Behemoth! Stücke eines Lebens
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Behemoth! Stücke eines Lebens

Ein Liebesbrief an die Filmmusik

Von Selina Sondermann

2007 brachte Drehbuchautor Tony Gilroy („Die Bourne Identität“) mit „Michael Clayton“ sein Regiedebüt auf die Leinwand – und wurde fast einhellig dafür gefeiert. Die Folgefilme „Duplicity – Gemeinsame Geheimsache“ und „Das Bourne Vermächtnis“ ließen die tonale und inhaltliche Komplexität des Justiz-Thrillers mit George Clooney allerdings vermissen. Nachdem er ausgerechnet als Showrunner der „Star Wars“-Serie „Andor“ zu alter Stärke zurückkehrte, versucht Gilroy nun, mit einer weiteren Charakterstudie an „Michael Clayton“ anzuknüpfen. Darüber dürfen sich vor allem Pedro-Pascal-Fans freuen, schließlich spielt der Chilene hier seine erste echte Kino-Hauptrolle abseits diverser Franchises.

Das Wort „Behemoth“ beschreibt im Englischen etwas Kolossales, Riesiges – der Ursprung geht auf den Namen eines Landungeheuers im jüdischen Tanach zurück. „Behemoth“ heißt auch der Film, für den der Cellist Alex Serian (Pedro Pascal) als Teil eines Session-Orchesters die Filmmusik einspielen soll. Auf mehr, als dass es sich um ein Projekt von monumentaler Größe und Bedeutung handelt, kommt es Gilroy in „Behemoth! Stücke eines Lebens“ auch gar nicht an. Details über die Handlung oder Besetzung spielen in dem kleinen Studio, in dem die Musik den Bildern den letzten emotionalen Feinschliff verleihen soll, ohnehin keine Rolle. Um möglichst wenig über die Produktion preiszugeben, sind selbst die einzelnen Kompositionen nur nach ihrer jeweiligen Minutenanzahl benannt.

Alex Serian (Pedro Pascal) findet nur in der Musik zu sich selbst. Searchlight Pictures
Alex Serian (Pedro Pascal) findet nur in der Musik zu sich selbst.

Alex Serian ist gerade erst nach Los Angeles zurückgekehrt – offiziell, weil er sich um seine alternde Mutter kümmern muss. Doch seine Heimkehr ist zugleich eine Flucht vor seiner aufdringlichen Ex-Affäre Carol (Olivia Wilde, „The Invite“). In Kalifornien ist der Musiker aber keineswegs vor persönlichen Konflikten sicher. Sein Bruder Andy (Will Arnett, „Is This Thing On?“) hat nicht nur Instrumente verkauft, die für Alex von großem emotionalen Wert waren. Mittlerweile verdient er sein Geld damit, dass er als Podcaster ihre Familiengeschichte öffentlich breittritt. Denn Alex und Andy sind die Kinder des weltbekannten Komponisten Peter Serian (gespielt von der „Simpsons“-Legende Hank Azaria), der auf dem Star-Friedhof „Hollywood Forever“ beigesetzt wurde.

„Er war ein Peter, der ein Pierre sein wollte“, heißt es einmal über den als Genie gehandelten Mann – ein Satz, der direkt Erinnerungen an das Dirigentinnen-Psychogramm „Tár“ aus dem Jahr 2022 wachruft. Man versteht instinktiv, dass es nicht der väterliche Ruhm allein war, der die Kindheit der beiden Brüder erschwert hat. Peter trug offenbar eine tiefe Unzufriedenheit mit sich selbst und seinen eigenen Wurzeln in sich – und war deshalb kaum in der Lage, seinen Söhnen bedingungslose Liebe entgegenzubringen. Dass beide selbst Musiker wurden, um ihrem Vater zu imponieren, scheint daran nichts geändert zu haben. Den Beifall mussten sie sich woanders holen. Ganz im Sinne Sigmund Freuds, der ausführlich über die Folgen abwesender Vaterfiguren schrieb, lassen sich Alex' Bindungsangst und seine geradezu hilflose Unfähigkeit, Menschen in sein Leben zu lassen, wohl genau auf diese Leerstelle zurückführen. Zwar hat er etliche Liaisons, doch sucht er sich dafür gezielt Frauen, die bereits reichere Männer an ihrer Seite haben, die sie keinesfalls gegen ihn eintauschen würden. Wenn sie doch einmal entsprechende Absichten äußern, ist er bereit, alle Zelte abzubrechen, also nicht nur die Affären zu beenden, sondern direkt seine Koffer für die nächste Stadt zu packen.

