Tár
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2,5
Veröffentlicht am 6. Januar 2026
“Tár” ist ein Film, der für Cate Blanchett gemacht wurde. Alles dreht sich um ihre Figur, die gesamte Handlung und auch alle Nebencharaktere drapieren und arrangieren sich um sie herum. Dabei wird auch nicht so richtig klar, was denn so die eigentliche Handlung des Films ist. Wir sehen Lydia Tár bei alltäglichen Tätigkeiten, beim Essen, beim schlafen, beim Autofahren, im Flugzeug, beim Unterricht, bei einem Interview undsoweiterundsofort. Dabei entwickelt sich so mehr oder weniger nebenbei das Bild einer starken Frauenfigur, die sich in einer männerdominierten Szene behaupten muss. Cate Blanchett spielt überragend, man könnte fast meinen, es ist eine Dokumentation, ihre Performance ist so intensiv und so überzeugend, es ist allein deswegen schon so eine wahre Freude, den Film anzuschauen.

Für mich hat der Film dennoch nicht wirklich funktioniert. Diese Welt der klassischen Musik ist für mich so fremd wie der Mars und so weit weg von meiner Lebenswelt, wie es kaum mehr geht. Daher konnte ich auch so gar nicht relaten und mich da irgendwo wiederfinden. Tatsächlich haben mich die endlosen Diskussionen und Dialoge im Verlauf ziemlich gelangweilt, streckenweise habe ich auch nur Bahnhof und Bratkartoffel verstanden, das hat nicht so viel Spaß gemacht. Gleichwohl kann ich aber die Intention dieses Films spüren und Cate Blanchetts Performance ehrlich wertschätzen. Nur der Film drumherum wollte nicht interessant sein. Und fast drei Stunden Laufzeit sind dann auch echt einfach zu lang.
Thomas Z.
Thomas Z.

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4,5
Veröffentlicht am 5. Januar 2025
Ein köstlicher Film.
Als alter, weißer CIS-Mann habe ich mir, angesichts dieser brillant geschriebenen Dialoge, innerlich des öfteren vor Begeisterung auf die Schenkel geschlagen. Todd Field, der in seiner dritten Regiearbeit auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnete, hat ein untrügliches Gespür für einen sehr hintergründigen und scharfen Humor. In einem Punkt muss ich allerdings Filmstarts-Redakteur Björn Becher widersprechen: Wenn man so rein gar nichts mit klassischer Musik anfangen kann, dann kann man sich "Tár" sparen; das kann auch die fantastische Cate Blanchet über knapp 160 Minuten Laufzeit nicht kompensieren. Im Grunde ist es ähnlich, wie bei "Whiplash", wenn man eine gewisse Akzeptanz für die jeweilige Musikrichtung in sich trägt, erleichtert das den Zugang ungemein. Ich kann beispielsweise mit deutscher Volksmusik oder Ballermann-Gröl-Tracks NULL anfangen und würde mir einen Film zur entsprechenden Thematik höchstwahrscheinlich auch schenken wollen. Über diese beiden Genres hinaus, muss mir Musik einfach nur gefallen, ob das nun Dark Jazz, Doom Metal, Alternative, sonst was oder eben auch Klassik ist, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. "Tár" kam mir allerdings sehr entgegen, da Gustav Mahler einer meiner Lieblingskomponisten ist, und ich auch Hildur Gođnadóttir schätze.
Lange Einleitung, nur kurz und knapp zum eigentlichen Film:
Lydia Tár (Cate Blanchet) ist eine Star-Dirigentin und -Komponisten, geschult von Leonard Bernstein, und ist auf dem Zenit ihrer Karriere angekommen. Gut zweieinhalb Stunden begleiten wir sie bei der Demontage ihres Lebens, in beruflicher und privater Hinsicht. Cate Blanchet hätte für ihre absolut herausstechende Performance den Oscar mehr als verdient gehabt. Ich habe wirklich nichts zu meckern, habe mich keine Sekunde gelangweilt und fand darüber hinaus die deutsch-britische Cellistin Sophie Kauer bei ihrem Schauspiel-Debüt mehr als überzeugend. Final-Szene ist so bitter und doch irgendwie auch hoffnungsvoll.
Toller Film!!!
Manuel Hammer
Manuel Hammer

