Ein Lottogewinn von 294 Millionen Euro und seine bitterbösen Folgen
Von Christoph PetersenObwohl sich die Handlung von „No One Will Know“ innerhalb weniger Frühmorgenstunden fast ausschließlich in einem kleinen Café in der Nähe von Paris abspielt, setzt der Prolog des kammerspielartigen Thriller-Dramas bereits im 18. Jahrhundert ein. Giacomo Casanova (Giovanni Funiati) und Ranieri de’ Calzabigi (Patrice Tepasso) werden in Versailles am Hof von Louis XV (Arnaud de Montlivault) vorstellig, um ihren Plan zur Sanierung der katastrophalen französischen Staatsfinanzen zu präsentieren: Eine vom Kaiserhof veranstaltete Lotterie soll Abhilfe schaffen! Denn ein hungernder Mann mag das Brot dem Geld vorziehen – aber für die Chance, reich zu werden, würde er auch noch seinen letzten Laib hergeben.
Drei Jahrhunderte später ist es der Rentner Monsieur Kantz (Claude Aufaure), der beim ritualisierten frühmorgendlichen Besuch im passenderweise nach dem Sonnenkönig benannten Café von Nico (Xianzeng Pan) feststellt, dass er bei der letzten Ziehung unvorstellbare 294 Millionen Euro gewonnen hat. Allerdings währt das Glück nur kurz: Der Kleinkriminelle Comar (Némo Schiffman) entreißt den anwesenden Polizisten Livio (Pio Marmaï) und Reda (Sofiane Zermani) eine Dienstwaffe – und beim anschließenden Gerangel löst sich ein Schuss, der den frischgebackenen Lottogewinner tödlich erwischt. Aber soll man all das Geld an dessen Erben gehen lassen – oder gibt es nicht vielleicht doch eine Möglichkeit, die Wahnsinnssumme unter all den zufällig anwesenden Café-Gästen aufzuteilen?
Studiocanal
Der Plot von „No One Will Know“ liefert eigentlich die perfekte Vorlage für eine gesprächige Ethik-Vorlesung, in der die Beteiligten ausgiebig das Für und Wider des Lottogewinn-Einsackens erörtern. Aber Pustekuchen! Die Gier hält sich überraschenderweise in Grenzen – schließlich sind knapp 30 Millionen für jeden mehr als genug, und selbst Frau und Tochter des Toten sollen ihren großzügigen Teil abbekommen. Statt eines plumpen Moralstücks entfaltet „Die Magnetischen“-Regisseur Vincent Maël Cardona, der gemeinsam mit Olivier Demangel auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, von Beginn an ein komplexes Geflecht an Perspektiven: Immer wieder springt der Film einige Minuten zurück, um die eigentlich schon bekannten Geschehnisse noch mal aus der Sicht einer anderen Figur zu zeigen.
Dabei geht es meist weniger um klassische Twists, die vermeintliche Sicherheiten einreißen, sondern eher um kleine, ergänzende Nuancen. Aber es gibt auch Momente, die einen – zumindest kurzzeitig – ganz schön ins Trudeln bringen: So ist der weiße Schütze plötzlich ein Schwarzer Mann – und gerade, als man sich fragt, ob wir womöglich mehrere Varianten derselben Ausgangssituation vorgesetzt bekommen, enthüllt sich das abgewandelte Geschehen als potenzielle Alibi-Absprache des Cop-Duos: Wenn der Schütze in ihrer fabrizierten Aussage Schwarz ist, wird sie von den Kollegen leichter akzeptiert werden. An anderer Stelle zieht die Kamera sogar so weit zurück, dass das ganze Café-Setting – vergleichbar der spektakulärsten Szene aus Nuri Bilge Ceylans Meisterwerk „Auf trockenen Gräsern“ – als zusammengezimmertes Filmset in einem Studiogebäude entlarvt wird.
Studiocanal
294 Millionen Euro sind eine Summe, die sich sowieso niemand wirklich vorstellen kann – und so erfahren wir auch gar nicht erst, was die verschiedenen Figuren eigentlich mit all dem Geld anfangen würden. Stattdessen geht es nach den weiteren blutigen Zwischenfällen schon bald fast kaum noch um das Geld, sondern eher darum, noch irgendwie aus der Sache herauszukommen, ohne direkt im Knast zu landen. Das liefert immer wieder schwarzhumorige Spitzen, oft gewürzt mit einem biestigen sozialkritischen Unterton, ist aber in einem reinen Thriller-Sinne nicht besonders elegant komponiert: Weder das Figurenarsenal noch die Drehbuchautoren gehen beim Erdenken möglicher Pläne, wie man doch noch an den Lottogewinn kommen könnte, sonderlich clever vor.
Stattdessen scheint Regisseur Vincent Maël Cardona viel mehr auf einer Meta-Ebene daran gelegen zu sein, die Grenzen zwischen den tatsächlichen Geschehnissen, den erdachten Alternativszenarien und generell der filmischen Realität nach und nach immer weiter aufzulösen. Das ist durchaus faszinierend und sieht dazu auch noch verdammt gut aus. Aber da die Charaktere ab einem gewissen Punkt kaum noch weiterentwickelt werden, wirkt es irgendwann auch ein wenig angestrengt, wenn ein weiterer Zufall, ein weiterer Rückschlag oder eine weitere plötzlich auftauchende Figur dafür sorgt, dass sich das Szenario noch eine Runde weiterdreht.
Fazit: Der Plot um eine Gruppe von Café-Gästen, denen ein Lottoschein im Wert von 294 Millionen Euro in die Hände fällt, klingt zunächst nach einem fiesen Thriller oder einer schwarzen Komödie. Aber obwohl „No One Will Know“ beide Genres durchaus bedient, scheint Vincent Maël Cardona insgesamt einen experimentelleren Ansatz anzustreben, wenn er seine Erzählung nicht nur die Jahrhunderte, sondern auch die filmische Realität an sich durchbrechen lässt.
Wir haben „No One Will Know“ beim Fantasy Filmfest 2025 gesehen.