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    In der Nacht des 12.
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    In der Nacht des 12.

    Mörderjagd ohne Happy End

    Von Gaby Sikorski

    Der Begriff des „femicide“ existiert bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts; seinerzeit bezeichnete er in England generell die Tötung einer Frau. Mitte der 1970er Jahre wurde der Begriff wiederentdeckt und umgedeutet. Seitdem wird der Mord an einer Frau aufgrund ihres Geschlechts als Femizid bezeichnet. Obwohl es unterschiedliche – z. B. soziologische oder kriminologische – Ansätze für die Auseinandersetzung mit tödlicher Gewalt gegen Frauen gibt, hat sich der Begriff weltweit etabliert. Der Mord an Frauen macht zwar einen verhältnismäßig geringen Anteil (etwa 20 Prozent) an der Gesamtzahl der Tötungen aus, doch ist der Anteil von Frauenmorden im so genannten „Intimkreis“ – Bekanntschaften, Freundschaften, Familie, Intimpartner – sehr hoch: In diesem Bereich sind zwei Drittel aller Opfer Frauen, die demnach deutlich häufiger als Männer im Kontext von Beziehungen umgebracht werden. Kurz gesagt: Es ist relativ wahrscheinlich, dass der Mord an einer Frau einen familiären Hintergrund hat, dass er von einem derzeitigen oder ehemaligen Intimpartner verübt wurde oder dass jemand aus dem Bekannten- und Freundeskreis der Täter war. Was aber, wenn eine Frau durch eine brutale Gewalttat sterben musste, aber weder statistische oder kriminologische Überlegungen noch intensive Ermittlungsarbeit zu einer schnellen Aufklärung führen? Der neue Film von Dominik Moll („Die Verschwundene“) behandelt genau einen solchen Fall. Er geht zurück auf das Buch „18.3: Une Année À La PJ“ der Autorin Pauline Guéna, die ein Jahr lang die Arbeit der Kripo in einem Vorort von Paris verfolgen durfte. Einer der Polizisten, den sie dabei kennenlernte, war Yohan. Wie so viele seiner Kollegen hatte auch er einen Fall, der ihn nicht mehr losließ: der Mord an Clara, einer 21-Jährigen, die auf dem nächtlichen Heimweg mit Benzin übergossen und angezündet wurde. Eine Tote und die Suche nach ihrem Mörder – auf jeden Fall ein Rätsel, aber ohne die dazugehörige Entschlüsselung. Selbst wenn man es im Anschluss schnell wieder vergisst und dennoch die ganze Zeit gebannt die Daumen drückt, dass die grausame Tat gesühnt wird.

    Der Mord an Clara lässt die Ermittler – selbst nach Jahren – einfach nicht mehr los.

    Dominik Moll stellt Yohan (Bastien Bouillon) und die Ermittlungsarbeit zur Aufklärung des Mordes an Clara (Lula Cotton-Frapier) in den Mittelpunkt seines Films. Yohan hat gerade die Teamleitung übernommen – sein Vorgesetzter geht in den Ruhestand und wird von den Kollegen mit einer großen Party gefeiert. Am nächsten Morgen fahren die verkaterten Beamten von der Kripozentrale in Grenoble zum Fundort der Leiche am Rande einer Parkanlage in St. Jean de Maurienne, einer Kleinstadt in den französischen Alpen. Die üblichen Untersuchungen nehmen ihren Lauf, die Ermittler*innen arbeiten in Zweierteams. Yohan übernimmt zusammen mit einem Kollegen die heikle Aufgabe, der Mutter (Charline Paul) die Todesnachricht zu überbringen. Erste Befragungen finden statt. Claras beste Freundin Nanie (Pauline Serieys) kannte Clara am besten und gibt zunächst bereitwillig Auskunft. Die Tote hatte offenbar einen festen Freund, Wesley (Baptiste Perais). Doch der Tatverdacht gegen ihn bestätigt sich nicht. Auch Claras Klettercoach Jules (Jules Porier), der sie nicht nur in der Kletterhalle trainierte, sondern sich auch als einer ihrer „Sex Friends“ bezeichnet, erweist sich ebenfalls als unschuldig. Johan und sein Partner Marceau (Bouli Lanners) sind ein eingespieltes Team, doch sie bleiben erfolglos, obwohl sie immer tiefer in Claras Leben und in ihre Beziehungen eindringen. In akribischer Kleinarbeit sammeln sie Informationen, untersuchen Indizien, befragen die Familie, Freund*innen, Bekannte und führen Verhöre mit Verdächtigen. Manchmal sieht es so aus, als stünden sie kurz vor der Aufklärung, doch sämtliche Spuren gehen ins Leere. Die Zeit vergeht und damit sinken die Chancen, den Mörder zu entlarven. Doch für Johan ist der unaufgeklärte Mord an Clara wie eine Wunde, die nicht heilen will. Drei Jahre nach der Tat ändert sich die Situation: Eine neue Spur führt zu einem bisher unbekannten Mann, der durch sein verdächtiges Verhalten die Aufmerksamkeit der Kripoleute erregt...