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5,0
Veröffentlicht am 23. Oktober 2024
Als Synästhetiker werden Menschen bezeichnet, die Töne nicht nur hören, sondern auch sehen. Beim Erklingen von Musik tanzen verschiedene Farben, geometrische Figuren und Formen vor den Augen des synästhetischen Hörers. Auch wenn wir nicht zu dieser kleinen Schar gehören, verbindet der grandiose Film "Tár" die beiden Sinneswahrnehmungen des Hörens und Sehens auf fulminante Weise miteinander.
Auf der ersten Ebene sehen wir einen Film über die außergewöhnlich erfolgreiche Dirigentin Lydia Tár (gespielt von Cate Blanchett), ihres Zeichens künstlerische Leiterin der Berliner Philharmoniker und kurz vor Abschluss eines großen Projekts: der Live-Einspielung der großen 5. Sinfonie Gustav Mahlers. Jäh wird diese atemberaubende Karriere durchkreuzt durch Anschuldigungen schweren Machtmissbrauchs, fragwürdige Entscheidungen der Maestra und Intrigen im eigenen Umfeld. Dabei zeichnet Regisseur Todd Field kein einfaches moralisches Schwarz/Weiß. Vielmehr bleiben alle Figuren im Ambivalenten, die Grenze zwischen Täter und Opfer verschwimmt, Sympathie und Antipathie lassen sich nicht leicht verteilen. Und doch wird die zentrale Frage nach Schuld und Verantwortung nicht einfach beiseite gewischt, sondern bleibt als Stachel im Fleisch des Zuschauers stecken. Allein diese erste - vielleicht am ehesten als "Plot" bezeichnete - Ebene verdient höchste Anerkennung.
Doch auf der zweiten Ebene der ästhetischen Verbindung von Hören und Sehen - eben der Synästhesie - entfaltet der Film eine Kraft, wie sie selten zu erleben ist. Natürlich hören wir viel Musik: in Proben und bei Konzertauftritten. Daneben führen die Figuren immer wieder kunst- und musiktheoretische Dialoge, die selbst dem Laien eine Ahnung vom Zauber der Musik geben können. Dieser Fokus auf Musik kann bei einem Film wie "Tár" eigentlich nicht überraschen und tut es doch im Vergleich zu Bradley Coopers völlig missratenem, weil unmusikalischem "Maestro" über den Dirigenten Leonard Bernstein, der in unserem Film immerhin als Lydia Társ Mentor vorgestellt wird.
Nur bleibt es nicht bei der Musik. Vielmehr tritt mit der Architektur eine weitere Kunstform hinzu. Wir sehen das moderne Haus mit Sichtbetoninterieur, in dem die Hauptfigur mit ihrer Partnerin Sharon Goodnow (gespielt von Nina Hoss) und der gemeinsamen (Adoptiv-) Tochter lebt, wir sehen Társ Berliner Altbauwohnung, die sie zu Übungszwecken und als Zufluchtsort nutzt, wir sehen luxuriöse Gastronomie, in der die Elite der Berliner Kunstszene verkehrt und brav unter sich bleibt. Und natürlich sehen wir die von dem Architekten Hans Scharoun konzipierte Berliner Philharmonie. All diese Bilder machen den Film zu einem Architekturerlebnis und auch zu einem wunderbaren Berlinportrait.
Sie haben eine Strahlkraft und Intensität, wie sie Synästhetiker vielleicht wirklich beim Hören von Mahlers Fünfter sehen. Da ich kein solcher bin, kann ich es nicht beurteilen. Mein Urteil über diesen Film jedoch lautet: ein Meisterwerk.
JepGambardella
JepGambardella

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1,5
Veröffentlicht am 17. Dezember 2023
Tolle Bilder, aber leider keine Storyline. Dadurch so langweilig, dass wir nach 1h abgeschaltet haben.
Ben S
Ben S

