Strange Harvest
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Strange Harvest

Überzeugender True-Crime-Fake, der sich selbst im Weg steht

Von Thorsten Hanisch

Eigentlich sollte man mit dem Lesen der nun folgenden Kritik zu „Strange Harvest“ bereits wieder abbrechen und sich auch sonst nichts mehr zu Gemüte führen. So könnte Stuart Ortiz' Film immerhin noch bis zum im Rahmen des Konzepts eigentlich überflüssigen Abspann die wohl angepeilte Wirkung entfalten.

Die erste Solo-Regiearbeit von Ortiz, vor allem als Teil des zwischen 2011 und 2017 aktiven Independent-Filmemacher-Duos The Vicious Brothers („Grave Encounters“, „It Stains The Sands Red“) bekannt, imitiert perfekt das True-Crime-Format, dessen Wirkung wesentlich vom Eindruck der Authentizität abhängt. Diesen Eindruck im heutigen Medienzeitalter zu erzeugen, in dem sich die Fiktionalität eines Films kaum dauerhaft verbergen lässt, ist natürlich ungleich schwieriger. „Strange Harvest“ macht es sich allerdings zusätzlich schwer, indem er sein Spiel mit dokumentarischer Glaubwürdigkeit an entscheidenden Stellen selbst untergräbt. So stolpert „Strange Harvest“ letztendlich über die eigenen Beine. Für eineinhalb unterhaltsame Stunden reicht’s aber dennoch.

Nach mehreren Jahren Pause ist der maskierte Serienkiller Mr. Shiny (Jessee J. Clarkson) plötzlich wieder zurück. Drop-Out Cinema
Nach mehreren Jahren Pause ist der maskierte Serienkiller Mr. Shiny (Jessee J. Clarkson) plötzlich wieder zurück.

Die Handlung dreht sich um die fast zwei Jahrzehnte andauernde Jagd nach einem maskentragenden Serienkiller namens Mr. Shiny (Jessee J. Clarkson). Wie die Kriminalbeamten Joe Kirby (Pete Zizzo) und Lexi Taylor (Terri Apple) bei einem Routine-Einsatz mit Schrecken feststellen, ist dieser nach einer langen Pause wieder zurückgekehrt: Eine dreiköpfige Familie wurde gefesselt, unter einem seltsamen Symbol drapiert und langsam ausgeblutet.

Kirby und Taylor erkennen das seltsame Symbol sofort: Der Killer, der an den Tatorten nicht den geringsten Hinweis hinterlässt, war vor 15 Jahren bereits aktiv und startet jetzt wieder von Neuem durch – so gibt es bald weitere opulente Mord-Tableaus zu begutachten. Einer der Höhepunkte dürfte ein mit Stacheldraht und Glasscherben abgesicherter Swimmingpool sein, in dem ein Opfer langsam von Blutegeln ausgesaugt wurde. Nur ein Zufall bringt die beiden zunehmend verzweifelten und an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit stoßenden Ermittler auf die Spur des Killers, der mit übersinnlichen Kräften in Verbindung zu stehen scheint...

Detective Joe Kirby (Pete Zizzo) verzweifelt zunehmend an dem Fall. Drop-Out Cinema
Detective Joe Kirby (Pete Zizzo) verzweifelt zunehmend an dem Fall.

Beim Abspann von „Strange Harvest“ fragt man sich unweigerlich, wie dieser Film wohl zur Hochzeit des Exploitation-Kinos vermarktet worden wäre und welche Tiefenwirkung er in dieser Ära hätte entfalten können. Zu einer Zeit, als raffinierte Verleiher es mit ausgefuchsten Werbekampagnen nicht nur bestens verstanden, Sensationslust zu adressieren, sondern ebenso keine Skrupel hatten, ihrem Publikum den Boden unter den Füßen komplett wegzuziehen. So entfalteten Filme wie „Gesichter des Todes“ (1978) oder „Cannibal Holocaust“ (1980) auch dadurch eine immense Wirkung, dass dem Publikum im Vorfeld konsequent vorgegaukelt wurde, dass auf der Leinwand Realität abgebildet wird. Oftmals begründete diese Art von Vermarktung moderne Mythen, die sich noch viele Jahre halten sollten.

Eine vergleichbare Täuschung dürfte „Strange Harvest“ heute kaum noch gelingen. Formal setzt der Film sein Spiel mit der Wirklichkeit aber bemerkenswert konsequent um. Die an sich gut inszenierte Mockumentary ahmt das vor ein paar Jahren primär durch Netflix popularisierte True-Crime-Format detailgetreu nach. Die Darsteller*innen, egal ob das Protagonisten-Duo oder Randfiguren wie Bekannte der Opfer oder Augenzeugen, wirken jederzeit wie aus dem Alltag gegriffen. Der oft von angemessen reißerischer, aber pointiert eingesetzter Musik untermalte Mix aus Interviewszenen, Videos aus verschiedenartigen Kameras und Tatortfotos trifft die Ästhetik seiner Vorbilder auf den Punkt. Hier hat definitiv jemand seine Hausaufgaben gemacht, das ist alles fast zu hundert Prozent stimmig.

Der Film sabotiert sich nicht erst am Ende selbst

Nur fast, weil zwei Punkte dann doch etwas an der Glaubwürdigkeit des Ganzen kratzen. Zum einen sind die gezeigten Tatortfotos und Videoaufnahmen selbst für dieses wenig zimperliche Genre sehr explizit und splatterfilmhaft. Man wird wohl auch lange suchen müssen, um eine echte True-Crime-Dokumentation zu finden, in der Kinderleichen abgebildet werden. Zum anderen suggeriert „Strange Harvest“ gleich am Anfang, dass im Folgenden ein Fall geschildert wird, der medial so gut wie gar nicht beachtet wurde. Das ist in Anbetracht der absolut spektakulären Mordfälle sowie der Tatsache, dass die Ereignisse im letzten Drittel einen übernatürlichen Touch à la H. P. Lovecraft bekommen, kaum vorstellbar. Wer sich dennoch auf die dokumentarische Illusion einlässt, muss erleben, wie der Film sich am Ende mit einem klassischen Abspann, in dem alle Schauspieler*innen aufgelistet sind und der zudem von unpassendem Dancepop unterlegt wurde, selbst die Luft rauslässt.

Das wirkt erstaunlich mutlos – vor allem angesichts der Tatsache, dass sich „Strange Harvest“ ansonsten relativ kompromisslos gibt (in einer eindringlichen, sehr harten Szene wird eine Teenagerin Opfer eines Mordanschlags vor laufender Webcam). Da hätte man gleich einen konventionellen Spielfilm drehen können. Zurück bleibt aber immer noch ein unterhaltsames Crossover aus Polizeithriller und Slasher, das vor allem dank seiner extravaganten, schaurigen Tatorte manches Mal an 90er-Jahre-Hits wie „Sieben“ erinnert.

Fazit: Die erste Solo-Arbeit des Indie-Filmemachers Stuart Ortiz ist bei gewalthaltigen Szenen unverfroren detailfreudig, stolpert aber über kleinere Unglaubwürdigkeiten und zieht ihr an sich gut in Szene gesetztes True-Crime-Konzept nicht vollends durch. Da hätte was Großes daraus werden können, aber für einen kurzweiligen Abend reicht’s dennoch.

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