    Erst der Spoiler, dann die Spannung!

    Ein einsamer Radfahrer, der nachts seine Runden im Velodrom dreht, dazu ein Einblendung mit der Information, dass 20 Prozent aller Mordfälle ungeklärt bleiben würden und dass es in diesem Film um einen solchen Fall geht. Es folgt der Titel ohne Vorspann sowie weitere Einblendungen: „Grenoble, Hotel de Police, 12.10.2016, 21:36 Uhr“. Eine visuelle Ouvertüre, die den düstern-nüchternen Tonfall des Films etabliert: Der Protagonist Yohan wird hier als nächtlicher Fahrradfahrer gezeigt, der sich im wahrsten Sinne des Wortes abstrampelt, dabei aber ruhig und gelassen bleibt. Die Einblendungen erwecken zudem den Eindruck dokumentarischer Authentizität. Aber nicht nur die atmosphärische Schlagrichtung des Films wird vorweggenommen, auch das Ende wird bereits verraten – eigentlich ein Tabu für einen auf Spannung abzielenden Thriller. Ein Regisseur spoilert doch nicht seinen eigenen Film, der noch dazu wie ein klassischer Whodunit anmutet. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen? – gelingt es Dominik Moll, der gemeinsam mit Gilles Marchand auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, eine knisternde Spannung aufzubauen und zu halten. Das ist umso erstaunlicher, da der gesamte Film eher unspektakulär wirkt, manchmal gar sachlich-nüchtern wie eine Reportage, auch was die visuelle Gestaltung betrifft.

    Yohan (Bastien Bouillon) strampelt sich in seiner Freizeit ab, um sich vom ständigen Abstrampeln bei der Arbeit zu erholen.

