Das atemberaubendste Fantasy-Abenteuer seit "Herr der Ringe"!
Von Christoph PetersenTrotz all der begeisterten Lobeshymnen im Vorfeld habe ich „Wildwood“ eiskalt unterschätzt. Das fing schon auf dem Weg zur Pressevorführung an, als ich ganz naiv davon ausging, dass ein so aufwändiges Stop-Motion-Abenteuer, bei dem jede einzelne Sekunde einen gigantischen Aufwand erfordert, schon nicht länger als 90 oder 100 Minuten sein wird. Tatsächlich sind es 132. Vor Ort gab es zudem ein Gewinnspiel vom Verleih, bei dem es darum ging, die aktiven Drehtage für das neueste Projekt des „ParaNorman“-Studios LAIKA zu tippen. Nun deutet die Wahl der Frage bereits an, dass es vermutlich mehr sind als man denkt – also habe ich meine „ehrliche“ Schätzung einfach verdoppelt und auf 720 gesetzt. Aber Pustekuchen! Selbst damit lag ich noch weit hinter der wahren Zahl, die sich eher im Bereich um 1.150 Drehtage bewegt.
Gut zwei Stunden später stellte sich mir dann allerdings nicht länger die Frage, warum das eigentlich alles so lange gedauert hat. Stattdessen rätselte man nur noch staunend vor sich hin: Wie zum Teufel haben der bisher schon drei Mal für den Animations-Oscar nominierte Studiogründer Travis Knight und sein Team das überhaupt hinbekommen? „Wildwood“ ist so viel ambitionierter und gewaltiger als alles, was es bisher im Stop-Motion-Genre zu sehen gab, dass man es eigentlich nur noch mit Peter Jacksons größenwahnsinniger Schnapsidee, alle drei „Herr der Ringe“-Filme parallel zu drehen, vergleichen kann. Weil „Wildwood“ aufgrund seiner Fantasyschlachten nicht auf ein ganz junges Publikum zugeschnitten ist, wird er es an den Kassen nicht leicht haben. Dabei wäre es ein Verbrechen am Kino selbst, wenn ausgerechnet dieses handgemachte Meisterwerk nicht sein Publikum findet.
Capelight
Ihre Eltern haben Prue (Stimme im Original: Peyton Elizabeth Lee) immer wieder gewarnt, mit ihrem kleinen Bruder Mac bloß nicht nach draußen zu gehen. Aber Prue sieht es überhaupt nicht ein, warum das Baby immer nur in der Wohnung versauern soll. Also nimmt sie Mac mit auf den Spielplatz, wo er prompt von einem gewaltigen Schwarm Krähen entführt und in ein nahes Waldgebiet verschleppt wird.
Gemeinsam mit ihrem nerdigen Rollenspielfan-Klassenkameraden Curtis (Jacob Tremblay) jagt Prue hinter ihrem Bruder her – und landet so in einer magischen Welt, in der sich Menschen, Vögel und Bandit*innen verfeindet gegenüberstehen. Dabei ist die größte Gefahr eine ganz andere: Die nach dem Tod ihres Sohnes irre gewordene Alexandra (Carey Mulligan) befehligt neben dem Krähenschwarm nicht nur eine Hyänen-Armee, sondern will Mac auch opfern, um das gesamte Reich endgültig in die Dunkelheit zu stürzen …
Film an, Münder auf
Aus dem Staunen kommt man von Beginn an gar nicht mehr heraus! Travis Knight, der als Sohn des Nike-Gründers Phil Knight ohnehin nie am Hungertuch nagen wird, hat bei seinem Herzensprojekt ganz offensichtlich keinerlei Kosten und Mühen gescheut. Schon die schiere Zahl an detailverliebten Figuren ist für einen handanimierten Film schlichtweg unerhört – und dann tummeln sie sich auch noch in gigantomanischen Sets. Was die Inszenierung von Action angeht, hat LAIKA ja schon mit „Kubo – Der tapfere Samurai“ völlig neue Stop-Motion-Maßstäbe gesetzt – nur um nun in „Wildwood“ noch einen draufzusetzen. Spätestens in der finalen Schlacht, bei der Tausende Krieger*innen, Bandit*innen, Krähen und Hyänen in den – teils erstaunlich brutalen – Kampf ziehen, stehen alle Münder im Publikum offen. So spektakuläres Kampfgetümmel haben wir seit Helms Klamm nicht mehr auf der Leinwand gesehen.