19 Kritiken User folgen

5,0
Veröffentlicht am 12. Dezember 2023
Toll gespielt, tolles Drehbuch, unglaubliche Wendungen: Man darf die ganze Zeit mitdenken und nichts wird verraten, damit macht es das für mich zum Film des Jahres 2023!
Rsiekersieker
Rsiekersieker

3 Kritiken User folgen

5,0
Veröffentlicht am 27. November 2023
Exzellenter Film , schauspielerisch sehr stark, gut ausgestattet, sehr gutes Szenenbild, sehenswert auch ein zweites Mal.
Cursha
Cursha

7.500 Follower 1.067 Kritiken User folgen

4,0
Veröffentlicht am 18. August 2023
"Tár" ist schon ein außergewöhnlicher Film. Der Film suggeriert, besonders zu Beginn doch sehr stark ein echtes Biopic zu sein, auch wenn die Geschichte vollkommen erdacht ist, beginnt dann mit dem Abspann nur um erst einmal auf eine sehr lange Podiumsdiskussion zu gehen, die den kompletten Wertegang von Lydia Tár aufzeigt. Auch wenn ich den Film mit über 2,5 Stunden an mancher Stelle doch zu lange finde, so kann ich ihm nicht absprechen, dass besonders der Beginn des Films extrem spannend ist und mitreißend, auch wenn ich, als Nichtklassikmusikexperte, nicht wirklich alles verstehe, worüber sie redet. Spannend ist was man später aus der Figur von Lydia Tár macht, die übrigens hervorragend von Cate Blanchett gespielt wird. Tár ist über den gesamten Film hinweg weder sonderlich sympathisch, noch unsympathisch. Ein Teil von mir konnte ihre Passion für die Kunst sehr gut nachvollziehen. Ihre Methodik wirkt dabei sehr oft unorthodox, wenn gleich ich ihre Intention doch häufig nachvollziehen kann. Besonders zu Beginn des Filmes wird dies durch die Interaktion mit einem Schüler überdeutlich. Dieser blockiert sich selbst durch seine eigene Moral und kann seine politische Einstellung nicht vom Werke trenne, während Tár hier, mit teils überschreitenden Kommentaren antwortet, so kann ich ihre Intention sehr gut nachvollziehen. Beispiele dieser Art finden sich auch in unserer Welt zu genüge, in denen man den Künstler, auf Grund seines privaten Tuns verabscheuen kann, aber sein Werk kann einzigartig sein. Ein solches Bild zeichnet sich über den kompletten Film hinweg ab. Tár selbst hat den vollsten Respekt verdient für ihr künstlerisches Schaffen, ist aber im privaten kalt, unnahbar und schroff. Sie handelt unmoralisch, leugnet die Mitschuld am Selbstmord einer bekannten Komponistin und nutzt ihre Machtposition stark aus. Dabei fällt dies eher später auf, da man ihr, als Frau, tatsächlich zu Beginn noch mehr verzeiht, als es bei einem Mann der Fall wäre. Dabei ist dieser Rollenwechsel so interessant und zeigt auch eine andere Perspektive auf das Thema auf, die kaum groß angesprochen wird. So wird "Tár" zu einem sehr aktuellen Bild der modernen Kunst, der weder verurteilt, noch beschönigt, aber stets ein reflektiertes Bild auf Machtpositionen ist und das Herangehen an Kunst.
Sebastian Schlicht7
Sebastian Schlicht7

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5,0
Veröffentlicht am 25. März 2023
„Time is the thing. Time is the essential piece of interpretation.!

Regisseur Todd Field hat gerade mal drei Filme in seiner Karriere gemacht. Einer davon war „Little Children“, den ich sehr mochte. Der kam 2006 in die Kinos, seitdem hat Field keinen Film mehr gedreht… bis jetzt. 2022 brachte er „Tár“ heraus mit Cate Blanchett in der Hauptrolle. „Tár“ erhielt positive Kritiken, unzählige Preise, darunter sechs Oscar-Nominierungen (inkl. Bester Film). Hat der Film diese Resonanz verdient? In meinen Augen ja. Absolut und vollkommen! „Tár“ ist ohne Zweifel einer der besten Filme des Jahres für mich. Das bedeutet aber nicht, dass Fields Film für jeden geeignet ist.

