Nichtsnutze
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Nichtsnutze

"Hangover" trifft "8 Mile" – in Heidelberg

Von Lars-Christian Daniels

Deutsche Kino-Kiffer-Komödien mit spleenigen Nichtsnutzen in tragenden Rollen erlebten ihre Blütezeit in etwa um die Jahrtausendwende: 1999 und 2001 starteten schließlich Peter Thorwarths maximal kultiger Ruhrpott-Klassiker „Bang Boom Bang“ mit dem herrlich verplanten Unglücksraben Keek und Christian Züberts ähnlich schräge Komödie „Lammbock“, in der zwei Kiffer in Würzburg einen Pizzaservice als Lieferdienst für Cannabis missbrauchen. Ein Vierteljahrhundert später fügt Regisseur und Drehbuchautor Sedat Aslan dem liebenswerten Subgenre der vielgescholtenen deutschen Komödie nun ein weiteres Kapitel hinzu.

Der gebürtige Weinheimer verzichtet in seinem Langfilmdebüt „Nichtsnutze“ wie schon die Verantwortlichen von „Bang Boom Bang“ und „Lammbock“ ebenfalls auf das im deutschen Mainstream so überrepräsentierte Berlin: Als Schauplatz der Handlung wählt Aslan stattdessen das unweit seiner Geburtsstadt gelegene Heidelberg. Mit den zwei genannten Genreperlen kann sein Debüt allerdings nicht mithalten – was vor allem daran liegt, dass sich vieles hier wie ein müder Aufguss dessen anfühlt, was wir im Kino der 90er- und 2000er-Jahre schon allzu häufig gesehen haben.

Dem WG-Trio Emre (Deniz Arora), Daniele (Benito Bause) und Freddy (Constantin von Jascheroff) geht es eigentlich ziemlich gut, so wie aktuell alles ist. Camino Filmverleih
Dem WG-Trio Emre (Deniz Arora), Daniele (Benito Bause) und Freddy (Constantin von Jascheroff) geht es eigentlich ziemlich gut, so wie aktuell alles ist.

„Nichtsnutze“ dreht sich um den mittellosen Endzwanziger und Hobby-Rapper Emre (Deniz Arora), der seit elf Semestern studiert, nebenbei jobbt und noch nicht im Berufsleben angekommen ist – sehr zur Sorge seiner als Rechtsreferendarin tätigen, gleichaltrigen Freundin Josy (Sina Tkotsch). Die will ihn endlich ihren Eltern vorstellen und am liebsten eine gemeinsame Wohnung mit Emre beziehen. Ihr Freund hat es damit aber nicht so eilig: In der WG mit seinen besten Freunden Daniele (Benito Bause) und Freddy (Constantin von Jascheroff) fühlt er sich eigentlich pudelwohl.

Sein entspanntes Leben wird allerdings durcheinandergewirbelt, als er von seinem Chef Bülent (Tim Seyfi) ein verlockendes Jobangebot erhält: Emre könnte einen gut bezahlten Gastro-Job in Istanbul übernehmen, muss sich aber binnen 48 Stunden entscheiden. Das fällt Emre nicht leicht – und so entschließt er sich erst einmal dazu, mit Daniele und Freddy am Wochenende einen draufzumachen und die Entscheidung zu vertagen. Zudem bittet ihn sein kleinkrimineller Bruder Eko (Murat Seven) spontan um Unterstützung bei einem Einbruch …

Auf den Spuren von Eminem

Heidelberg kennzeichnet nicht nur eine gesunde Rivalität zu Mannheim, sondern auch das gesellige Studierendenleben am Fuße des Königstuhls. Zudem ist es eine der Wiegen deutscher Hip-Hop-Kultur. Nicht von ungefähr geben sich Sprechgesangspionier*innen wie die Stieber Twins und Cora E. auf der Tonspur des Films die Ehre, während der frühere Advanced-Chemistry-Rapper Toni-L vor der Kamera sogar einen Gastauftritt als Moderator eines Freestyle-Battle-Raps auf einer 2000er-Party hat. Kommt euch bekannt vor?

