The End Of Oak Street
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
The End Of Oak Street

Der beste "Jurassic Park" seit "Jurassic Park"!

Von Christoph Petersen

Jeder Dino zählt! Statt sein Publikum – wie die jüngeren „Jurassic World“-Blockbuster – mit der schieren Masse an Urzeit-Giganten zu überrumpeln, hat sich „It Follows“-Mastermind David Robert Mitchell für jede Spezies seines diversen Dino-Casts wirklich etwas einfallen lassen. Das reicht bis hin zu zwei kopulierenden Langhälsen, mit denen die Protagonist*innen – Überlebenskampf hin oder her – erst einmal ein Erinnerungs-Polaroid schießen. Auf die Idee zu „The End Of Oak Street“ ist der Regisseur gekommen, als er sich bei einem Spaziergang durch die Nachbarschaft plötzlich vorstellte, wie ein Dinosaurier eine der Mülltonnen durchwühlt. Und tatsächlich entwickeln die in den letzten 30 Jahren zunehmend inflationär eingesetzten Riesenreptilien einen ganz anderen Impact, wenn sie nicht in einer Science-Fiction-Umgebung, sondern im heimischen Wohnzimmer aufschlagen.

Trotzdem gibt es eine künstliche Distanz zum Geschehen, schließlich spielt „The End Of Oak Street“ nicht in der Jetztzeit, sondern – ganz sicher nicht zufällig – 1982, also in jenem Jahr, in dem „E.T. – Der Außerirdische“ mit gigantischem Abstand an der Spitze der Kinocharts thronte. Nachdem er mit „Super 8“ bereits seine persönliche Steven-Spielberg-Hommage gedreht hat, legt J.J. Abrams nun als Produzent noch mal nach – und liefert eine zwar auf modernsten IMAX-Kameras gedrehte, aber dennoch nach Achtzigerjahre-Analogmaterial aussehende Reminiszenz an die legendären Amblin-Produktionen jener Ära (von „Die Goonies“ bis „Gremlins“). Das Ergebnis ist ein absoluter Leckerbissen für Kinofans, der aber zudem genug gelungene Dino-Action bietet, um auch ein breiteres Mainstream-Publikum keinesfalls zu enttäuschen.

Bei Steven Spielberg gelernt: David Robert Mitchell zeigt uns erst mal die staunende Familie, bevor er offenbart, warum sie die Münder nicht mehr zubekommen. Warner Bros.
Bei Steven Spielberg gelernt: David Robert Mitchell zeigt uns erst mal die staunende Familie, bevor er offenbart, warum sie die Münder nicht mehr zubekommen.

Die Eheleute Platt, Denise (Anne Hathaway) und Greg (Ewan McGregor), haben wegen ihres erforschungslustigen Hundes Starbuck ständig Stress mit ihrem Nachbarn (P.J. Byrne) – und als in dessen Garten plötzlich ein 100 Kilogramm schwerer Kackhaufen dampft, ist er sich deshalb auch sofort sicher, dass nur der Platt-Sprössling Brian (Christian Convery) auf so einen Schabernack gekommen sein kann. Aber selbst wenn dem so wäre, wo kommt dann plötzlich die palmenartige Pflanze her, die an nur zwei Tagen bis auf Schulterhöhe gewachsen und laut Bibliotheks-Lexikon bereits seit 200 Millionen Jahren ausgestorben ist? Irgendetwas Seltsames geht vor in dieser kalifornischen Mittelklasse-Einfamilienhaus-Siedlung, durch die auch die titelgebende Oak Street führt.

Die Antwort auf das Mysterium gibt es in der folgenden, besonders stürmischen Nacht! Als sich die Platts auf die Suche nach der Ursache für den plötzlichen Ausfall von Strom und Wasser begeben, sehen sie sich schon bald mit angriffslustigen Apex-Prädatoren aus der Urzeit konfrontiert. Offenbar wurde ihr ganzes Viertel aus unerklärlichen Gründen hunderte Millionen Jahre in die Vergangenheit versetzt. Und bevor an eine Möglichkeit zur Rückkehr überhaupt zu denken ist, müssen erst einmal die ganz akuten Attacken auf Leib und Leben – von Land, aus der Luft und aus dem Wasser – abgewehrt werden …