    Die Kameraarbeit ist durch klare Linien in gut durchdachten, wenig auffälligen Bildern gekennzeichnet. Dazu kommt eine seltene, dann aber gezielte Verwendung von Großaufnahmen. Die Wirkung ist dadurch umso stärker. Der Verzicht auf schnelle Fahrten, das insgesamt eher gemächliche Tempo und eine Farbgestaltung in sanften, dunklen Tönen tragen zu der düsteren Grundstimmung bei, unterstützt von einem Soundtrack, der mit seinen Choreinlagen manchmal etwas übertrieben klerikal wirkt. Auf krimiübliche schnelle Schauplatzwechsel wird ebenso verzichtet wie auf echte Schockmomente. Der Mord wird zwar gezeigt, ist aber zum einen keine Überraschung (sowohl der Filmtitel als auch die Einblendungen bereiten darauf vor) und zum anderen bleibt die Darstellung in einem visuellen Rahmen, der es auch sensiblen Gemütern erlaubt, das Geschehen zu verfolgen. Deutlich stärker als die optische Wirkung ist hier sowieso der psychologische Effekt: die erbarmungslose Brutalität der Tat und Claras grausamer Tod bleiben den gesamten Film über präsent. Die Charakterisierung der Hauptpersonen entwickelt sich parallel zur Arbeit am Fall. Der ernsthafte, schweigsame Yohan steht im Mittelpunkt. Bastien Bouillon spielt ihn souverän und aufmerksam, er braucht weder eine laute Stimme, um sich durchzusetzen, noch beeindruckt er mit Körperkraft – im Gegenteil: Yohan ist ein schmaler, drahtiger Kerl, unauffällig und dennoch präsent. Ein sanftmütiger Polizist, einer von der liebenswürdigen, ruhigen Art. Aber auch, wenn er sehr beherrscht wirkt, sind ihm die Emotionen in Blicken und Gesten anzusehen. Er scheint erfüllt von einer leisen Melancholie, die den gesamten Film durchzieht. Lediglich auf dem Fahrrad kann sich Yohan abreagieren und ersetzt dabei absurderweise das Hamsterrad seiner Arbeit durch das Velodrom. Yohan geht in seinem Beruf auf, er lebt allein, jedoch nimmt er zwischendurch seinen Kollegen Marceau bei sich auf, der aufgrund von Eheproblemen auf dem Kommissariat übernachtet. Yohan und Marceau bilden ein perfektes Team, das sich durch seine Gegensätzlichkeit ergänzt. Bouli Lanners macht aus Marceau einen überschäumenden Charakter, der so offensiv an das Gute glaubt, dass ihm schon mal der Kragen platzt. Er leidet sichtbar unter der Bitterkeit, die ihn immer stärker erfüllt und vielleicht irgendwann zum Zyniker machen könnte.

    Mörderjagd mit einem kaputten Drucker

    Die Ermittler bilden eine verschworene, sympathische Gemeinschaft. Dominik Moll zeigt realistisch, aber ohne die Probleme groß zu thematisieren, ihre immerwährenden Auseinandersetzungen mit der Bürokratie, den Kampf gegen schlechte Arbeitsbedingungen, unbezahlte Überstunden und fehlende finanzielle Ressourcen. „Der Kampf zwischen Gut und Böse mit einem defekten Drucker“, meint einer der Beamten zwischendurch. Dabei ist der Zusammenhalt trotz aller unterschiedlichen Ansichten groß. Erst zum Ende hin dringt eine Frau in diese Männergesellschaft vor, Nadia (Mouna Soualem), die drei Jahre nach dem Mord an Clara Yohans neue Partnerin wird. Mouna Soualem spielt die neue Kollegin als ehrgeizige Einzelgängerin, die sich mit Feuereifer auf die Arbeit stürzt. Parallel dazu nimmt eine neue Untersuchungsrichterin (Anouk Grinberg) den Fall wieder auf und genehmigt zusätzliche Mittel. Auch wenn die Hauptpersonen Männer sind: Die Frauen – die tote Clara, Nanie, Nadia und die Richterin – sind der rote Faden, der alles verbindet. Und irgendwo in diesem Gespinst der Beziehungen zwischen Männern und Frauen könnte auch der Schlüssel zum Mord an Clara liegen, nur werden wir es womöglich nie erfahren. Fazit: Was macht diesen Film so spannend, obwohl das Ende längst verraten wurde? Seine Vielschichtigkeit, die guten Darsteller*innen oder vielleicht doch die unterschwellige Hoffnung, dass der Mörder trotzdem noch gefunden wird und die Welt damit wieder in Ordnung kommt? Letztlich ist „In der Nacht des 12.“ ein Beispiel für einen gelungenen, anspruchsvollen Krimi, der fiktionale und dokumentarische Elemente in einer originellen Handlung vereint. Einer der Grundsätze für die Erzeugung von Spannung in einem Krimi lautet: „Stelle eine Frage und beantworte sie nicht!“ Hier zeigt sich, wie gut diese Regel funktioniert – und dass Dominik Moll sie meisterhaft beherrscht.

     

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