Die fiktive Dirigentin Lydia Tár ist eine von den ganz Großen. Sie arbeitete mit unzähligen populären Menschen in der Industrie zusammen, hat eine Frau, ein Kind und steht vor ihrem neusten Konzert: Gustav Mahlers fünfte Sinfonie. Doch alles ändert sich als sie eine furchtbare Nachricht von einer ehemaligen Studentin erhält…

„Tár“ beginnt sehr langsam und das sollte man vorher wissen. Zudem taucht der Film immer wieder tief in die Musikgeschichte ein, auch hier könnte der Film einige Zuschauer abschrecken oder vielleicht langweilen. Wer mit klassischer Musik nicht viel anfangen kann, wird hier seine Schwierigkeiten haben, auch wenn der Film sich vor allem um die Protagonistin dreht. Auch die Länge des Films schreckt vielleicht einige ab. Knapp 160 Minuten sind eine ordentliche Laufzeit. Aber für mich zumindest war das kein Problem. „Tár“ ist nämlich nie langweilig. Der Fokus liegt auf Lydia, der Hauptfigur. Und sie ist wirklich faszinierend. Egal ob auf Proben oder im privaten Leben, ihre Figur ist spannend und facettenreich.

Der Film ist zum größten Teil sehr authentisch und realistisch inszeniert. „Tár“ spielt in der heutigen Zeit und baut sogar die Pandemie mit ein. Manchmal wirkt das Ganze fast wie eine Dokumentation, so real kommt einem das Ganze vor. Und trotzdem schafft es Regisseur Field auch metaphorische und symbolische Momente zu kreieren. Das Ganze ist relativ subtil, aber vor allem wenn der Film in eine Art Horror rutscht, dann nimmt sich das Werk auch die kreative Freiheit. Und genau hier wird es spannend: Was ist echt und was nicht? Das ist nicht immer klar und macht den Film so faszinierend, gerade wenn man ihn mehrmals sieht. „Tár“ ist einer dieser Filme, die einem viel Input geben, aber eben auch gezielt einiges weglassen. Man sollte das Ganze also sehr konzentriert und aufmerksam verfolgen, da es im Hintergrund immer wieder Dinge gibt, die den Film und die Protagonistin besser entschlüsseln.

Auch das Element der Zeit spielt eine tragende Rolle. Der Film startet, wie schon erwähnt, sehr langsam, aber das ist nicht immer so. Lydia sagt relativ früh über die Musik, dass das Wichtigste das Tempo ist. Es macht einen Unterschied, ob man ein Stück langsam oder schnell spielt. Und genau so spielt auch Regisseur Field mit dem Tempo der Story. Einige Szenen nehmen sich Zeit und andere scheinen fast zu kurz. Doch genau das liebe ich an dem Film. Dieses Element gibt dem Film eine zusätzliche, spannende Ebene, die sich auf verschiedene Arten interpretieren lässt.

Im Zentrum steht die große Cate Blanchett, die eine ihrer faszinierendsten Rollen spielt. Unfassbar, wie nuanciert ihr Spiel ist, obendrein hat sie auch das Orchester hier und da tatsächlich dirigiert. Aber ich möchte auch den Rest des Casts loben, denn alle geben eine tolle Performance. Die deutsche Nina Hoss zum Beispiel gefiel mir sehr und auch Noémie Merlant ist klasse. Daneben gibt es Mark Strong und Julian Glover zu sehen und Sophie Kauer kann mit ihren Cello-Künsten brillieren. Im Deutschen sind einige Synchronstimmen der Statisten etwas mau, was mich aber nicht gestört hat. Im Gegenteil, sie haben in meinen Augen sogar zum Realismus beigetragen, da auch die Dialoge sehr ehrlich und real wirkten. Todd Field schrieb übrigens auch das fantastische Drehbuch zum Film!

