie? Warum?


    Im Voiceover werden die Erfahrung mit dem Verurteilten nacherzählt oder Ausschnitte aus dem Urteil vorgetragen. Die meisten True-Crime-Produktionen gehen auf Spurensuche. Sie stellen die journalistischen W-Fragen: Wer, was, wo, wann, wie, warum? Und obwohl diese Fragen hier nur selten laut gestellt werden, bilden sie auch die Grundlage von „Anmaßung“. Über Stefan S. werden große Mengen von Informationen zusammengetragen. Wir erfahren von seiner Jugend und den Besuchen bei seiner Großmutter. Von seiner Angst vor Hunden und dass er lange Bettnässer war. Seine Jugend ist voll von Demütigungen, gerade sexueller Natur. Er gibt ungern Geld für Nahrungsmittel aus und bedient sich lieber an Abfallcontainern. Im Gefängnis bastelt er Postkarten, die er für Geld verkaufen lässt. Einmal wird über die Musik gesprochen, die er gerne hört. Die deutsche Rockband „Oomph!“ gehört dazu.

    Nur selten werden derartige Details ausgewertet und analysiert. Statt jede Kleinigkeit als Indiz zu deuten, hält sich der Film mit voreiligen Schlüssen eher zurück. Natürlich werden zeitgenössische Diskurse bedient, so geht es etwa um Männlichkeit und die zuletzt oft diskutierte „Incel“-Kultur. Doch meist werden die Informationen lediglich zusammengetragen. Man ertrinkt förmlich in Nebensächlichstem, im öden Alltag, in einer grauen, leeren Welt. „Anmaßung“ ist ein ungemein langweiliger Film und soll genau das vielleicht auch sein. Der Fall von Stefan S. ist so erschreckend wie gewöhnlich. Er ist kein interessanter Mensch, ohne seinen Mord würde man weder mit noch über ihn reden. Seine Tat ist böse, er ist banal.

    In der Fabrik, in der Stefan S. einst seine Ausbildung gemacht hat, laufen (die) Fäden zusammen.


    Ein Erkenntnisgewinn ist das allerdings nicht - auch die Banalität des Bösen ist längst zum Klischee geworden. Sie ist selbst banal. Man könnte das Ganze vielleicht noch als eine Art Metakommentar lesen: Filme dieser Art arbeiten sich an Details ab und erzeugen dadurch die Illusion, etwas über Verbrecher auszusagen. Oder über Gewalt, die Gesellschaft, das Justizsystem – was auch immer. Dabei werden dem Publikum nur zahllose Köder vor die Füße geworfen. Objekte und Orte, die es erkennt und dadurch mit Bedeutung aufladen kann, um ihrem langweiligen Alltag den Nervenkitzel einer Kriminalgeschichte zu verleihen.

    Viele der Bilder zeigen leere Räume und Landschaften. Darunter findet sich die Schule, die der Mörder besucht hat, die Textilfabrik, in der er gearbeitet hat, später auch das Dorf, in dem er gemordet hat. Die Kamera sucht sie ab und der Zuschauer muss sie selbst mit Leben (und Tod) füllen. Die Fabrik mit den verschiedenen zusammenlaufenden Fäden gerät dabei zur etwas plumpen visuellen Metapher.

    Der, dessen Namen man nicht sagt


    Störend ist auch die dissonante, gruselige Klaviermusik, die nicht so recht zu der bemüht nüchternen Sprecherstimme passt. „Anmaßung“ wirkt oft unentschlossen oder sogar inkonsequent. Der Film versucht, den Täter nicht zu zeigen. Er ist immer nur fast im Bild. Sein Körper mit verzerrtem Gesicht, seine Projektion auf unebenem Grund. So wie ein Monster im Horrorfilm lange im Schatten verborgen bleibt. Auf kuriose Weise wird er gerade durch die reflektierte, selbstkritische Form des Films zu einem großen, düsteren Mysterium. Der, dessen Namen nicht genannt, dessen Gesicht nicht gezeigt werden darf.

    Es ist ohnehin eine bemerkenswerte Entwicklung, dass Unterhaltungsprodukte mittlerweile oft ihre eigene Legitimation mitliefern. Manche stellen ihre gesellschaftliche und politische Bedeutung so stark aus, dass es kaum zu übersehen ist. Andere Filme betonen stolz, was sie alles nicht zeigen. In beiden Fällen geht es auch darum, die moralischen Bedenken des Zuschauers zu zerstreuen. Das laute Nachdenken beseitigt das Unbehagen beim Konsum von Gewalt. Es geht ja schließlich nicht um Voyeurismus – wie bei Stefan S. – sondern um die Frage, wie Bilder entstehen!

    Die beiden Filmemacher verbergen sich gemeinsam mit ihrem Protagonisten hinter Masken.


    Es ist eine Sache, das eigene Handeln und Filmen zu reflektieren. Aber eine ganz andere, die eigenen Zweifel zu einem Schild zu formen. Das ist die wirkliche Anmaßung des Films: Etwas wohl immer noch Diskutables zu tun, aber die Diskussion bereits im Film selbst abwickeln zu wollen. „Anmaßung“ braucht letztlich weder Kritiker noch Zuschauer. Der Film genügt sich selbst, und das genügt bei diesem Thema nicht.

    Fazit: Ein wenig konsequenter Dokumentarfilm über das Zeigen von Verbrechen und Verbrechern. Wenn sich eine Produktion für sich selbst schämt, ist das selten ergiebig. „Anmaßung“ gibt sich zurückhaltend, ist es aber gerade in seiner vermeintlichen Neutralität zu keiner Sekunde.

    Wir haben „Anmaßung“ im Rahmen der Berlinale 2021 gesehen, wo er in der Sektion Forum gezeigt wird.

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