So klingt das Leben
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
So klingt das Leben

Traumabewältigung im Kollektiv

Von Björn Schneider

Bekanntlich kommen die besten Wohlfühl-Komödien mit sozialem Anliegen aus Großbritannien. Bittersüße, herzerwärmende Filme, in denen ein Haufen verschrobener Charaktere über sich hinaus- und zusammenwächst. Unvergessen: Der 90er-Klassiker „Ganz oder gar nicht“ (über strippende arbeitslose Stahlarbeiter), der ein Jahr zuvor entstandene irische Geheimtipp „Brassed Off“ (über eine Bergarbeiter-Blaskapelle) sowie der Überraschungserfolg „Fisherman’s Friends“ über einen Shanty-Chor aus Cornwall. Ebenso wie in „Brassed Off“ und „Fisherman’s Friends“ dreht sich – der Titel lässt es bereits erahnen – auch in „So klingt das Leben“ alles um Musik. Die spanische Tragikomödie rückt eine tief in der Folklore des Landes verwurzelte Gattung ins Zentrum, die sich vor allem in Galizien allergrößter Beliebtheit erfreut: die Rondallas.

Dabei handelt es sich um Instrumentalbands, die – von Fahnenträgern begleitet – zum Rhythmus von Perkussion und Zupfinstrumenten meist traditionelle Lieder und Tänze darbieten. In manchen Gegenden Galiziens sind die Rondallas so populär, dass es sogar Wettbewerbe gibt, in denen regionale Gruppen in den größten Hallen vor Tausenden Zuschauern gegeneinander antreten. Auf eine solche Meisterschaft bereitet sich in „So klingt das Leben“ nun eine zu Höchstform auflaufende Gruppe aus der Nähe von Vigo vor. Inszeniert hat dieses Schaulaufen der Marschensembles Daniel Sánchez Arévalo. Der Goya-Preisträger (für „dunkelblaufastschwarz“) geht dramaturgisch zwar wenige Risiken ein, hält dafür aber gekonnt die Balance zwischen Schwermut und Leichtigkeit.

In einer Rondalla-Gruppe haben auch außergewöhnliche Instrumente ihren Platz. Alamode Film
In einer Rondalla-Gruppe haben auch außergewöhnliche Instrumente ihren Platz.

Zwei Jahre nach einem tragischen Schiffsunglück versuchen die Bewohner*innen des galizischen Fischerdorfs A Guarda zurück ins Leben zu finden. Doch das fällt schwer, schließlich haben etliche von ihnen durch den Unfall Familienmitglieder oder enge Freund*innen verloren. Um der Lethargie zu entkommen, beschließen Luis (stark: der zweifache Goya-Sieger Javier Gutiérrez) und Carmen (María Vázquez), das alte Musikensemble zu reaktivieren. Was zunächst nur schleppend vorangeht, erweist sich nach einigen Wochen als großer Erfolg. Denn durch die gemeinsamen Proben findet die traumatisierte Dorfgemeinschaft allmählich wieder zusammen …

Trockener Humor und kauzige Charaktere

Daniel Sánchez Arévalo blickt mit viel Gefühl und Empathie auf das einfache Leben der Menschen in A Guarda. Die meisten von ihnen leben vom Fischfang, darunter auch Luis, der den Film erzählerisch zusammenhält. Um ihn herum gruppiert der Regisseur eine Vielzahl liebenswürdiger, eigensinniger Protagonist*innen, die alle auf ihre Weise ihr Päckchen zu tragen haben. Darunter Yayo (Carlos Blanco), der bei dem Unglück ein Bein verloren hat. Mit trockenem, lakonischem Humor und deftigen Sprüchen begegnet der stets beschwipste, bärtige Fischer, der mit einem tiefergelegten Elektrorollstuhl unterwegs ist, den Widrigkeiten des Lebens.

Oder Xoel (Tamar Novas), dem beim Wettbewerb die (elementare) Rolle des Fahnenträgers zukommt. Seit einer Trennung fehlt es dem sensiblen Mann an Motivation. Dank Yayo, der ihn in der Kunst des Fahnentragens unterrichtet, findet er schließlich zu neuem Selbstvertrauen. Die „Übungsstunden“ des Duos auf dem örtlichen Basketballplatz zählen zu den lustigsten Szenen des Films.

Ein Übermaß an Handlungssträngen

Apropos Humor: Arévalo generiert diesen gekonnt aus den Besonderheiten der Einheimischen, ohne sich über sie lustig zu machen. Auffallend ist zudem der authentische Eindruck, der beim Zuschauen entsteht. Das liegt zum einen am wunderbar eingespielten Ensemble, das die lebensnah gezeichneten Figuren glaubhaft verkörpert. Zum anderen ergibt sich diese Leichtigkeit aus dem sorgfältig durchkomponierten Schnitt. Dieser orientiert sich ganz am „natürlichen“ menschlichen Verhalten (an Bewegungen, Gestik, Mimik) und am Rhythmus der Musik.

In Sachen Plot-Dramaturgie geht der Film jedoch auf Nummer sicher. „So klingt das Leben“ kann sich leider nicht von den Mechanismen und (ungeschriebenen) Gesetzen klassischer Feel-Good-Komödien lösen. Heißt: Handlungsverlauf und Ende sind ziemlich absehbar und deuten sich bereits früh an. Hinzu kommt, dass es einigen Nebenhandlungen und Figuren an Tiefe fehlt – ein typisches Problem vieler Ensemble- und Episodenfilme.

Bei der Rondalla gehören Musik und Tanz einfach zusammen! Alamode Film
Bei der Rondalla gehören Musik und Tanz einfach zusammen!

Auf „So klingt das Leben“ trifft das in besonderer Weise zu, da Arévalo seinen knapp zweistündigen Film mit inhaltlichen Nebenschauplätzen, Charakteren, Storylines und Themen (Trauerbewältigung, Geldsorgen, Depressionen, Umweltzerstörung, Generationenkonflikt) vollstopft. Vieles davon bleibt nur angedeutet und erscheint skizzenhaft. Und dann gibt es auch noch einen Krimi-Subplot, der unerwartete Details über die wahren Ursachen des Schiffsunfalls ans Licht bringt. Aufgrund dieser Themenfülle wirkt der Film ziemlich überladen und regelrecht aufgebläht.

Dafür präsentiert Arévalo bei den Proben und im großen Finale beim Musikwettbewerb die ganze Energie, Kraft und Vielfalt, die hinter den Rondalla-Darbietungen mit ihren komplexen Choreografien steckt. Diese Szenen sind meisterhaft geschnitten und arrangiert. Arévalo nutzt die Musik und die Aufführungen aber nicht, um auf plakative Weise beim Betrachter Emotionen zu evozieren. Vielmehr setzt er diese energetischen Momente, in denen die Bewohner*innen zusammenwachsen und eine Einheit bilden, gezielt und mit Sinn für Atmosphäre ein.

Fazit: „So klingt das Leben“ feiert die Wiederauferstehung eines traditionellen Rondallas-Ensembles mit kraftvollen Live-Impressionen und regelrecht berauschenden Musik-Szenen. Der unverkrampft erzählte Film begeistert mit einem gut eingespielten Ensemble und erweist sich insgesamt als vergnügliches Feel-Good-Movie mit Tiefgang. Die mosaikartige Erzählung und die extreme Themendichte tun der spanischen Tragikomödie allerdings gar nicht gut.

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