Die fantastische Kamera hat der Film tatsächlich einem Deutschen zu verdanken: Florian Hoffmeister. Beeindruckend! Der Film ist optisch zwar sehr subtil, aber dennoch kraftvoll und interessant gefilmt. Es wurde übrigens auch (passend zur Story) viel in Berlin und Dresden gefilmt.

Sprechen wir noch über die Musik: Hildur Guðnadóttir komponierte einige Stücke zum Film, aber das meiste ist real existierende, klassische Musik von Mahler oder Bach. Interessant ist, dass der Film keine wirkliche Filmmusik hat, nur wenn sie im Film selbst auch zu hören ist. Wobei ich das Gefühl hatte, dass in manchen (eher düsteren) Szenen ein leiser Ton zumindest zu hören war. Aber auch das macht „Tár“ so spannend in meinen Augen und lädt dazu ein den Film wieder und wieder zu schauen.

Fazit: „Tár“ ist ein großartiger Film, der mich noch lange beschäftigen wird. Ein faszinierendes Portrait über eine fiktive Figur in der echten Welt. Mitreißend gespielt, stark gefilmt und fantastisch inszeniert von Regisseur Todd Field!
Kino:
Anonymer User
2,0
Veröffentlicht am 13. März 2023
Ich war von dem Film sehr enttäuscht. Er war langatmig, teilweise unverständlich und nur einem Fachpublikum zugänglich. Machtmissbrauch an Theatern und Orchestern hat es schon immer gegeben. Meine Mutter war Opernsängerin und hat oft von diesen Vorgängen berichtet.
FILMGENUSS
FILMGENUSS

998 Follower 942 Kritiken User folgen

2,5
Veröffentlicht am 3. März 2023
AUS DEM TAKT GERATEN
von Michael Grünwald / filmgenuss.com

Wann geht’s denn endlich los? Eine Frage, die sich nach einer gefühlten halben Stunde Podiumsdiskussion mit Cate Blanchett als Dirigentin Lydia Tár durchaus stellen lässt. Wir haben das nach Abspann aussehende Intro gesehen und folgen nun fachkundigen Fragen, die mit Sicherheit das musikaffine Publikum, insbesondere für Klassik, interessieren wird. Mahler hin, Mahler her, es fallen diverse Namen wie Claudio Abbado, Karajan, Bernstein und Furtwängler. Die Virtuosin zeigt sich gesprächsbereit und engagiert. Ist freundlich, aber bestimmt. Ein Star der Musikszene eben. Ganz oben am Zenit des Schaffens, inklusive Autobiographie und allen wichtigen Preisen, die man nur so abräumen kann – so jemand nennt sich EGOT. Tár ist ein Mensch, der sich dadurch definiert, für die Kunst zu leben und Teil der Kunst zu sein. Über eine halbe Existenz hinweg errichtet sie ihr eigenes strenges, prinzipientreues, fast schon dogmatisches Königreich. Genau so geht klassischer Ruhm.

Nach dem Abarbeiten von Társ künstlerischem Lebenslauf und Verweisen zu möglichen Vorbildern geht Todd Fields Beobachtung ihres Alltags weiter. Und langsam formt sich der Charakter einer selbstbewussten Größe, die ihrem streng durchgetakteten Terminkalender folgt, den ihre persönliche Assistentin Francesca (Noémie Merlant, grandios in Portrait einer jungen Frau in Flammen) schon im Schlaf herunterrasseln kann. Ohne Francesca wäre Tár selbstredend aufgeschmissen, doch im Idealfall soll sich ein Künstler nur auf seine Kunst konzentrieren. Vergessen darf er dabei nicht, auch sozial integer zu bleiben. Tár versucht es, was sich manchmal besser, manchmal schwieriger gestaltet. Es sind die Opfer, die eine Weltberühmtheit bringen muss – es ist der Fokus auf das Perfektionieren schwieriger Stücke vorzugsweise von Mahler oder Beethoven. Das Ensemble des Orchesters ist da nur Werkzeug. Ein liebgewonnenes Werkzeug. Und Tár tut, was sie kann. Vermeidet eklige Arroganz, vergisst manchmal, die ihr zu Diensten Stehenden entsprechend zu würdigen, hat nur das Ziel der Vollendung ihres Schaffens im Blick. Wer sich darauf einlässt, muss scheinbar wissen, wie so jemand tickt.

