Ein zutiefst menschlicher Film über KI
Von Kamil MollVielleicht weiß eine Künstliche Intelligenz Dinge über uns, an die wir selbst im Moment, wenn es uns schlecht geht, nicht denken: zum Beispiel, dass eine menschliche Empfindung stets nur einige Sekunden andauert, wenn man sie nicht mit einem neuen Reiz oder Gedanken füttert und stärkt. So jedenfalls versucht der Pflegeroboter Pawlowitsch (Josef Ellers) die pflegebedürftige Frau Winkler (Angela Winkler) zu beruhigen, als sie wieder mal wütend wird. Frau Winkler hadert sichtlich damit, dass sich eine Maschine um sie kümmern soll. Daran ändert auch nichts, dass die metallene Hilfskraft in einem altmodisch ausgewaschenen Bademantel gekleidet ist und mit seinem Gesichtsdisplay menschenähnlich Emotionen ausdrückt.
Womöglich ist aber so ein Roboter für Pflegeaufgaben ja doch viel besser geeignet als ein Mensch, der an Grenzen geraten kann, überfordert oder launisch wirkt? Wütend wird eine solche Maschine jedenfalls nicht. In der Welt von Doris Dörries Tragikomödie „Frau Winkler verlässt das Haus“ sind elektronische Unterstützer wie Pawlowitsch längst alltäglich und weitaus ausgefeilter als die Staubsaugerroboter von heute. Im Restaurant sperren sie einem den Zugang zu Alkohol, falls es die übermittelten Körperwerte gesundheitlich nicht zulassen – und auch zu Hause geraten sie in Alarmbereitschaft, wenn die Haushaltsmittel im Kühlschrank ihr Haltbarkeitsdatum „gefährlich“ überschreiten.
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Solche Geräte können schnell zu Quälgeistern werden, selbst wenn sie es gut mit einem meinen. Jemand anders kann sich aber nicht um Frau Winkler kümmern, nachdem sie beim Richten der Gardinen von einem Hocker gestürzt ist: Ihrer Tochter Emi (Laura Tonke) steht jedenfalls gerade ein größeres Engagement am Theater Lübeck bevor. Außerdem ist sie der überdramatischen Gesten ihrer Mutter („Dann werde doch endlich glücklich und lass mich in Ruhe!“) überdrüssig, die in jungen Jahren selbst mal eine aufstrebende Schauspielerin war und die theatralen Allüren inzwischen ins Private verlagert hat. Über der Beziehung der Frauen hängt seit Langem eine geteilte Trauer: der frühe Tod von Frau Winklers Ehemann, den beide nicht gemeinsam aufgearbeitet haben.
„Human und volkswirtschaftlich sinnvoll“ sei so ein Roboter, erklärt Selma (Via Jikeli) der Familie Winkler die Vorzüge des lernbereiten Pawlowitsch. Wie sich Mensch und Maschine annähern können, versieht Dörrie dabei mit einer Besetzungspointe: Der Musicalschauspieler Josef Ellers spielt sowohl den sich kantig vorwärtsbewegenden Roboter wie in Rückblenden und Träumen Frau Winklers verstorbenen Mann Bruno. Auch Laura Tonke verkörpert nicht nur Emi, sondern zugleich eine jüngere Frau Winkler (die wiederum die Stimme von Angela Winkler beibehält). Aus solchen recht simpel scheinenden Spiegelungen zieht der Film eine durchdachte, enorm berührende Wirkung: Jede Figur kann sich in ihren Sehnsüchten und Fehlbarkeiten auch in denen der anderen wiedererkennen, ohne dass das Drehbuch dafür sonderlich viele (und erst recht keine penetrant überdeutlichen) Worte verlieren muss.
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Eine sehr wichtige Rolle für das Beziehungsgeflecht des Films spielt außerdem Anton Tschechows Stück „Drei Schwestern“, in das sich Emi im Verlauf der Geschichte einübt. „Leben und nicht wissen, warum die Kraniche fliegen“ lautet eine der am meisten zitierten Zeilen des Werks, die Frau Winkler mehrmals auf Pawlowitsch bezieht: Kann ein Roboter einfach nur existieren, ohne ahnen zu können, warum es ihn gibt? Um diese Frage kreist Doris Dörrie gleichwohl so elegant wie beschwingt mit ergebnisoffener Neugierde. Weder möchte sich der Film dabei auf eine ausschließlich technikkritische Perspektive einengen, wie sie momentan den von Ängsten getriebenen Diskurs um KI prägt, noch sieht er darin eine unumkehrbare Lösung.
Auch wenn „Frau Winkler verlässt das Haus“ der erste Film von Dörrie ist, der nicht in der Gegenwart, sondern in einer (nicht allzu weit) entfernten Zukunft spielt und sogar Sci-Fi-Elemente enthält, ist ansonsten gar nicht mal so viel anders als in ihrem bisherigen Werk. Schon seit Jahrzehnten umkreisen die Filme der Regisseurin existenzielle Themen auf eine entschieden heitere Weise, sei es bei ihrem frühen Beziehungskomödienklassiker „Männer“ (1985) oder im späteren, weitaus experimentelleren und explizit philosophisch angehauchten „Kirschblüten & Dämonen“ (2019). Auch der Umgang mit Trauer und Verlust zieht sich wie ein über die Jahre sorgsam geknüpfter roter Faden durch diese Filme. Zu ihnen bildet „Frau Winkler verlässt das Haus“ eine betont leichte, aber auch meisterlich souverän und dennoch unaufdringlich die eigenen Mittel beherrschende Ergänzung, die wie alle ihre Filme dazu einlädt, sich mehr in die Filmografie dieser wunderbaren Regisseurin zu versenken.
Fazit: Doris Dörrie gelingt mit „Frau Winkler verlässt das Haus“ eine ebenso kluge wie berührende Tragikomödie über Trauer, familiäre Entfremdung und die Frage, was uns eigentlich menschlich macht. Die Zukunftsvision dient dabei weniger als dystopische Warnung, denn als heitere Projektionsfläche für sehr gegenwärtige Konflikte.