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    EO
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    EO

    Auf den Esel gekommen

    Von Michael Meyns

    Eigentlich hätte „EO“ hierzulande unter dem Titel „IA“ in die Kinos kommen müssen. Denn das wäre die Entsprechung für den lautmalerischen Ruf eines Esels, der auf Polnisch nun mal nicht wie I-A, sondern wie E-O klingt. So monoton ein Esel auch schreit, so stoisch muten die Tiere oft an – scheinbar unbeeindruckt von der Welt und auch den Menschen, die sie manchmal gut, aber oft auch fahrlässig oder gar bösartig behandeln. So ein Esel steht nun auch im Zentrum von „EO“. Der legendäre polnische Regisseur Jerzy Skolimowski („Deep End“) beschreibt das Schicksal des Tieres in losen, meist kaum zusammenhängenden Episoden, experimentellen Bild- und Ton-Collagen, die den nur 85 Minuten kurzen Film zu einem der ungewöhnlichsten des Jahres machen. Nicht zuletzt, weil „EO“ von einem inzwischen 84-jährigen Regisseur stammt, der formal mehr riskiert als die allermeisten Filmemacher*innen, die vom Alter her auch seine Enkel*innen sein könnten.

    "EO" ist vor allem visuell ein bildgewaltiges Experimentalwerk.

    EO führt ein vergleichsweise gutes Eselleben: In einem Zirkus tritt er zusammen mit Kasandra (Sandra Drzymalska) auf, die ihn hegt und pflegt und mit Karotten versorgt. Doch das Glück ist nicht von langer Dauer. Tierschützer zwingen den Zirkus dazu, seine Tiere zu verkaufen – und so beginnt EOs Leidensweg. Mal muss er als Packtier dienen, mal droht er zu Futter verarbeitet zu werden. Er wird zum Maskottchen einer Fußballmannschaft – und bald von gegnerischen Hooligans verprügelt. Er findet als Streicheltier für an Trisomie 21 leidende Kindern einen Moment der Ruhe und am Ende steht ein Bolzenschuss… Wer bei der Beschreibung von Jerzy Skolimowskis „EO“ an „Zum Beispiel Balthasar“ denkt, liegt genau richtig. Skolimowskis Film ist zwar kein Remake, zumindest aber eine Neuinterpretation des Überklassikers, der am Beispiel des Esels Balthazar, der von Hand zu Hand gereicht wird, von der Schlechtigkeit der Welt und der Menschen erzählt. Aber während Robert Bresson 1966 tatsächlich eine narrative Erzählung mit und um den Esel erzählte, reiht Skolimowski lose Sequenzen aneinander, deren Reihenfolge oft willkürlich anmutet, die keiner besonderen erzählerischen Logik folgen. Besonders absurd mutet es an, als nach zwei Dritteln plötzlich der französischer Superstar Isabelle Huppert („Elle“) für ein Zwischenspiel mit inzestuösen Anklängen auftaucht. Wobei: Eigentlich wundert man sich zu diesem Zeitpunkt schon über gar nichts mehr.

    Definitiv WTF

    Der WTF-Faktor, die Überraschungen, die Originalität des Films passen zur gesamten Karriere von Jerzy Skolimowski, der aus Łódź stammt, an der dortigen Filmhochschule studierte und gemeinsam mit seinem Kommilitonen Roman Polanski das Drehbuch zu dessen Debüt „Messer im Wasser“ verfasste. Bald folgten eigene Regiearbeiten, nicht nur in Polen, sondern nach dem Gang ins Exil auch in England oder Belgien, wo zum Beispiel „Der Start“ entstand, für den Skolimowski 1967 auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Auch in Cannes war er schon einige Male Gast und Preisträger, was erklärt, warum Skolimowski selbst mit einem so sperrigen, ungewöhnlichen Film erneut in den Wettbewerb eingeladen wurde. Vor allem stilistisch wirkt „EO“ dabei in keinem Moment wie der Film eines über 80-Jährigen, sondern viel mehr wie das Werk eines jungen Wilden, der Regeln brechen und Neues ausprobieren will. Zur Seite stand Skolimowski dabei der Kameramann Michał Dymek („Cold War“), der während der zweijährigen Dreharbeiten von Pawel Edelman („Der Pianist“) und Michał Englert („In The Name Of…“) unterstützt wurde. Drei der besten polnischen Kameramänner der Gegenwart also, die für oft atemberaubende, experimentelle Bilder sorgen. Gleich der Auftakt fängt den Esel und seine Beschützerin Kassandra in flackerndem, rotgetränktem Licht ein. Es folgen extreme Nahaufnahmen der Natur, von Insekten, Farnen, dem Licht des Waldes, in dem EO kurze, bukolische Momente erlebt. Dann wieder fliegt die Kamera rasend schnell durch Wälder, über Bäche und dreht sich im Takt eines Windrades, um schließlich immer wieder die Perspektive des Esels einzunehmen, der die Welt mit stoischer Miene zu beobachten scheint.

    In so ein Eselsgesicht lassen sich leicht allerlei Emotionen hineininterpretieren.

    Es ist erstaunlich, welche Emotionen man als Zuschauender in den Blick des Tieres hineininterpretiert, was sicherlich auch an den geschickt eingesetzten filmischen Mitteln liegt. Ist da vielleicht so etwas wie Neid, wenn der Esel ein stolzes weißes Pferd beobachtet, dass von den Menschen in einem Maße gepflegt und gehegt wird, wie es EO noch nie vergönnt war? Weniger wie ein narrativer, geschlossener Film mutet „EO“ an, mehr wie eine lose Kollage, wie Bilder und Episoden, die mit größter Lust an formalen Experimenten entstanden sind. Nicht immer voller Sinn, aber verbunden durch eine ökologische Botschaft, die oft wenig subtil präsent ist und auf die Ausbeutungsstrukturen der Tierhaltung hinweist. Nach Filmen wie Viktor Kossakowskis „Gunda“, in dem eine Schweinemutter und ihre irgendwann einfach verschwundenen Ferkel im Mittelpunkt stehen, sowie Andrea Arnolds „Cow“ über da das eintönige Leben einer Milchkuh wäre es vielleicht an der Zeit, dieser neuen Form des biographischen Tierfilms einen Namen zu geben. Anklagen an den Umgang des Menschen mit den Tieren sind diese Filme, sie zeigen die oft unzumutbaren Umstände auf, in denen Tiere gehalten und gezüchtet werden. Vor allem aber sind es formal experimentelle Filme, die auf ungewöhnliche Weise versuchen, tierische Perspektiven zu evozieren. Fazit: In seinem formal experimentellen Film „EO“ beschreibt der polnische Regisseur Jerzy Skolimowski den Leidensweg eines Esels, der vom umsorgten Zirkustier zum Prügelknaben degradiert wird. Erzählerisch oft mäandernd und unzusammenhängend, aber stilistisch so originell, wie man es einem 84-Jährigen gemeinhin nicht zutrauen würde. Wir haben „EO“ beim Filmfestival in Cannes 2022 gesehen, wo er als Teil des Offiziellen Wettbewerbs gezeigt und mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde.

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