Frühstück bei Audrey
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Frühstück bei Audrey

Puppe mit Persönlichkeit, aber es fehlt der Pep

Von Gaby Sikorski

Der (Männer-)Traum von der schönen Statue, die sich in eine lebendige Frau verwandelt, existiert vermutlich schon länger als es Literatur gibt. Eine der ältesten schriftlichen Überlieferungen stammt von dem römischen Dichter Ovid: Der Bildhauer Pygmalion verliebt sich so sehr in eine seiner Skulpturen, dass die Liebesgöttin Aphrodite sie schließlich sogar für ihn zum Leben erweckt. Das Motiv diente zudem als Vorbild für Bernard Shaws „Pygmalion“ und später als Vorlage für das Musical „My Fair Lady“ – sowie für einige Genre-Kultstoffe von „Mannequin“ bis „L.I.S.A. – der helle Wahnsinn“. Interessanterweise wird das Thema der idealisierten Frauenfigur, die mit dem Leben auch ein Bewusstsein erhält, schon bei Ovid ironisch hinterfragt …

… und genau dieser Hintersinn wurde am auffälligsten sicherlich von Greta Gerwigs Milliarden-Dollar-Megahit „Barbie“ auf die Spitze getrieben. In der FILMSTARTS-Kritik heißt es dazu: „… eine anti-patriarchale, anti-faschistische Satire in Pink …“ In „Frühstück bei Audrey“ geht es nun zwar nicht ganz so antipatriarchal und antifaschistisch zu, aber auch hier wird das Thema von Regisseurin und Drehbuchautorin Sophie Beaulieu zumindest relativ originell und zeitweilig ziemlich witzig variiert: Rémi (Vincent Macaigne) ist ein beinahe schon bemitleidenswerter Kerl mit einem todlangweiligen Job; er arbeitet als Kunstrasenvertreter im Außendienst und leidet noch immer unter den traumatischen Auswirkungen seiner letzten Beziehung. Dank der Sexpuppe Audrey, mit der er auf Anraten seines Psychiaters zusammenlebt, hat er nun zu Hause immerhin eine Ansprechperson, die mit ihm Tisch und Bett teilt – und im Job kann er mit seiner neuen Freundin angeben, dass die Heide wackelt.

Plötzlich ist Audrey (Zoé Marchal) keine Puppe mehr – sondern ein Mensch nicht nur aus Fleisch und Blut, sondern auch mit eigenen Ansprüchen. Neue Visionen
Plötzlich ist Audrey (Zoé Marchal) keine Puppe mehr – sondern ein Mensch nicht nur aus Fleisch und Blut, sondern auch mit eigenen Ansprüchen.

Doch eines Tages erwacht Audrey (Zoé Marchal) ohne erkennbare Ursache zum Leben. Und nicht nur das: Sie stellt praktisch sofort Ansprüche. Rémis erste Reaktion ist heillose Panik. Er versucht, Audrey loszuwerden, fügt sich aber bald in sein Schicksal, auch weil Audrey ihn offenbar liebt. Rémi ist zudem einigermaßen stolz, eine Freundin zu haben, die er tatsächlich vorzeigen kann. Allerdings verhält sich Audrey keinesfalls wie gewünscht. Sie will mitreden, wird immer selbstbewusster und stellt ihre Rolle zunehmend infrage. Schließlich übt sie sogar Kritik an Rémis laxem Umgang mit der Toilettenbürste. Auch ihr von Unwissenheit geprägtes Verhalten ist alles andere als damenhaft: Ungeniert spricht sie von ihrer Periode und läuft schon mal im Spitzenhemdchen durch die Gegend.

Rémi, der anfangs noch ganz beseelt war vom Sex mit der nunmehr lebendigen Audrey, ist zunehmend überfordert und genervt von dieser emanzipierten Frau mit dem Verstand eines besonders schnell lernenden Kindes und dem perfekten Körper einer Erotik-Ikone. Und dann ist da auch noch die neue Kollegin Patricia (Cécile de France), die als Vertretung für einen Kollegen in die Männerrunde der Kunstrasenverkäufer hereingeplatzt ist – und sich als richtig gute Kumpeline erweist. Könnte sie zur Konkurrenz für Audrey werden?