Weniger Budget, bessere Dinos

Nach „Der Teufel trägt Prada 2“, „Mother Mary“ und „Die Odyssee“ markiert „The End Of Oak Street“ bereits den vierten Kinostart eines Films mit Anne Hathaway in nur dreieinhalb Monaten – und im Oktober folgt sogar noch „Verity - Dunkle Geheimnisse“. Aber zumindest in diesem Fall hat dies auch damit zu tun, dass der ursprünglich für Mai 2025 geplante „Oak Street“ mehrfach um insgesamt 15 Monate verschoben wurde. Wir wissen auch nicht, ob das verantwortliche Studio Warner Bros. womöglich erst einmal mit „Blood & Sinners“ und „Weapons“ den nötigen Optimismus tanken musste, um einen derartigen Zielgruppen-Hybriden zwischen breiter Mainstream-Thematik und gehobenem Cinephile-Anspruch in die Kinos zu bringen. Oder aber es hatte wirklich nur damit zu tun, dass die Spezialeffekte sehr viel länger als ursprünglich veranschlagt gedauert haben.

Aber wenn die offizielle VFX-Version stimmt, dann hat sich die zusätzliche Wartezeit auf jeden Fall gelohnt! Nachdem die CGI-Dinos in „Jurassic World: Die Wiedergeburt“ dank „Monsters“-Mastermind Gareth Edwards zwar wieder deutlich besser aussahen als der häufig einfach nur braun-graue Pixel-Matsch in „Jurassic World 3: Ein neues Zeitalter“, standen David Robert Mitchell und sein Stamm-Kameramann Mike Gioulakis („Under The Silver Lake“) vor einer besonderen Herausforderung: Denn selbst wenn sie „Oak Street“ auf IMAX-Digitalkameras gedreht haben, ist der analog anmutende Look des Films täuschend echt Achtzigerjahre-Amblin-Produktionen nachempfunden – und da muss man sich eben etwas mehr Mühe geben, damit die computergenerierten Giganten nicht völlig deplatziert wirken. Aber genau das ist hier tatsächlich gelungen (mit Ausnahme einer Urzeit-Riesenschlange, die aber in einer so saufiesen Stille-Szene zum Einsatz kommt, dass man trotz eines gewissen künstlichen Looks viele Sekunden lang den Atem anhält).

In einer der bestinszenierten Szenen des Films sieht man den Dino hinter dem Gartenzaun zwar kaum – man kriegt aber trotzdem sehr wohl mit, was er dort alles veranstaltet! Warner Bros.
In einer der bestinszenierten Szenen des Films sieht man den Dino hinter dem Gartenzaun zwar kaum – man kriegt aber trotzdem sehr wohl mit, was er dort alles veranstaltet!

Wir wollen jetzt nicht zu viele Szenen spoilern, aber Mitchell setzt definitiv auf Abwechslung – bis hin zur Schildkröten-Dino-Entsprechung einer blökend die Straße versperrenden Schafsherde. Genauso hat er aber unter anderem bei Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ gelernt, dass es oft sogar noch beeindruckender sein kann, etwas nicht (ganz) zu zeigen – und so gibt es gerade zu Beginn immer wieder clevere Sequenzen, in denen mit dem Sichtfeld des Publikums gespielt wird. Der Höhepunkt: eine Gartenzaun-Kamerafahrt, bei der man sich anhand der über die Holzplanken hinausragenden Elemente wie eine Wäschespinne auch sehr gut selbst ausmalen kann, was der aufgekratzte Dino auf der anderen Seite wohl gerade so treibt.

Sowieso lässt sich Mitchell trotz der insgesamt knackigen Laufzeit von nur 99 Minuten zu Beginn genug Zeit, erst einmal die Familie und speziell die Spannungen zwischen den Eheleuten einzuführen. So ein gefährliches Abenteuer als Metapher für das Wiederzusammenwachsen einer Familie ist dabei zwar alles andere als neu – aber eine Reminiszenz an „E.T.“, in dem Spielberg damals auch die Trennung seiner eigenen Eltern verarbeitete, wäre ohne (mögliche) Scheidung einfach nicht komplett. Zumal sich all das gerade in „The End Of Oak Street“ im gleichermaßen cleveren wie befriedigenden Finale noch einmal mit einem wuchtigen emotionalen Impact perfekt zusammenfügt.

Fazit: Wie hätte es wohl ausgesehen, wenn Steven Spielberg seinen „Jurassic Park“ nicht 1993, sondern bereits elf Jahre zuvor anstelle von „E.T. – Der Außerirdische“ gedreht hätte? Ganz einfach: Es wäre bestimmt ein so meisterhafter Achtziger-Dino-Film wie „The End Of Oak Street“ dabei herausgekommen!

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