Der "Bonnie & Clyde" für die neue Generation!
Von Pavao Vlajcic„Carolina Caroline“, der etwas umständliche Titel des neuen Films von Adam Rehmeier („Dinner In America“), der seine Deutschlandpremiere auf dem Fantasy Filmfest feiert, steht zum einen für den südlichen US-Bundesstaat South Carolina, der als Schauplatz für einige der entscheidenden Momente dieser Gangsterballade fungiert. Zum anderen verweist er auf Caroline Daniels, eine umwerfende texanische Schönheit, die sich als unbedarfte Tankstellenangestellte verdingt und in einen Strudel dramatischer Ereignisse verwickelt wird. In den ersten Momenten des Films sieht man diese Caroline (eine strahlende Samara Weaving) mit schwarzer Perücke und Sonnenbrille ihr Hotel verlassen, kurz darauf ein Auto rauben, sich ihrer Verkleidung entledigen und der Sonne entgegenfahren. Was hat sie vor? Vor wem flieht sie? Was hat sie angestellt? Bevor sich das Publikum diese Fragen stellen kann, springt der Film auch schon drei Monate zurück und liefert nach und nach die Erklärung.
Beim Tankstellenjob in Texas lernt Caroline den Hochstapler Oliver (Kyle Gallner mit treudoofem Dackelblick) kennen, als er ihren Boss beim Wechselgeldbetrug um eine kleine Summe erleichtert. Statt ihn anzuschwärzen, steigt sie in sein Auto, lässt sich Taschenspielertricks erklären und stellt ihn sogar schon bald ihrem Vater vor. Oliver und Caroline erkennen einander als verwandte Seelen, die einer gleichgültigen Welt ein Stück Lebenslust, Freude und Romantik abringen wollen. Zusammen beschließen sie, Carolines entfremdete Mutter in South Carolina zu besuchen – und rauben auf dem Weg dorthin eine ganze Reihe von Banken aus. Die Filmgeschichte lehrt uns nicht erst seit „Bonnie & Clyde“, dass so etwas selten gut ausgeht.
Magnolia Pictures
Filmgeschichte ist hier vielleicht ohnehin ein gutes Stichwort, vor allem wenn man sich manche Rezensionen zu „Carolina Caroline“ durchliest. Man bekommt den Eindruck, dass viele Kritiker*innen dem Regisseur Rehmeier einen gewissen Klassizismus und die Tatsache übelnehmen, dass er nach seinen deutlich am amerikanischen Independent-Film orientierten Vorgängern diesmal weitgehend ohne Brechungen, besondere sozialkritische Untertöne oder formale Experimente einen sehr traditionellen Stoff inszeniert. Er fängt dazu sehr gemächlich an. Die Anfangssequenz mit dem Autoraub legt zwar einen klassischen Genre-Stoff nahe, allerdings fährt Rehmeier danach das Tempo beträchtlich herunter, bis man sich beinahe in einer zarten Liebeskomödie wähnt.
Romantische Kennenlerngespräche in Restaurants, mit Dämmerlicht ausgeleuchtete Sexszenen in Feldern, sonnendurchflutete Landschaftspanoramen, sanfte Schnitte, dazu träumerische Country-Standards als Daueruntermalung: Rehmeier gibt seinen Protagonist*innen so alle Zeit der Welt, sich ineinander zu verlieben, wiegt sowohl die vom Schicksal verfolgten Liebenden als auch sein Publikum lange Zeit in Sicherheit. Dass man da gerne am Ball bleibt, obwohl einem anfangs scheinbar ein anderer Film versprochen wurde, ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Zum einen ist da Rehmeiers inszenatorische Sorgfalt. Zum anderen das geschickte Drehbuch von William Thomas Dean IV, das immer wieder dezent Hinweise auf hinter der Oberfläche verborgene Probleme einstreut, wie zum Beispiel die komplizierte Beziehung Carolines zu ihrer Mutter.
Das größte Pfund, mit dem Rehmeier und der Film wuchern können, sind allerdings die beiden fantastischen Hauptdarsteller*innen Kyle Gallner und Samara Weaving. Sowohl Gallner als auch Weaving haben sich mit Auftritten in Genre-Produktionen wie „Smile“, „Scream 5“ und „Strange Darling“ beziehungsweise „Ready Or Not“, „Scream 6“ und „The Babysitter“ den Ruf als amtierende Scream King & Queen erarbeitet. Beide stürzen sich mit Hingabe und enorm viel Charisma in ihre Rollen und die Gelegenheit, im Zentrum einer für sie etwas anderen Geschichte zu stehen.
Erst nach etwas mehr als der Hälfte der Laufzeit ist dann der Bruchpunkt der Erzählung erreicht, Caroline und Oliver haben den Rubikon überschritten und sind fortan in einer Schicksalsgemeinschaft miteinander verhaftet. Und das Publikum mit ihnen. Denn jetzt zahlt sich Rehmeiers gemächliche Vorarbeit aus der ersten Filmhälfte aus. Er hat uns das Liebespaar so geschickt nahegebracht, dass wir mit ihnen mitfiebern und ihnen überallhin folgen, egal ob Tod oder Teufel.
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Entsprechend zieht er im letzten Drittel die Daumenschrauben an, erhöht das Tempo, lässt Musik donnern, baut Verfolgungsjagden und Suspense-Momente ein, wechselt vom romantischen Honky-Tonk-Country der ersten Hälfte in das melancholische Moll-Register von Townes Van Zandts „Tecumseh Valley“, bis er die Erzählung in einem altbewährten Showdown mit ultraromantischen Gesten in einer Western-Bar kulminieren lässt.
Man kann „Carolina Caroline“ sicherlich als überraschungsarm und allzu konventionell empfinden, wird damit aber weder seiner emotionalen Intensität noch seiner beinahe mythischen Kraft gerecht. Denn Rehmeier wird sicher klar sein, dass er hier nicht das Rad neu erfindet. Was ihm aber gelingt, ist selten geworden: einen archetypischen Stoff mit universellem Identifikationspotenzial auf seine eigene Weise zu interpretieren und erfolgreich in die Gegenwart zu holen.
Fazit: „Fuck it – Let’s Rob The Whole World!“ Adam Rehmeier gelingt mit „Carolina Caroline“ unter tatkräftiger Mithilfe von Samara Weaving und Kyle Gallner eine emotional packende, melancholische Außenseiter*innen-Ballade mit Southern-Gothic-Elementen. Mit Verweisen auf moderne Klassiker wie „Bonnie & Clyde“, „Thelma & Louise“ oder „True Romance“, dabei in Tonlage und Gestaltung aber völlig eigenständig, ist der Film ein nachhaltig beeindruckendes Stück überzeitlicher US-amerikanischer Ultraromantik.