Olivia Wilde („The Invite“) spielt Alex' Ex-Affäre Carol – und muss sich leider mit einer eindimensionalen Rolle begnügen. Searchlight Pictures
Olivia Wilde („The Invite“) spielt Alex' Ex-Affäre Carol – und muss sich leider mit einer eindimensionalen Rolle begnügen.

Eine dieser Frauen ist die bereits erwähnte Carol, die Alex offenbar nicht so einfach aufgeben will. Wie bereits im Hollywood-Epos „Babylon – Rausch der Ekstase“ ist Olivia Wilde in ihrer Rolle allerdings keine besondere Mehrdimensionalität vergönnt. Carol wird schlichtweg als besitzergreifende Furie gezeigt – das Publikum soll eher über ihre Verzweiflung lachen als mit ihr zu fühlen. Da der Film die Beziehung zwischen Alex und Carol nicht unmittelbar zeigt, sondern nur ihre Nachwirkungen, bleibt ihre Sicht auf das Verhältnis eine unüberprüfbare Behauptung.

Überhaupt wird die Handlung des Films nicht nur verschachtelt und non-linear erzählt, sondern setzt grundsätzlich stark auf nachklingende Noten. Wir begegnen Alex auf seinen diversen Stationen durch die Orchester Chicagos, Dallas und Bostons. Dennoch scheinen wir nicht wirklich Teil dieser Reise zu sein, sondern sehen oft nur die Nachwirkungen seines Handelns, ohne die Geschehnisse selbst mitzuerleben. Einblick in die Innenwelt des Protagonisten erhält das Publikum einzig und allein durch seine Musik. Es ist, als würde er den Score zu seinem eigenen Leben einspielen. Wo es ihm an Worten fehlt, sind Saiten und Bogen sein Sprachrohr. Als akustisches Stimmungsbarometer spiegelt sein Cellospiel etwa seine Panik wider, als er vor einer Konfrontation mit Carol Reißaus nimmt. Die wilden Klänge bauen eine atemlose Spannung auf, die am ehesten an die Verfolgungsjagd in einem Action-Thriller erinnert – und das, obwohl Alex hier nicht um sein Leben rennt, sondern nur vor seiner Verantwortung davonläuft.

Neun namhafte Komponisten – und doch keine Oscar-Chancen!

Um den verschiedenen fiktiven Filmprojekten, an denen Alex im Laufe seiner Karriere arbeitet und die wir zum Teil in Rückblenden erleben, jeweils eine individuelle Note zu geben und einen einheitlichen Klang zu vermeiden, engagierte Gilroy insgesamt neun verschiedene Komponist*innen für die Filmmusik von „Behemoth!“, darunter Größen wie Alan Silvestri („Forrest Gump“) und James Newton Howard („Die Tribute von Panem“). Aufgrund der geltenden Beschränkungen für die Anzahl an nominierbaren Personen kann „Behemoth!“ somit bei den Oscars ausgerechnet für die Musik nicht berücksichtigt werden. Dennoch lohnt sich dieses Experiment, da das Werk spürbar auch als Liebeserklärung an die Macht der Filmmusik angelegt ist. Die kraftvollen Töne begleiten den inhaltlichen Verlauf nicht bloß auf subtile Weise, sondern bilden ein eigenständiges narratives Element.

