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    Flucht ins 23. Jahrhundert
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Flucht ins 23. Jahrhundert
    Von Björn Helbig
    Was wäre, wenn jeder Mensch nur 30 Jahre alt werden kann? Dieser Frage spürt der Science-Fiction-Film „Flucht ins 23. Jahrhundert“ nach, der die Geschichte einer Gesellschaft erzählt, die sich ein sorgenfreies Leben teuer erkauft hat. Anstatt sich auf die Sozialkritik der Romanvorlage zu verlassen, setzt Regisseur Michael Anderson voll und ganz auf Action und Spannung – und schickt Michael York und Jenny Agutter auf eine fast zweistündige Verfolgungsjagd.

    In der Zukunft, irgendwo im Nordosten der USA: Die Bewohner einer Stadt unter einer Kuppel führen vordergründig ein angenehmes Leben. Doch es gibt einen Haken. Keiner kann hier älter als 30 Jahre werden. Ein in die Handfläche eingesetzter Kristall überwacht die noch verbleibende Lebenszeit. Wie es außerhalb der Kuppel aussieht, weiß niemand. Der linientreue Sandmann Logan 5 (Michael York) hat die Aufgabe, sogenannte Läufer – Personen, die sich nicht an die Regeln der Stadt halten – zu eliminieren. Erst als er die mutmaßliche Läuferin Jessica 6 (Jenny Agutter) kennen lernt und von dem Zentralcomputer der Stadt die Aufgabe bekommt, ihre Gruppe zu infiltrieren, ändern sich Logans Ansichten. Der Jäger wird selbst zum Gejagten. Gemeinsam mit Jessica, verfolgt von seinem ehemaligen Partner Francis 7 (Richard Jordan), versucht Logan, aus der Kuppel zu entkommen…

    „I am more than machine. More than man. More than a fusion of the two. Don't you agree? Wait for the winds. Then my birds sing. And the deep grottos whisper my name. Box... Box...Box...“ - Logan und Jessica machen Bekanntschaft mit einem übergeschnappten Roboter

    „Flucht ins 23. Jahrhundert“ basiert auf einer Romanvorlage von William F. Nolan und George Clayton Johnson, setzt im Gegensatz zum Buch aber weniger auf Sozialkritik als vielmehr auf pure Unterhaltung. In der Originalgeschichte übernehmen Jugendliche die Macht, als die Ressourcen aufgrund der steigenden Bevölkerungsdichte nicht mehr ausreichen. Nolans und Johnsons Vision der Zukunft deckt sich zwar nicht hundertprozentig mit heutigen Prognosen, war aber in manchen Aspekten recht scharfsinnig und vor allem in sich schlüssig. Regisseur Michael Anderson kommt es augenscheinlich weniger auf Logik oder einen realistischen Zukunftsentwurf an. Anderson und Drehbuchautor David Zelag Goodman (Wer Gewalt sät) konzentrieren sich stattdessen darauf, die Stimmung in der Kuppelstadt und Logans Flucht spannend in Szene zu setzen. Und das war eine Entscheidung, mit der das Publikum mehr als leben kann.

    Der Originaltitel „Logan’s Run“ passt (im Gegensatz zum deutschen Titel) wie die Faust aufs Auge, denn Kernstück des Films ist Logans Flucht. Wo Logan anfangs noch Jagd auf die Läufer macht, werden er und Jessica später selbst zu Gejagten. Es gibt nur wenige Filme, die dieses Thema so gut bearbeiten wie dieser. Das Ambiente in der Kuppelstadt und die Atmosphäre während der Flucht sind eindringlich eingefangen. Logans und Jessicas Trip durch den Liebestunnel mutet zwar etwas Flower-Power-artig an, ist aber zumindest schick. Und auch später, wenn es durch das Innere des Wohnkomplexes geht, werden viele Schauwerte geboten. Die Spezialeffekte können dafür, dass der Film mit neun Millionen gerade einmal zwei Millionen US-Dollar weniger als Krieg der Sterne gekostet hat, zwar selbst für damalige Verhältnisse nicht auf der ganzen Line überzeugend, sind insgesamt aber okay. Gedreht wurden die Innenaufnahmen übrigens in zwei Einkaufszentren in den texanischen Großstädten Fort Worth und Dallas.

    „You're beautiful. Let's have sex.” - Logan 5

    Mit „Flucht ins 23. Jahrhundert“ ist Michael Anderson nicht nur einer der unterhaltsamsten Science-Fiction-Filme der 1970er Jahre gelungen, sondern auch einer der besten Escape-Thriller überhaupt. Der Film ist von Anfang bis Ende extrem spannend, was nicht nur aus der latenten Bedrohung durch den Sandmann Francis resultiert. Der Weg heraus aus der Stadt hält auch noch andere Gefahren für Logan und Jessica bereit. Auch schauspielerisch macht der Film einen guten Einruck. Zwar ist hier niemand auf Oscar-Kurs, doch zumindest Michael York („Die drei Musketiere“, Austin Powers in Goldständer) und Richard Jordan (Jagd auf Roter Oktober, Dune - Der Wüstenplanet) bieten - zunächst als Freunde, später als Kontrahenten - eine gute Performance.

    Das Schöne an Yorks Charakter ist vor allem dessen Undurchschaubarkeit. Es ist lange Zeit nicht klar, ob er nur die Befehle des Zentralcomputers ausführt oder sich wirklich von seinem alten Leben gelöst hat. Überzeugend ist auch Jenny Agutter (Irina Palm, „American Werwolf“). Sie ist eine sehr charismatische Frau, hat aber eine etwas undankbare Rolle abbekommen. Von der Tiefgründigkeit ihres Charakters geht im Laufe der Flucht leider viel verloren. Irgendwann ist sie nur noch die weibliche Begleitung des Helden. Im Großen und Ganzen erlaubt sich „Flucht ins 23. Jahrhundert“ nur zwei kleine Fehltritte. Erstens fällt der Roboter „Box“ designtechnisch völlig aus dem Rahmen, zweitens ist das Ende etwas langatmig. Auch nach dem Verlassen der Stadt hat der Film noch einiges zu bieten, etwa einen tollen Peter Ustinov (Spartacus) und einen klasse Showdown. Doch nachdem Logan und Jessica an die Oberfläche kommen, verliert der Film merklich an Fahrt. Das sind allerdings nur kleine Wermutstropfen in einem ansonsten erstklassigen Film.

    Mit der TV-Serie „Logan's Run“, die von 1977 bis 1978 im US-Fernsehen zu sehen war, wurde versucht, an den Erfolg von „Flucht ins 23. Jahrhundert“ anzuknüpfen. Gregory Harrison spielte 13 Folgen lang Logan, bis die Serie wegen schwacher Einschaltquoten abgesetzt wurde. Trotz erstaunlicher Qualität war auch das Quasi-Remake Die Insel von Michael Bay aus dem Jahre 2005, das eine in Grundzügen sehr ähnliche Geschichte erzählt, gemessen am Mega-Budget nicht sonderlich erfolgreich. Man darf sehr gespannt sein, was die echte Neuauflage Logan's Run von Regiedebütant Joseph Kosinski, die 2010 in die Kinos kommen soll, dem Original und dem Bay-Actionkracher entgegensetzen wird.
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