Ich würde nicht sagen, dass „Red Rooms“ ein Horrorfilm ist, auch kein Thriller sondern vielmehr ein persönliches Drama, das uns in die Abgründe von Obsession und Faszination für True Crime entführt und dabei ganz, ganz weit an den Rand des Wahnsinns führt. Der Film erfordert wohl etwas intellektuelle Leistung des Zuschauers, da viele Fragen nur indirekt beantwortet werden, manche bleiben gar gänzlich offen. In erster Linie ist da natürlich die Frage nach der Motivation, die Kelly-Anne antreibt und die der Regisseur Pascal Plante bewusst offengelassen hat. Ebenso sehen wir von den schrecklichen Taten im Film nichts, nur in zwei Szenen wird das Grauen auf der Tonspur ansatzweise angedeutet. Das sind die Gründe, warum die ganzen Splatter-Aficionados hier (die von den der Tagline „Der beste Horrorfilm des Jahres“ hergespült wurden und einen Film mit klaren Erklärungen erwartet haben) den Film alle so schlecht bewertet haben. Ich will gar nicht sagen, dass die ihn nicht verstanden haben, aber möglicherweise sind sie mit den falschen Erwartungen an den Film herangegangen und haben ganz offensichtlich nicht bekommen, was sie haben wollten.
Aber lasst euch davon nicht irritieren! „Red Rooms“ liefert – wenn man sich darauf einlässt – einen der verstörendsten und erbarmungslosesten Filme überhaupt! Die Gerichtsverhandlung gegen den vermeintlichen Mörder dreier Mädchen steht dabei nur vordergründig im Zentrum der Geschichte. Tatsächlich dreht sich der eigentliche Kern um Kelly-Anne, die wir gleich zu Beginn kennenlernen, wie sie vor dem Gerichtsgebäude übernachtet, um einen guten Platz bei der Verhandlung zu bekommen. Warum sie dies tut und für wen sie die Träne verliert, das bleibt zunächst im Dunkeln. Auffällig ist jedoch sofort, dass sie äußerlich keinerlei Gefühlsregungen zeigt – selbst diese Träne scheint sich gegen ihren Willen herausgequält zu haben. Ab hier fällt es mir aber schwer, ohne explizite Spoiler weiterzuschreiben, daher folgende Warnung:
Es bleibt sehr lange unklar, wohin der Film überhaupt gehen will, es gibt aber zwei entscheidende Wendepunkte im Film. Der erste Einschnitt ist, als die etwas überdrehte Clementine in ihr Leben tritt. Bis dahin haben wir Kelly-Anne als sehr intelligent, offenbar sehr wohlhabend, clever, kontrolliert und jederzeit überlegt und kalkuliert erlebt. Das verleiht ihrer Person schon fast etwas Roboterhaftes und Unheimliches. Clementine ist das komplette Gegenteil, sie ist aufgeregt, aktiv, emotional und offenbar ein Fangirl des Angeklagten, den sie für unschuldig hält. Sie treffen sich bei der Gerichtsverhandlung und Clementine wähnt in Kelly-Anne so etwas wie eine Seelenverwandte, da sie beobachtet hat, wie sie vor dem Gerichtsgebäude campt. Sie fungiert am Ende aber als emotionaler und moralischer Kompass für uns als Zuschauer. Während Kelly-Anne emotional völlig kühl bleibt und die Morde eher als technisches Puzzle oder Rätsel betrachtet, geht sie viel emotionaler an die Sache ran.
Nachdem sie eines der Mordvideos bei Kelly-Anne gesehen hat, bricht ihre Welt zusammen, sie ist unter Schock und vollkommen zerstört. Kelly-Anne bemerkt das natürlich, aber auch das lässt sie völlig kalt, sie hält sich die andere Frau eh nur wie eine Art Haustier oder psychologisches Experiment und lässt sie dann eben auch ebenso schnell wieder fallen. Dabei ist es Clementine, die die Emotionen, den Schmerz der Opfer, wie auch der deren Familien, gewissermaßen stellvertretend für Kelly-Anne spür- und erfahrbar macht.