In einer Szene erzählt Alex, dass sich jede Notenabfolge im Grunde auf zwei unterschiedliche Arten spielen lässt: Entweder ist der Musiker dabei ein Zug oder ein Fluss – entweder übernimmt er die Führung (woraus im englischsprachigen Original ein nettes Wortspiel entsteht, da das Wort „conductor“ sowohl Musikdirigent als auch Zugbegleiter heißt) oder er lässt sich tragen. Als Künstler brilliert Alex und ist durchaus dazu in der Lage, die Richtung vorzugeben. Doch auf menschlicher Ebene schwimmt er. Ständig scheint er von seiner Vergangenheit eingeholt zu werden, und ständig scheint er ihr ausweichen zu wollen, anstatt aktiv seine Zukunft zu gestalten.

Pedro Pascal überzeugt auf ganzer Linie

Pedro Pascal, dem bei seinem intensiven Cellospiel stets eine neckische Haarsträhne im Gesicht hängt, gelingt es dabei, die Ungewissheit, die seine Figur umgibt, greifbar zu machen. Mit starker Präsenz und viel Feingefühl für die leisen Zwischentöne trägt er den Film und unterstützt seine Vielschichtigkeit. Das Brillante an „Behemoth!“ ist, wie sich die einzelnen Versatzstücke des Films am Ende zum emotionalen Kern des Stücks verdichten – auch wenn eine pathetische Montage, die bereits gezeigte Bilder erneut hervorholt, um diese Verbindung überdeutlich zu visualisieren, letztlich überflüssig ist.

Statt beim Porträt eines Künstlers mit Daddy Issues stehen zu bleiben, streut der Film durch Alex’ Beziehungen zu seinen jüngeren Mitmusikerinnen immer wieder Hoffnungsschimmer ein, dass doch noch eine Besserung möglich sein könnte. Seine Suche nach der Anerkennung, die ihm von elterlicher Seite verwehrt blieb, scheint endlich ein gesundes Ventil gefunden zu haben: Einerseits unterstützt er die jüngeren Kolleginnen mit seiner jahrelangen Erfahrung, andererseits lernt er durch ihre frischen Perspektiven auch selbst dazu.

Zwar findet Alex nicht die lang ersehnte Anerkennung, doch immerhin gibt er sie an den musikalischen Nachwuchs weiter. Searchlight Pictures
Zwar findet Alex nicht die lang ersehnte Anerkennung, doch immerhin gibt er sie an den musikalischen Nachwuchs weiter.

Das musikalische Gen-Alpha-Internet-Phänomen Viviana, das schließlich für den Soundtrack von „Behemoth“ eine bedeutsame Rolle spielt, wird dabei von der 17-jährigen Alexa Swinton („Maestro“) verkörpert – übrigens eine entfernte Cousine der „Michael Clayton“-Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton. Ihre Figur vereint das außergewöhnliche Talent eines klassischen Wunderkinds wie Mozart mit der nahbaren Sensibilität einer Billie Eilish. Die sanfte Art, mit der Viviana mit anderen Musiker*innen umgeht, steht dabei im direkten Kontrast zu den aggressiven Forderungen des deutschen Intendanten Timo (Thomas Kretschmann), der zunächst die Aufnahme der Filmmusik leiten soll. Auch wenn „Behemoth!“ zu keiner Zeit belehrend wirkt, stellt der Film dennoch die Frage in den Raum, ob unsere Gesellschaft aus den Fehlern früherer Generationen lernen könnte, wenn an den Hebeln der Macht nicht länger die toxischen Verhaltensmuster der Väter wiederholt würden.

Fazit: „Behemoth!“ ist ein raffiniert verästelter Film, der die oft fehlgeleitete Suche nach Anerkennung auf den Kopf stellt und Musik als Kommunikationswerkzeug erfasst. Pedro Pascal gelingt eine seiner nuanciertesten Darstellungen bislang.

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