Und dann passiert das, was Promis manchmal passiert: Tár gerät in Misskredit. Zu Recht oder nicht, wen juckt das schon. Jedenfalls gerät ihre Welt aus den Fugen, nachdem Tár beschuldigt wird, mit dem Suizid einer ehemaligen Musikerin aus ihrem Mentoring-Programm Accordion Fellowships etwas zu tun zu haben. Sexuelle Ausbeutung? Machtmissbrauch? Alles nur Vermutungen, Andeutungen und vage What if-Konstrukte, denen sich Tár nun ausgesetzt sieht. Mit diesem Dilemma unterliegt bald auch ihre Wahrnehmung einer Verzerrung, die Wirklichkeit hat kaum mehr gute Erklärungen parat. Ihr soziales Umfeld zeigt ihr die kalte Schulter, Mentoren und Kollegen üben sich im Schuldspruch aufgrund eines Verdachts, der sich niemals erhärtet. Klar ist der Stern Társ daraufhin auf Sinkflug. Doch eine, die schon alles gehabt hat, muss sich nicht zwingend an einen Zustand klammern, der längst in einen Erfolgstrott verfallen ist.

Der für 6 Oscars nominierte Streifen und nach Little Children Todd Fields erste Regiearbeit nach 16 Jahren ist Arthouse-Kino, welches sich in seiner eigenen Themenwolke – nämlich in der Welt der Klassik und jener, die sie interpretieren – zu sehr bequem macht, um heraustreten zu wollen. Der Schritt in ein anderes Genre als das des Künstlerdramas ist zu zögerlich, um ihn letztendlich getan zu haben. Das Schauspiel von Cate Blanchett hätte es wohl nicht verändert, denn sie genügt sich und dem Publikum vollkommen. Es gelingt ihr, eine Figur mit Biografie zu erschaffen, und noch dazu eine, die man weder verurteilen noch anhimmeln kann – bewundern vielleicht schon, ob ihres Könnens und ihrer Tatkraft. Zu so einer Figur gehören Manierismen und Verhaltensweisen, die aber nichts Pathologisches an sich haben und später auch nicht haben werden. Nehmen wir mal Natalie Portman in Black Swan. Darren Aronofsky hat da viel energischer mit anderen Genres kokettiert, sein Ballettthriller wurde zum polanski’schen Horror, Portman zur Furie. Tár mag zwar auch manchmal austicken, doch richtig manisch wird sie nie. Insofern bleibt Todd mit seiner Halbgöttin im Hosenanzug auf dem Boden, schickt sie vielleicht manchmal durch entrische Gänge, die im Dunklen liegen, will sie aber letztendlich nirgendwo einordnen. Weder als Soziopathin noch als Opfer des Ruhms. Was zur Folge hat, dass bis auf Blanchetts Figur alle anderen Charaktere schemenhaft herumspuken. Genauso vage bleibt die mysteriöse Vergangenheit einer Dreiecksbeziehung und der Stein des Anstoßes, der Problemfall selbst, um welchen sich Társ Schicksal rankt. Reduziert auf Erwähnungen im Gespräch, die man leicht überhören kann, bleibt der Kern des Plots zu volatil, um jene Gewichtigkeit zu erlangen, die er hätte haben sollen. Tár als Film gefällt sich zu sehr in seiner Fachsimpelei und verlässt sich fast ausschließlich auf den Inhalt seiner Dialoge. Todd widersteht dem Versuch, Társ Charakter aus ihrer Reaktion auf die Umstände zu zeichnen, sondern formt sie bereits außerhalb der Geschichte, was dieser viel zu viel Zeit abringt. Das, was interessant ist, kommt als beiläufige Andeutung eines möglichen Skandals zu kurz. Obwohl überall hoch gelobt, empfinde ich Tár als ein Werk, das sich in seinen Prioritäten verpeilt.
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