Cécile de France überstrahlt ihre Co-Stars

Cécile de France („High Tension“) spielt Patricia mit viel Spontanität und einer burschikosen, lässigen Ausstrahlung, die ein wenig an die junge Diane Keaton erinnert – nur ohne die omnipräsenten Neurosen. Sie wirkt so frisch wie ein Frühlingstag und scheint den indifferenten, schluffigen Rémi perfekt zu ergänzen. Und – es lässt sich nicht leugnen – sie stiehlt der hübschen Ex-Puppe die Show. Zoé Marchal hat in der relativ undankbaren Rolle der Audrey kaum eine Chance, sich gegen sie zu behaupten. Sie spielt eine hübsche Hülle, die sich immer mehr mit Feminismus füllt. Leider klappt das nicht so ganz, was auch am nicht durchweg schlüssigen Drehbuch liegt. Das Konzept, möglichst wenig zu erklären, geht hier nicht immer auf und macht letztendlich auch Audrey wenig glaubwürdig.

Und noch eine dritte Frau spielt eine Rolle in Rémis Leben: seine Schwester Domi (Adèle Journeaux), die – ohne dass dies groß thematisiert wird – mehr dem eigenen Geschlecht zugeneigt ist. Sie ist Rémis einzige Vertraute, hilft ihm uneigennützig und hat ein paar schöne spitzzüngige One-Liner parat. Bedauerlicherweise erhält auch Domi – ähnlich wie Audrey – wenig Gelegenheit, sich zu profilieren. Von den exemplarisch gedachten, recht originellen drei Frauentypen – feministisches Püppchen, selbstbewusste Lesbe, unkomplizierte Gefährtin –, die das klassische und das moderne weibliche Rollenverhalten gleichzeitig repräsentieren und ironisch hinterfragen, kann lediglich Cécile de France als Patricia den Anspruch voll erfüllen. Sie dominiert die Leinwand nach Belieben.

Erst hat Rémi (Vincent Macaigne) plötzlich eine lebendige Sexpuppe zu Hause – und dann bahnt sich auch noch eine mögliche Beziehung mit der neuen Kollegin Patricia (Cécile de France) an. Neue Visionen
Erst hat Rémi (Vincent Macaigne) plötzlich eine lebendige Sexpuppe zu Hause – und dann bahnt sich auch noch eine mögliche Beziehung mit der neuen Kollegin Patricia (Cécile de France) an.

Vincent Macaigne („Tagebuch einer Pariser Affäre“) als neurotischer Durchschnittsversager ist ein „lovely loser“, der sich aufgrund eines Traumas entschieden hat, lieber mit einer lebensgroßen Puppe im Barbie-Stil statt mit einer Frau zusammenzuleben. „Ich kann nicht mit einer Frau leben“, sagt er zu Audrey. „Ich bin lasch, ich bin alt.“ Doch Audrey sei nun mal programmiert Rémi zu lieben, meint sie, wobei man sich fragt, wie das für eine Puppe möglich sein soll. Oder war es womöglich geplant, dass sie lebendig wird? Diese Frage wird wie auch viele andere nicht beantwortet.

Und auch wenn das Thema Sex nur am Rande auftaucht, ist einigermaßen klar, dass Audrey für Rémi offenbar nicht nur als Mittel gegen Einsamkeit, sondern auch zur Triebabfuhr da ist. Audrey hat als lebendige Frau eine Erinnerung an ihr Puppendasein – daher kennt sie Rémis Vorlieben im Bett. Sie hatte also ein Bewusstsein, bevor sie gelebt hat. Und so gibt es immer mehr Ungereimtheiten, die nur auf den ersten Blick so wirken, als würde das alte Männermotiv der lebendig gewordenen Puppenfrau hier – wie zuletzt ganz meisterhaft in „Obsession“, dem Horror-Überraschungshit des Jahres – kritisch gegen den Strich gebürstet werden.

Fazit: Immerhin gibt es in Sophie Beaulieus Kinodebüt einige skurrile Situationen, die für Unterhaltung sorgen. Und die Konstellation eines tölpeligen Mannes zwischen zwei Frauen, einer feministischen Ex-Puppe und einer sportiven Kumpelfrau, die ihm beide deutlich überlegen sind, hat durchaus eine gewisse Komik und verleiht dem Film trotz allem einen gewissen RomCom-Charme. Aber so richtig wird „Frühstück bei Audrey“ seinem eigenen Konzept dennoch nicht gerecht.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren