Der perfekte Urlaub
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Der perfekte Urlaub

Weißwein aus Tetra Paks oder "Sixt – The Movie"

Von Christoph Petersen

Am schnellsten waren Griechenland und Spanien. Aber selbst Deutschland liegt mit Platz 10 noch in der oberen Hälfte. Seit ihrem Erscheinen 2016 wurde die italienische Komödie „Perfetti Sconosciuti – Wie viele Geheimnisse verträgt eine Freundschaft?“ in 25 weiteren Sprachen neu verfilmt – und hält damit sogar den Weltrekord für die meisten Remakes überhaupt! Viele der Neuauflagen waren ebenfalls sehr erfolgreich, darunter auch „Das perfekte Geheimnis“ von „Fack Ju Göhte“-Regisseur Bora Dagtekin, der es 2019 mit mehr als 5,3 Millionen Kinobesucher*innen auf Platz 3 der deutschen Jahrescharts schaffte. Trotz der starken Ergebnisse gab es bislang aber nur in Russland eine am Silvesterabend angesiedelte Fortsetzung. Das Konzept eines Partyspiels, bei dem jede*r das Handy offen auf den Tisch legt und alle eingehenden Nachrichten laut vorliest, wodurch im Laufe des Abends immer mehr Geheimnisse ans Licht kommen, lässt sich eben nicht so leicht wiederholen.

Aber genau das hat „Türkisch für Anfänger“-Mastermind Bora Dagtekin zum Glück auch gar nicht vor. Stattdessen hat er die italienischen Rechteinhaber gemeinsam mit seinem Produzenten Oliver Berben bis nach Venedig zum Filmfestival verfolgt, um sie dort mit einer Spontanpräsentation von seiner ganz eigenen Sequel-Idee zu überzeugen: Schluss mit Kammerspiel, jetzt geht’s ab in die Sonne! Die Ensemble-Komödie „Der perfekte Urlaub“ versammelt die (teils nicht mehr besten) Freund*innen des Vorgängers auf der liebsten Urlaubsinsel der Deutschen – und lässt sie dort neben dem Kampf um die besten Liegen am Pool an allen möglichen alten und neuen Geheimnissen knabbern. Das ist lange Zeit erfreulich spritzig – und manchmal richtig schön böse! Nur der Wunsch, dieses Mal alles so harmonisch wie möglich abzuschließen, bremst den Film spürbar aus – und streckt ihn zudem unnötig auf eine Laufzeit nah an der Zwei-Stunden-Marke.

Nach der spektakulären Finca-Explosion müssen die perfekten Urlauber*innen ungeplant ins All-Inclusive-Clubhotel umsiedeln. Constantin Film
Nach der spektakulären Finca-Explosion müssen die perfekten Urlauber*innen ungeplant ins All-Inclusive-Clubhotel umsiedeln.

Die mitgeschleifte Teenager-Tochter Sophie (Emily Kusche) bringt den Unterschied zum Vorgänger perfekt auf den Punkt: „Diesmal kein Spiel, nur toxic!“ Rocco (Wotan Wilke Möhring) und Simon (Frederick Lau) sind heimlich nach Mallorca geflogen, um per DNA-Test herauszufinden, ob Rocco vor 17 Jahren womöglich ein zweites Mal Vater geworden ist. Auch Leo (Elyas M'Barek) hat seiner Familie nicht verraten, dass er auf dem Bierkönig-Eiland den Geburtstag des immer noch frisch geouteten Pepe (Florian David Fitz) feiern will – und zwar am besten mit einem passenden Grindr-Date. Und dann ist da noch Carlotta (Karoline Herfurth), die mit ihrer Jugendfreundin Maus (Diana Amft) und Roccos Frau Eva (Jessica Schwarz) einfach nur ein entspannendes Girls-Wochenende auf der Insel – statt wie offiziell angekündigt in den Bergen – verbringen will.

Wie es der Zufall so will, landen alle drei Gruppen in derselben Finca – womit neben den alten Lügen auch das paranoide, aber selten unbegründete Misstrauen wieder aufflammt. Aber es bleiben ja noch drei Tage, um sich in dem paradiesischen Urlaubsdomizil mal so richtig auszusprechen – oder auch nicht, denn Simon hantiert ausgerechnet mit einer glühenden Kippe im Mundwinkel an den Gaskartuschen herum. So landet die gesamte Truppe wohl oder übel im Zwei-Sterne-Clubhotel Playa Romantica. Statt gehobenem Individualtourismus heißt es also fortan Ballermann-Schlager, Karaoke-Abende und – zumindest für alle mit All-Inclusive-Plastikarmbändchen – endloser Weißwein-Nachschub stilecht aus dem ungekühlten Tetra Pak …

Echte Wurst und trockene Pointen

„Das perfekte Geheimnis“ endete bekanntermaßen ganz anders als das italienische Original. Aber selbst wenn es am extra für das deutsche Publikum hinzugedachten Wohlfühl-Happy-End eine ganze Menge zu kritisieren gibt, erlaubt es doch zumindest, nun den gesamten Star-Cast gemeinsam spanische Sonne tanken zu lassen. „Der perfekte Urlaub“ beginnt mit traumhaften Mallorca-Bildern – nur um dann direkt auf volle Mülltonnen und einen druckbetankten Touri kurz vor dem Losreihern zu schwenken. Bora Dagtekin liefert zwar absolut keinen Proletariats-Profanitäts-Overkill wie einst Tom Gerhardt in „Ballermann 6“. Dafür hat er wieder diese – bereits in seinen Kult-Serien „Doctor’s Diary“ und „Türkisch für Anfänger“ erprobte – wunderbar trockene und zugleich liebevolle Art, mit der er sich diesmal die absurden Auswüchse des modernen Massentourismus vorknöpft. Das zeigt sich schon an den für den Film komponierten Clubsongs, die mit Zeilen wie „die Wurst noch aus echtem Fleisch“ vermutlich tatsächlich das Zeug zu Schinkenstraße-Knüllern hätten …

