Sex mit Körpertausch
Von Michael MeynsIn den 80er-Jahren gab es eine Phase, in der Körpertauschfilme sehr beliebt waren: Filme wie „Big“ oder „Endlich wieder 18“ variierten diese Idee und und ließen mal Kinder über Nacht erwachsen werden oder ältere Menschen in jüngere Körper schlüpfen. Während das vor allem vergnügliche Genrespielereien waren, arbeiteten im anspruchsvolleren Kino auch Regisseure wie Michelangelo Antonioni („Beruf: Reporter“) oder Alfred Hitchcock („Vertigo – Aus dem Reich der Toten“) mit Doppelgängermotiven oder dem Wunsch, ein Anderer zu sein. Man darf davon ausgehen, dass sich der französische Autor und Regisseur Arthur Harari eher in der Tradition dieser Filmkünstler sieht, wenn er in seiner dritten Regiearbeit „The Unknown“ seine Figuren die Körper wechseln lässt.
Doch dem Werk des Filmemachers, der bei uns vor allem als Oscar-prämierter Co-Autor von „Anatomie eines Falls“ (inszeniert von seiner Frau Justine Triet) bekannt ist, fehlt die Klasse der großen Vorbilder. Ihm gelingt es daher weder, das exaltierte Konstrukt philosophisch zu überhöhen, noch zeigt er echtes Interesse am Genrefilm, um den vielversprechenden Ansatz spannend zu erzählen.
bathysphere
Der Künstler David Zimmermann (Niels Schneider) lebt in bescheidenen Verhältnissen in Paris und fotografiert Orte, die einst schon sein Vater abbildete, um den Wandel der Zeit festzuhalten. Seine Wohnung verlässt David nur für seine Kunst. Als ihn seine Freunde dennoch zu einer Maskenparty überreden, wirkt er dort nicht nur deshalb fehl am Platz, weil er als Einziger keine Kostümierung trägt. Eine ihm angebotene Droge nimmt er trotzdem, ehe er in der Menge eine faszinierende Frau (Léa Seydoux) entdeckt. Er folgt ihr, es kommt zum Sex.
Doch nach dem Akt findet sich David im Körper der Frau wieder, was er erst selbst realisiert, als er am nächsten Morgen verkatert aufwacht. Er erinnert sich daran, sie schon einmal gesehen und sogar fotografiert zu haben. Seine darauf beginnende Suche bringt zumindest recht schnell ihre Identität zutage: Sie heißt Eva und kommt aus Deutschland. Bald kann er sogar seinen eigenen Körper aufspüren. Doch in diesem befindet sich nicht Eva, sondern mittlerweile eine junge Frau namens Malia, die ebenfalls Sex und anschließenden Körpertausch mit einem Fremden hatte und sich jetzt nicht mehr zu ihrem Vater (dem gefeierten Regisseur Radu Jude in einer Nebenrolle) nach Hause traut.
Wenn sich das Duo von jetzt an gemeinsam auf die Suche macht, glaubt man für einen kurzen Moment, dass nun die Jagd auf ein mysteriöses Wesen beginnt, welches mittels Sex nur so durch die Körper wechselt. Das klingt nach dem Auftakt eines Genrefilms – doch den hat Arthur Harari nicht im Sinn. Was stattdessen? Das wird in dem mit 139 Minuten Laufzeit viel zu langen Film nie klar. Harari streut viele Zeichen und verteilt reihenweise Andeutungen. Doch am Ende ergeben die Einzelteile kein großes Ganzes - zumindest kein überzeugendes.
Es wird deutlich, dass der Filmemacher von Erinnerungen erzählen will, von den psychologischen Folgen, wenn man (oder Frau) plötzlich in einem anderen Körper - sogar in einem anderen Geschlecht – steckt. Neugierig erforscht David etwa seine Weiblichkeit. Später wird die im Körper von David gefangene Malia über den Geruch ihres neuen Äußeren klagen, der sie so sehr abstößt, dass sie nicht einmal duschen will. Besonders bizarr wird es, als David feststellt, dass der von ihm getragene Körper von Eva schwanger ist – und zwar vermutlich vom Sex mit ihm selbst.
bathysphere
Hat David sich also quasi selbst geschwängert? Wäre er Vater und Mutter in Personalunion? Immer wieder erlaubt es das extreme Konstrukt von „The Unknown“ solch seltsame, aber auch spannende Fragen anzureißen. Aber Harari hat keinerlei Interesse, seinen Ansatz auch nur im entferntesten zu einem konkreten Punkt zu führen. Anders als etwa in dem von ihm mitgeschriebenen „Anatomie eines Falls“, wo die Schuldfrage der von Sandra Hüller gespielten Hauptfigur bis zum Ende offenbleibt, hat hier das Nichtbeantworten zentraler Fragen keinen erzählerischen Mehrwert. Stattdessen wirkt der bewusste Verzicht auf Antworten, auf eine konkrete Auflösung des Konstrukts, wie eine Flucht, vielleicht auch wie die Unfähigkeit, gleichermaßen mit Genremustern zu spielen, diese zu einem narrativ befriedigenden Ende zu führen, sie aber dennoch philosophisch aufzuladen.
Fazit: Arthur Harari spielt in „The Unknown“ mit Genremustern, hat aber daran trotzdem eigentlich kein Interesse. Das Konstrukt von nach sexuellen Begegnungen gewechselten Identitäten bleibt dadurch Spielerei, die zwar im Ansatz interessant wirkt, am Ende aber im Nichts versandet.
Wir haben „The Unknown“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo der Film als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.