Sicherlich kommt dabei auch CGI zum Einsatz. Aber der überwiegende Teil wurde eben doch tatsächlich gebaut – und zwar von offensichtlich derart verrückten Modellbauer*innen, wie man sie sonst allenfalls noch im Miniatur Wunderland in der Hamburger Speicherstadt findet. Ganz egal, ob man als Zuschauer*in nun ganz genau weiß oder nicht, was für ein Aufwand wirklich hinter diesen Aufnahmen steckt, entfaltet „Wildwood“ noch mal eine ganz andere Wirkung, als es ein „nur“ computeranimierter Film je könnte. Solange eine derart überbordende, alle Grenzen des ökonomisch Sinnvollen sprengende Leidenschaft existiert, muss man sich jedenfalls keine Sorgen machen, dass KI das Filmemachen vollständig übernimmt.
Capelight
Wenn man die visuelle Ambition langsam verarbeitet hat, macht man sich dann irgendwann Gedanken, ob denn auch die märchenhafte Fantasy-Geschichte etwas taugt. Dabei ist gleich der erste Auftritt der Hyänen saulustig: Während die Uniformen auf die ebenso strenge wie effiziente Preußische Armee verweisen, können sich die Soldaten ihrer tierischen Natur letztlich nicht völlig erwehren, weshalb dann eben doch mal im Schritt geleckt oder das eigene Territorium mit Urin markiert wird. Auch die Bürokratie-Pointen bei einem anschließenden Rathaus-Abstecher zünden wie damals bei Asterix und Obelix mit ihrer Jagd nach dem ikonischen Passierschein A38.
Der anfänglich noch vorhandene Eindruck, dass hier bekannte Fantasy-Tropen einfach noch mal neu durcheinandergemischt werden, verfliegt unterdessen ebenfalls – bis einen Prues tragisches Schicksal spätestens beim ersten bruderlosen Besuch bei ihren Eltern mit voller Kraft erwischt. Es wurden mehr als 100.000 Gesichter für die eingesetzten Puppen 3D-gedruckt, um auch immer exakt die passende Mimik parat zu haben – und dieser Aufwand stößt in Form roher Emotionen direkt in die Herzen des Publikums.
Definitiv kein beliebiges Fantasy-Einerlei
Zudem ist Colin Meloy, der Autor der 2011 erschienenen Kinderbuchvorlage*, nicht nur der Sänger der Indie-Folk-Rock-Band The Decemberists, die nun auch Songs zum Film beisteuert. Er hat sich für „Wildwood“ auch vom realen Forest Park in Portland inspirieren lassen – und genau dort haben auch die LAIKA-Studios ihren Hauptsitz. So mögen sich zwar gewisse Fantasy-Versatzstücke in der Story finden, aber sie wirkt zugleich auch hochgradig spezifisch und auf genau diesen Ort zugeschnitten. Das spürt man selbst ohne Vorwissen – genauso wie die enorme Detailverliebtheit und den beispiellosen Aufwand. So werden die Bilder – und sei es „bloß“ im Unterbewusstsein der Zuschauenden – noch mal mit einer ganz anderen Wucht und Intensität aufgeladen.
Fazit: Es ist der pure Wahnsinn, dass überhaupt jemand ein solches Projekt wie „Wildwood“ begonnen hat – und es ist der pure Wahnsinn, dass es tatsächlich fertiggestellt wurde. Aber es ist ja kein Geheimnis, dass bei nicht wenigen der größten Meisterwerke der Kinogeschichte eine (gesunde) Portion Wahnsinn mit im Spiel war.
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