… und auch der Cameo-Auftritt der No Angels mit ihrer eigens produzierten Single „Perfect Kind Of Us“ spricht dafür, dass sich Dagtekin nicht einfach nur über die allgegenwärtigen All-Inclusive-Abgründe lustig macht, sondern im selben Moment auch ein gewisses Herz für die skurrilen Seiten dieser Sparen-und-Saufen-Partykultur besitzt. So ist es auch kein Wunder, dass in der Fortsetzung ausgerechnet die neu hinzugestoßenen Cast-Mitglieder Diana Amft („Ein Mädchen namens Willow“) und Jan van Weyde als furchtloser Schweizer-Taschenmesser-Universal-Animateur am meisten glänzen dürfen – sie kommen schließlich ohne den Lügen-und-Betrügen-Story-Ballast des Vorgängers aus und können sich somit rückhaltlos ins 25+-Grad-Urlaubschaos stürzen (inklusive einer Geburtstagsständchen-Stripperin, die hier stilecht nicht aus einer Torte, sondern aus einer Sangria-Packung heraushüpft).

Nachdem sie sich im Vorgänger wie homophobe Arschlöcher verhalten haben, werden Rocco (Wotan Wilke Möhring), Simon (Frederick Lau) und Leo (Elyas M'Barek) jetzt zu Queer-Allies für ihren Kumpel Pepe (Florian David Fitz). Constantin Film
Nachdem sie sich im Vorgänger wie homophobe Arschlöcher verhalten haben, werden Rocco (Wotan Wilke Möhring), Simon (Frederick Lau) und Leo (Elyas M'Barek) jetzt zu Queer-Allies für ihren Kumpel Pepe (Florian David Fitz).

Die alten und neuen Beziehungsverwerfungen – vom Vaterschaftstest über Fremdgeh-Flirt-Chats bis hin zu Pepes Selbstfindung als schwuler Mann – bleiben hingegen vornehmlich Mittel zum Zweck, um das ständige Geheimnisbewahrungschaos irgendwie am Laufen zu halten. So müssen sich etwa Maus und Pepe als Ehepaar mit Tochter ausgeben, um an den Videorekorder mit den Aufnahmen von Simons Kokskonsum zu gelangen – nur eine von etlichen Verwechslungskomödien-Verrenkungen. Das ist an sich alles voll okay, bremst die Stars durch die Masse an Strängen aber immer wieder aus – gerade die fantastisch aufgelegte Karoline Herfurth („Wunderschöner“) scheint diesmal nur darauf zu warten, dass sie endgültig von der Leine gelassen wird. Ebenso hätte man bei Jessica Schwarz („Das Kanu des Manitu“) neben dem ganzen Psychoanalyse-Talk auch bei der spontanen Domina-Session mit ihrem Ehemann ruhig ähnlich viel Gas geben dürfen wie bei Frederick Laus unfreiwilliger Begegnung mit einer Ananas-Guillotine – da wird sich sicherlich ein nicht kleiner Teil des Publikums die Hände vor die Augen halten müssen.

Und natürlich müssen wir auch diesmal wieder über die Werbeeinbindungen sprechen. Bora Dagtekin macht schließlich gar keinen Hehl daraus, dass er auch ein wenig stolz darauf ist, in dieser Hinsicht quasi zur deutschen Ein-Mann-Antwort auf Product-Placement-König James Bond aufgestiegen zu sein: Nach McDonald’s in „Fack Ju Göhte 2“ hätte man „Der perfekte Urlaub“ ohne Weiteres in „Sixt – The Movie“ umbenennen können – selbst wenn die Autovermietungs-Jokes nicht ganz an die feuerspeienden Samsung-Galaxy-Pointen aus „Chantal im Märchenland“ heranreichen. Ähnlich auffällig wie die omnipräsenten Sixt-Aufschriften sind hier aber auch die wiederholten Sticheleien gegen Ryanair. Ein Schelm, wer dahinter ein unschönes privates Flugerlebnis von Drehbuchautor Bora Dagtekin oder eine abgelehnte Kooperation vermutet.

Fazit: Im Gegensatz zu Frankreich, wo die chaotische Sommerferienkomödie eine feste Tradition hat, wurde das Genre hierzulande in den vergangenen Jahrzehnten (allzu) stiefmütterlich behandelt. Da hat sich offenbar einiges angestaut, das Bora Dagtekin jetzt stellvertretend für uns alle rauslässt! „Der perfekte Urlaub“ ist immer dann am besten, wenn er sich in Ballermann-Gefilde mit Clubsong-Cringe vorwagt und die (urdeutsche) Urlaubskultur aufs Korn nimmt. Zugleich verliert die Komödie vor allem im letzten Drittel immer weiter an Tempo, wenn die üblichen Beziehungskisten zunehmend gefühlsduselig verhandelt werden.

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