Ganz genau: Das Duell auf der Bühne, bei dem der talentierte Emre mehrere gute Punchlines setzt, ist eine unverhohlen als solche bezeichnete Hommage an das Eminem-Biopic „8 Mile“. Und auch sonst finden sich in „Nichtsnutze“ viele Verweise auf das Kino der bereits erwähnten Jahrzehnte. So geben sich Emre und Eko beim augenzwinkernd als „Ocean‘s Two“ titulierten Einbruch die Decknamen „Batman & Robin“. Folgenreiche Abstürze und ein spontanes Tattoo kennen wir zudem aus „Hangover“ – und auch sonst steht der Film ganz in der Tradition dessen, was sich in dieser Zeit in deutschen und internationalen Komödien als Erfolgsrezept bewährt hat.

Selbst den Maskierungen sieht man den Bezug zum Deutsch-Rap an. Camino Filmverleih
Selbst den Maskierungen sieht man den Bezug zum Deutsch-Rap an.

Da darf natürlich auch das „Pulp Fiction“-Plakat in der WG-Küche keinesfalls fehlen. Eigene originelle Einfälle hat „Nichtsnutze“ indes nur wenige zu bieten. In Aslans erstem Langfilm wissen wir meist schon zwei Minuten vorher, was als Nächstes passiert: Beim Kennenlernen von Josys Eltern (gespielt vom realen Paar Martin Brambach und Christine Sommer) etwa bleibt der latente Rassismus gegenüber einem in Heidelberg geborenen jungen Mann mit türkischem Namen nicht aus („Sie sehen ja ganz anders aus als der Justus“). Und der Umtrunk bei Josys schmierigem Chef Wolfgang (Thomas Loibl) entpuppt sich wenig überraschend als das, was schon bei der Einladung zu befürchten war: das übergriffige Vorgehen eines Mannes mit Macht.

Dramaturgisch ist „Nichtsnutze“ stets ausrechenbar: Der Party folgen die Probleme, dem Chaos der Kater, dem Krach der Kitsch. Das ist in diesem Genre kein Beinbruch, aber es hätten zumindest weniger laue Wortspiele wie „Huan Son“ und „Perry Ohde“ und weniger Kalendersprüche wie „Freiheit ist das, was du draus machst“ sein dürfen. Eko erweist sich derweil als Schleuder für One-Liner, die nicht immer zünden. Auch der gelegentliche, hier sehr beliebig verwendete Durchbruch der Vierten Wand, den wir etwa aus dem aktuellen Netflix-Hit „Achtsam Morden“ kennen, generiert als inzwischen ziemlich abgegriffenes Stilmittel keinen spürbaren Mehrwert für die Handlung oder die Gagdichte.

Zumindest: Das Herz ist definitiv am rechten Fleck!

Dass Emre nur noch 48 Stunden für seine Entscheidung verbleiben, wirkt als zeitliche Vorgabe für einen wilden Wettlauf gegen die Zeit auch wie ein pures Mittel zum Zweck: Eine nennenswerte Dringlichkeit oder enormer Zeitdruck ist für Emre kaum zu erkennen, schließlich geht es der Frohnatur auch ohne prall gefüllten Geldbeutel ganz gut. Weder sitzen dem Langzeitstudenten irgendwelche Häscher im Nacken, noch hat er andere Sorgen, derer er sich binnen zwei Tagen entledigen muss. Warum sollte er also Panik schieben? So richtig leuchtet das nicht ein.

Immerhin: „Nichtsnutze“ hat Herz und die Besetzung des Low-Budget-Projekts ist eine Bank. Wenngleich die ganz großen Namen im Cast fehlen, geben sich etablierte TV- und Kinogrößen wie der gewohnt grandiose „Tatort“-Ermittler Martin Brambach, Thomas Loibl, Sina Tkotsch oder Constantin von Jascheroff die Klinke in die Hand. Auch Deniz Arora („Schock“) überzeugt in seiner Hauptrolle und bekommt als Emre vom Drehbuch viel Entfaltungsspielraum eingeräumt – anders als dessen Kumpels, die schon in den Anfangsminuten in zwei Schubladen gesteckt werden, aus denen sie auch in der Folge nicht mehr herausgekrabbelt kommen.

Fazit: Sedat Aslans Langfilmdebüt „Nichtsnutze“ ist eine sympathische und überzeugend besetzte, letztlich aber auch ziemlich harmlose Indie-Komödie. Die ausgetretenen Pfade des Genres verlässt der Film nie und bedient sich stattdessen bei vielen prominenten Vorbildern.

Wir haben „Nichtsnutze“ beim 22. Festival des deutschen Films in Ludwigshafen gesehen, wo der Film seine Weltpremiere feierte.

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