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    R.M.N.
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    R.M.N.

    Eine bittere Bestandsaufnahme

    Von Christoph Petersen
    Zu Beginn hatte man noch das Gefühl, dass da irgendwas mit der Projektion nicht stimmt – was beim Filmfestival in Cannes, wo „R.M.N.“ vom Romanian-New-Wave-Vorreiter Cristian Mungiu („4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“) seine Weltpremiere erlebte, übrigens äußerst selten vorkommt. Und tatsächlich: Dass sich die englischen Untertitel ständig leicht grün oder lila verfärben, ist durchaus beabsichtigt. So wird kenntlichgemacht, dass die Menschen in dem kleinen transsilvanischen Dorf in ihrem Alltag ein wahres Sprachen-Mischmasch veranstalten: Rumänisch, Ungarisch, Englisch, Deutsch – alles wird wild durcheinandergewürfelt. Es ist ein weitgehend friedliches Multi-Kulti – zumindest seit die „Zigeuner“ vertrieben wurden, wovon die Bewohner*innen immer wieder stolz berichten.

    Doch neues Unheil bahnt sich an: Der Grundschüler Rudi (Mark Blenyesi) hat auf dem Weg zur Schule etwas Grauenerregendes im Wald gesehen – und seitdem das Sprechen ganz eingestellt. Sein Vater Matthias (Marin Grigore) ist ungeplant früher aus Deutschland zurückgekehrt, nachdem es dort zu einem gewaltsamen Vorfall mit seinem Vorgesetzten in einem Schlachthaus gekommen ist. Aber so richtig in Aufruhr gerät das Dorf wegen der drei Gastarbeiter aus Sri Lanka, die in der örtlichen Großbäckerei angeheuert haben, nachdem sich zuvor wochenlang niemand auf die ausgeschriebenen Mindestlohn-Jobs beworben hat. Selbst der Arzt und der Pastor stimmen in den erneut aufbrandenden Chor des Fremdenhasses ein…

    Matthias (Marin Grigore) will seinem Sohn beweisen, dass es im Wald nichts gibt, vor dem er Angst haben müsste.


    Nachdem wir zu Beginn miterleben, wie Matthias bei seinem Ausbeuter-Job selbst Opfer eines rassistischen Ausfalls wird, tun sich nach der Rückkehr in seine Heimat schnell die ersten Risse in der dörflichen Fassade auf: Matthias hat offensichtlich schwer daran zu knabbern, dass seine ehemalige Geliebte Csilla (Judith State) seit ihrer Beförderung zur Großbäckerei-Chefin höhere Ambitionen verfolgt – sie spielt Kontrabass, hat das Haus ihrer Eltern stilsicher eingerichtet, ist Vegetarierin geworden. Die Szenen mit den beiden sind die stärksten des Films: Hier werden subtil und nicht sofort greifbar die Sollbruchstellen in Matthias‘ archaischem Selbstbild verhandelt. Das ist vor allem schauspielerisch eine wahre Meisterleistung.

    Daneben gibt es den – zunehmend bedrohlicher werdenden – Widerstand der überwältigenden Dorfmehrheit gegen die immer freundlichen und zuvorkommenden Neuankömmlinge: Die stets mit „Ich habe ja nichts gegen die, aber…“ beginnenden Einwände, die Morddrohungen und die bittere Ironie, dass ausgerechnet diejenigen, die selbst überall sonst wie Dreck behandelt werden, nun selbst die noch eine Stufe unter ihnen Stehenden fertigmachen – all das schildert Cristian Mungiu mit einem zutiefst schmerzhaften, gnadenlos-trostlosen Realismus. Wirklich neu ist davon allerdings nichts …

    Inszenatorische Brillanz


    … und so setzt der Regisseur hier vor allem inszenatorisch einige Ausrufezeichen: Die sich zuspitzende Situation mündet in einer 15-minütigen Sequenz, die eine Dorfversammlung in einer einzigen starren Einstellung zeigt. Man weiß nach den ersten paar Sätzen schon sehr genau, was da in der kommenden Viertelstunde noch alles an Argumenten von beiden Seiten vorgebracht werden wird – denn es ist eine Diskussion, die täglich und rund um den Globus millionenfach genauso fruchtlos geführt wird.

    Es sind die immergleichen Bemerkungen aus den Kommentarspalten des Netzes (Arbeitsplätze, Hygiene, Verbrechen, etc.). Und so ertappt man sich dabei, vielmehr die Brillanz der Regie zu bewundern, statt weiter auf die allzu bekannten (Hass-)Bausteine zu achten: Eine derart natürlich durchchoreographierte Massenszene, zumal in dieser Ausführlichkeit, ist absolut bemerkenswert – und bereitet zugleich den Weg für ein verblüffendes, für allerlei Interpretationen offenes Finale…

    Fazit: Cristian Mungiu seziert in seinem zutiefst pessimistischen Drama mit einer eiskalten Klarheit den Fremdenhass der rumänischen (und jeder anderen) Gesellschaft. Die erzählerische Dringlichkeit und Spezifität seiner früheren Filme wie „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ (Goldene Palme 2007) oder „Graduation“ erreicht er dabei aber nicht ganz.

    Wir haben „R.M.N.“ beim Filmfestival in Cannes 2022 gesehen, wo er als Teil des Offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

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