Mein Papa, der Pate
Von Michael MeynsSommer auf Korsika: Im Meer schwimmen, gemeinsam fischen, am Lagerfeuer sitzen und Wildschweine jagen! Was sich wie ein perfekter Urlaub anhört, ist für die Protagonistin aus „Kingdom – Die Zeit, die zählt“ ein seltener Moment der Nähe zum Vater, der trotzdem von ständiger Todesangst überschattet wird. Denn der Vater ist der Kopf der lokalen Mafia, was er übrigens mit dem Vater des Regisseurs Julien Colonna gemeinsam hat.
Lose autobiografisch erzählt Colonna von der seltsamen Erfahrung, einen von der Polizei gesuchten, von seinen Feinden gejagten Gangster zum Vater zu haben, wobei er die Realität auf interessante Weise verfremdet: Statt von einem jungen Mann erzählt er von einem jungen Mädchen, was die Dynamik der Figuren grundlegend verändert und zudem die Möglichkeit eröffnet, von einer archaischen, patriarchalen Kultur zu erzählen, in der Blutrache ebenso großgeschrieben wird wie Familienbande.
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Korsika, Mitte der 1990er Jahre. Unsanft wird Lesia (Ghjuvanna Benedetti) aus ihrem Lebensrhythmus gerissen, aber die 15-Jährige kennt das schon. Ihr Vater ist schließlich Pierre-Paul (Saveriu Santucci), einer der führenden und gefürchteten Köpfe der korsischen Mafia. Gerade erst hat er einen Anschlag auf sein Leben knapp überlebt und sich mit seinen Getreuen in eine Villa zurückgezogen. Dorthin holt er nun auch seine Tochter, die sonst bei der Tante lebt, denn die Mutter ist schon vor Jahren verstorben.
Eigentlich will Pierre-Paul seine Tochter von seinen Geschäften fernhalten, doch im Laufe des Sommers bekommt Lesia immer mehr Einzelheiten mit. So wächst einerseits das Band zwischen Vater und Tochter, andererseits aber auch das Bewusstsein in Lesia, dass das Leben ihres Vaters am seidenen Faden hängt – und jeder gemeinsam verbrachte Moment der letzte sein könnte…
In Filmhochschulen wird Studierenden gern geraten, Filme über das zu machen, was sie kennen, also aus eigenen Erfahrungen und Erlebnissen zu schöpfen. Beim 43-jährigen Julien Colonna könnte das Gegenteil der Fall gewesen sein. Denn als Sohn des korsischen Mafia-Paten Jean-Baptiste Jérôme Colonna, bekannt als Jean-Jé, dürfte der Regisseur Einblicke in eine Welt gehabt haben, die ihre Geheimnisse ganz gewiss nicht auf der Leinwand ausgebreitet sehen will. Das hielt Colonna zwar nicht davon ab, einen Film über seine Erfahrungen zu drehen – möglicherweise ist es aber einer der Gründe dafür, warum er diese Erlebnisse so stark verfremdet:
Kein junger Mann, sondern eine junge Frau ist die Hauptfigur, zudem spielt der Film in den 1990er Jahren, also zehn Jahre bevor Colonnas Vater 2006 bei einem Autounfall ums Leben kam (zumindest wird sein Tod offiziell als Unfall bezeichnet). In den Neunzigern tobten auf der Insel im Mittelmeer blutige Kämpfe zwischen mehreren Mafia-Familien, in die schließlich auch die ortsansässigen Separatisten, die seit langem für die Unabhängigkeit ihrer Heimat kämpften, mit eingriffen.
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All diese realen Hintergründe schwingen jedoch meist nur im Hintergrund mit, allein aus ein paar Fernsehnachrichten lassen sich Zusammenhänge erahnen, was das Publikum in eine ähnliche Rolle versetzt wie die Protagonistin. Vor allem zu Beginn filmt Colonna konsequent aus ihrer Perspektive, bleibt mit der Kamera immer da, wo Lesia ist, zeigt nicht mehr, als sie von der Welt ihres Vaters und seinen Geschäften sieht. Eine ungewöhnliche Vater-Tochter-Geschichte entsteht so – ein Coming-of-Age-Film, bei dem eine Jugendliche gleichzeitig mit normalen Teenager-Befindlichkeiten und dem sehr speziellen „Beruf“ ihres Vaters umgehen zu lernen muss.
Ausschließlich mit Laien hat Colonna gedreht. Monatelang hat er auf Korsika nach den passenden Typen und Gesichtern gesucht, die seinem Film nun seine bemerkenswerte Authentizität verleihen. Es sind keine coolen Gangster, hier läuft keiner in lässigen Anzügen und Sonnenbrillen durch die Gegend. Stattdessen sind hier scheinbar normale Typen zu sehen, die einer völlig unnormalen Betätigung nachgehen. In den besten Momenten wirkt „Kingdom“ dadurch ethnografisch, zeigt also das Leben auf Korsika, wie es sich vermutlich seit Jahrzehnten kaum verändert hat – von der Sprache, die von italienischen Einflüssen geprägt ist, bis zu den archaischen Strukturen der patriarchalen Gangsterkaste.
Über weite Strecken funktioniert „Kingdom“ als Gangsterfilm mit ungewöhnlicher Perspektive, als Blick von außen, bei dem durch die streng subjektive Perspektive nur langsam einsickert, was hier eigentlich gespielt wird. Im letzten Drittel aber verlässt Colonna für einige Szenen Lesias Perspektive und inszeniert stattdessen einige – zugegebenermaßen sehr coole – Szenen, wie man sie aus gewöhnlichen Mafiafilmen gewohnt ist.
Am Schluss lässt er seine Hauptfigur fast zu einer korsischen Mary Sue werden. Schade, dass er der Stärke der ersten zwei Drittel seines Films nicht bis zum Ende getraut hat, dass ihm die eindringliche Vater-Tochter-Geschichte vielleicht doch als nicht genug erschien. Dabei ist sie es doch gerade, die „Kingdom“ über weite Strecken zu einem so besonderen Film macht.
Fazit: Mit seinem Debütfilm „Kingdom – die Zeit, die zählt“ hat Julien Colonna einen ungewöhnlichen Gangsterfilm gedreht, der im Kern eher ein Drama über eine ganz besondere Vater-Tochter-Beziehung ist. Lose von eigenen Erlebnissen inspiriert, überzeugt der mit Laiendarsteller*innen gedrehte Film über lange Zeit durch seine besondere Perspektive, bis er am Ende doch noch einige typische Gangsterfilm-Muster variiert.