Der Gewinner des Goldenen Bären 2026
Von Christoph PetersenAziz (Tansu Biçer), gefeierter Theaterautor und Professor für Dramaturgie in Ankara, sieht sich mit einer zwar offensichtlich an den Haaren herbeigezogenen, aber deshalb nicht minder bedrohlichen Anklage wegen Präsidentenbeleidigung und Terrorismusförderung konfrontiert. Als er sich beim Gang ins Gericht noch einmal umdreht, sieht er auf der anderen Straßenseite ein Mahnmal, in das in großen Ziffern die Jahreszahl „1933“ eingraviert ist.
Gerade ein deutsches Publikum versteht sofort die Verbindung, die mit dieser Einstellung zur Machtübernahme der Nationalsozialisten am Ende der Weimarer Republik hergestellt werden soll. Aber was für eine Bedeutung hat das Jahr „1933“ eigentlich in der Türkei, dass es so prominent vor einem Gericht in Istanbul prangt? Hier kommt eine der Besonderheiten des Berlinale-Siegers „Gelbe Briefe“, dem ersten Film von İlker Çatak nach seiner Oscarnominierung für „Das Lehrerzimmer“, ins Spiel.
Alamode Film
Es kommt immer häufiger vor, dass eine Stadt eine andere doubelt. So kann es sich zum Beispiel kaum noch jemand leisten, in New York zu drehen, weshalb vor allem Toronto als Ersatz herhalten muss – und tatsächlich sehen sich die Metropolen architektonisch ähnlich genug, dass es ohne tiefere Betrachtung gar nicht weiter auffällt. Solche Städte-Doubles gibt es nun auch in „Gelbe Briefe“. Allerdings schreckt Çatak nicht nur nicht davor zurück, selbst solche Wahrzeichen wie die Oberbaumbrücke oder die Elbphilharmonie ins Bild zu nehmen …
… er blendet dies sogar zweimal dick und fett ein: „Berlin als Ankara“ und später „Hamburg als Istanbul“. Und so findet die Verhandlung eben auch im Hanseatischen Oberlandesgericht am Sievekingplatz statt, wo gegenüber 1997 das von Gloria Friedmann entworfene Mahnmal „Hier + Jetzt – den Opfern nationalsozialistischer Justiz in Hamburg“ mit der „1933“-Gravur eingeweiht wurde.
Die naheliegenden Gedanken sind klar: Kann man inzwischen eine solche Geschichte tatsächlich nicht mehr im türkischen Kino erzählen, sodass man sie stattdessen im Ausland inszenieren muss? Oder hat es womöglich einfach nur mit der Filmförderung zu tun, an die man bei einem Dreh in Deutschland sicherlich leichter herankommt? Aber für Regisseur und Co-Drehbuchautor İlker Çatak stand eine andere Überlegung im Mittelpunkt.
Weil er selbst nicht zu den türkischen Künstler*innen zählt, die speziell zwischen 2016 und 2019 aus fadenscheinigen Gründen vor Gericht gestellt wurden, fühlte er sich in seiner eigenen Geschichte wie ein Tourist – bis sein türkischer Produzent Enis Köstepen ihm den Rat gab, doch den Film einfach ebenfalls ins Exil zu schicken. So landete „Gelbe Briefe“ in Berlin und Hamburg, wobei die örtliche Abstraktion der Geschichte einen universellen Anspruch verleiht.
Alamode Film
Das passt natürlich wie die Faust aufs Auge, gerade jetzt, wo sich seit der ersten Idee zum Film im Jahr 2019 noch mal eine ganze Menge getan hat: Nicht nur wurde in den USA ganz offen zum MAGA-Kampf gegen akademische Institutionen aufgerufen, auch in Deutschland gerieten im Zuge der Gaza-Proteste immer wieder Lehrende wie Kunstschaffende ins politische wie mediale Sperrfeuer. Also kommt doch ein Film genau recht, der uns zeigt, wie man es richtig macht, der uns als moralische Gebrauchsanweisung die passenden Vorbilder für diese schwierigen Zeiten mit an die Hand gibt. Aber Pustekuchen!
Denn damit sind wir bei der zweiten Besonderheit und der größten Qualität von „Gelbe Briefe“: Aziz und seine Ehefrau Derya (Özgü Namal), die selbst als strahlender Stern des Staatstheaters nicht vor den titelgebenden Kündigungsschreiben sicher ist, haben zwar grundsätzlich eine freiheitsstrebende, solidarische Haltung. Aber das heißt nicht, dass sie auch unter Druck immer das „Richtige“ tun. Jobverlust, Einschüchterungen, Paranoia, Strafandrohungen – der autokratische Apparat agiert gesichtslos und deshalb so effektiv, wenn er mit anonymen Schreiben alles in Gang setzt und dann die Erfüllungsgehilfen vom Theaterleiter über die Bankangestellte bis zum Richter die eigentliche Drecksarbeit erledigen.
Es geschieht ohne großen Knall, aber trotzdem ganz schnell, dass das Paar mit seiner Teenager-Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) nicht mehr in der schicken Eigentumswohnung in Ankara, sondern als Gäste in der engen Wohnung von Aziz‘ Mutter (İpek Bilgin) in Istanbul hockt. Die ständigen Nackenschläge werden nicht einfach weggesteckt, nur weil man sich ja weiter an die eigenen Überzeugungen klammern kann, wenn man nun auf einer kleinen Privatbühne ein besonders systemkritisches Stück inszeniert. Nein, es nagt an einem und irgendwann zwingt die Autokratie (fast) jeden in die Knie.
Wenn nicht um seiner selbst willen, muss man sich dann nicht zumindest für die Zukunft der eigenen Tochter wenigstens ein Stück weit verraten? Oder ist es nicht gerade ein Verrat an der nächsten Generation, die in der Schule Unterschriften gegen den teuren Fraß in der Kantine sammelt, wenn man jetzt nicht Rückgrat beweist? İlker Çatak tut gar nicht erst so, als ob er einfache Antworten hätte (solange es sie denn überhaupt gibt). Stattdessen seziert er schonungslos ehrlich die Auswirkungen des ständigen Drucks nicht so sehr auf die Gesamtgesellschaft, sondern hier vor allem auf eine Ehe – gemeinsam gegen alle, das kann in der echten Welt kaum lange gutgehen.
Fazit: İlker Çatak erzählt in seinem Goldener-Bär-Gewinner vom (Über-)Leben in einer autokratischen Gesellschaft, aber nicht didaktisch oder moralisch, sondern schmerzhaft ehrlich – und so zieht sich die Schlinge nicht nur für die Familie im Zentrum, sondern auch fürs Publikum unaufhaltsam zu.
Wir haben „Gelbe Briefe“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.