Weniger Thema wagen
Von Jochen WernerDurch die Augen von Kindern sieht manches anders aus. Spektakulärer, größer, neuer. In „Mit der Faust in die Welt schlagen“ gibt es eine Szene, in der die in der sächsischen Provinz aufwachsenden Brüder Philipp (Anton Franke) und Tobi (Camille Loup Moltzen) mit ihren Eltern in die Stadt fahren. Bewundernd blickt da die Kamera mit den Augen des Jüngsten, Tobi, die Plattenbaufassaden hoch. „Wenn ich groß bin, lebe ich auch einmal in einem Wolkenkratzer“, schwärmt Tobi. So hoch wachsen die Träume eben nicht, in Görlitz und Hoyerswerda.
Constanze Klaues Kinoadaption des gleichnamigen Romans von Lukas Rietzschel bleibt dieser Kinderperspektive über weite Strecken treu und zieht daraus ihre größten Stärken – insbesondere in der ersten Hälfte, in der vieles, um das es im Folgenden gehen wird, noch ein wenig im Verborgenen bleibt. Das ist ein Erzählen im Close-up – auch das eine konsequente Annäherung an ein kindliches Welterleben, in dem alles wahnsinnig intensiv ist, aber die einzelnen Wahrnehmungen noch nicht zwingend im Kontakt zueinander stehen.
Flare Film / Chromosom Film
Ständig passiert etwas, dessen Implikationen man nicht einschätzen kann. Menschen tauchen auf, die eine Vergangenheit mit sich schleppen, in einem unbekannten Land, einer Welt, in der man noch nicht war und in der die Erwachsenen schon ein ganzes Leben gelebt haben. Man schnappt Sätze auf, die man halb versteht, und lässt den Gedanken daran rasch wieder fallen, weil schon wieder etwas Anderes geschieht, das die kindliche Wahrnehmung in den nächsten, wiederum ganz für sich stehenden Augenblick fortreißt.
Immer dann, wenn es sich ganz auf diesen Bewusstseinsstrom einlässt, überzeugt das Regiedebüt von Constanze Klaue am meisten, denn dann ordnen sich Familiendrama und Sozialrealismus einer fast schon ein wenig impressionistischen Erzählweise unter, die die kindliche Perspektive ernst genug nimmt, um auch nach adäquaten filmischen Mitteln für ihren Ausdruck zu suchen. Die Themen, die dann die zweite Filmhälfte immer mehr an sich reißen, sind hier allesamt schon da: der Arbeitsverlust und der fortschreitende Alkoholismus von Vater Stefan (Christian Näthe), die Überarbeitung und Verbitterung von Mutter Sabine (Anja Schneider), das allmähliche Zerbrechen der Ehe, und schließlich die Annäherung des älteren Philipp an die örtliche neonazistische Subkultur. Aber in diesen stärkeren Passagen von „Mit der Faust in die Welt schlagen“ bleibt diese Schwere noch ein wenig unter der Oberfläche, weht wie von fern immer wieder hinein in Tobis Kinderwelt.
Jede Kindheit jedoch nimmt irgendwann ein Ende, und hier wird dieser Endpunkt vielleicht dort markiert, wo all das, was Tobi nicht oder halb versteht, sich allmählich zu größeren Problemfeldern zusammensetzt. Auch Klaues Film wird dann spürbar geradliniger, erzählt dann halt von Arbeits- und Perspektivlosigkeit im Nachwende-Osten, von jugendlichem Frust, der auf der Suche nach Zugehörigkeit in rechtsradikaler Gewalt mündet. Auch das ist gar nicht schlecht erzählt, man hat das alles im sozialrealistischen deutschen Themenfilm schon viel, viel schlechter gesehen. Aber man hat es eben alles schon gesehen, und etwa wesentlich Neues hat „Mit der Faust in die Welt schlagen“ diesen Narrativen auch nicht hinzuzufügen. Stattdessen wirkt es eher so, als gebe er ein Stück der filmischen Freiheit auf, die er anfangs noch für seine Coming-of-Age-Erzählung in Anspruch nimmt, nur um dann doch noch gesellschaftspolitisch semirelevant zu werden.
Und gegen Ende setzt er sich dann sogar ein bisschen zwischen die Stühle, vielleicht vor allem, weil diese beiden unterschiedlichen Erzählmodi nie so richtig zusammenfinden. Es erfolgt da nämlich ein Zeitsprung, aus dem Jahr 2006 ins Jahr 2015 – nicht bis in unsere Gegenwart also, aber an einen Zeitpunkt, der unsere gesellschaftliche Gegenwart bis heute entscheidend prägt. 2015, das ist das Jahr von „Wir schaffen das!“, das Jahr, in dem Bundeskanzlerin Angela Merkel die Entscheidung traf, die deutsche Grenze nicht abzuriegeln gegen den Zustrom von Flüchtigen vor allem aus dem syrischen Bürgerkrieg. Eine Entscheidung, die ihre Kanzlerschaft definierte und die politischen Debatten des Landes bis heute bestimmt.
Flare Film / Chromosom Film
Auch in diesen Schlussminuten von „Mit der Faust in die Welt schlagen“ schlägt die angekündigte Ankunft der Geflüchteten Wellen, auf angesichts der zuvor erzählten Ereignisse durchaus ein wenig unerwartete Art. Leider funktioniert dieser Epilog aber dann gar nicht so richtig, und was emotionale Wucht entwickeln könnte, verpufft allzu wirkungslos. Klar, der Zeitsprung über fast eine Dekade soll Lücken reißen und neue Fragen aufwerfen, nach alldem, was in der Zwischenzeit geschehen sein könnte und was die Brüder und uns nun hierher, an diesen Punkt geführt hat. Leider wirft er aber vor allem endgültig den Rhythmus des Films über den Haufen, und dieses Schlussstück wirkt dann etwas zu abrupt, überhastet, angeklebt.
Es mag also gewiss nicht alles geglückt sein an dieser Romanadaption, auf die kommenden Arbeiten von Regiedebütantin Constanze Klaue darf man aber definitiv gespannt sein. Denn am Ende von „Mit der Faust in die Welt schlagen“ bleiben nicht nur Dinge in Erinnerung, die nicht so gut funktionieren, sondern auch eine ganze Reihe von Augenblicken, Vignetten, kleinen Intensitäten, die insbesondere in der ersten Filmhälfte Raum bekommen. Vielleicht wäre das ein schönes Motto für einen zweiten Film dieser talentierten jungen Regisseurin: Weniger Thema wagen?
Fazit: Einer ziemlich schönen, beinahe schon impressionistischen ersten Hälfte folgt eine deutlich schwerfälligere zweite, wenn sich die Coming-of-Age-Geschichte im Sachsen der Nullerjahre allzu sehr auf das Auserzählen sozial relevanter Themen festnageln lässt. Komplett geglückt ist Constanze Klaues Adaption des Romans von Lukas Rietzschel nicht, aber ein ganzer Haufen schöne Momente bleibt dann doch in der Erinnerung haften.
Wir haben „Mit der Faust in die Welt schlagen“ im Rahmen der Berlinale 2025 gesehen, wo er in der Sektion Perspectives gezeigt wurde.