In mehreren Interviews hat der Regisseur Pascal Plante immer wieder betont, dass er das Ende ganz bewusst zweideutig gelassen hat, er wollte uns als Zuschauer absichtlich mit Kelly-Annes bizarrem Verhalten alleine lassen. Er wollte vorgefertigte psychologische Erklärungen (wie . in „Psycho“) unbedingt vermeiden. Ein bisschen erklärt er uns aber doch Kelly-Annes Verhalten: In der Abgabe des USB-Sticks mit dem Video, das letztlich den Mörder überführt, sieht er keine reine altruistische, gute Tat. Sie handelt eher wie eine „Besessene“, die das Puzzle um jeden Preis lösen will. Es geht ihr nicht um Gerechtigkeit, sondern ihr Antrieb ist eine Mischung aus Stolz (sie ist die Einzige, die das Video finden konnte) und schlichtweg Faszination (der Regisseur nennt sie „orgasmisch“) für das Böse und das Grauen. Immerhin war sie bereit, offenbar (fast) ihr gesamtes Bitcoin-Vermögen für das Video zu bezahlen. 21,5 BTC sind umgerechnet ,44 EUR (Stand: 18. April 2026)!!!
Daneben – und das ist jetzt vielleicht nicht so subtil versteckt – geht es Pascal Plante auch um eine scharfe Kritik am aktuell sehr beliebten True Crime-Phänomen. Er möchte uns zeigen, dass sich hinter vermeintlich spannenden Fällen immer auch reale Opfer und Familien verbergen. Wenn manche hier aufregende Puzzles oder herausfordernde Rätsel sehen, so werden dadurch auch die Privatsphären der Betroffenen verletzt. Wie sehen das ganz konkret an der Mutter des dritten Opfers, Kelly-Annes Selfie in der Pose des getöteten Mädchens in deren ehemaliger Wohnung ist die ultimative Respektlosigkeit!
Eine letzte Bemerkung noch zu ihrem Online-Namen „Lady of Shalott“, falls ihr euch auch (wie ich) gefragt habt, ob der Name eine Bedeutung hat. Und ja klar, natürlich hat der Name eine Bedeutung! Der Name bezieht sich auf eine Ballade von Alfred Tennyson. In der Geschichte darf die Lady of Shalott die Außenwelt nicht direkt ansehen, da sie sonst verflucht werden würde. Sie kann das Leben in der realen Welt nur durch Reflexionen in einem Spiegel sehen. Und so ergeht es eben auch Kelly-Anne, sie nimmt nicht am wirklichen Leben teil, sie lebt abgetrennt und isoliert in ihrem luxuriösen, aber sterilen Appartement und beobachtet die Welt nur durch ihre Bildschirme. Das selbstgewählte Pseudonym spiegelt ihren Hang zur Melancholie, sie sieht sich – wie die Frau in der Ballade – als tragische, einsame Figur. Tennysons Geschichte endet, indem die Lady ihren Turm schließlich verlässt, sich in ein Boot legt und flussabwärts in den Tod treibt, während die Bewohner von Camelot sie nur als schönes, aber lebloses Objekt beobachten. So ergeht es am Ende auch Kelly-Anne, für sie gibt es kein Happy-End. Nachdem sie den USB-Stick abgeliefert hat, ist sie psychisch vollkommen zerstört, wir sehen das in den letzten Einstellungen des Films.
FAZIT: Man muss sich schon etwas auf „Red Rooms“ einlassen können. Es ist kein Horrorfilm, es gibt keine Splatterszenen und statt eindeutiger Erklärungen gibt es nur angedeutete Antworten. Lasst euch nicht von den schlechten Bewertungen hier irritieren, „Red Rooms“ ist auf seine Art brutal, erbarmungslos und maximal verstörend. Mich hat der Film absolut kalt erwischt und tagelang nicht mehr losgelassen. Von mir gibt’s eine ganz klare Empfehlung!