Fies, eklig und irgendwie auch romantisch
Von Oliver KubeDank „The Substance“ ist Bodyhorror nicht länger ein Nischenthema für die Schmuddelecke, sogar fünf Oscarnominierungen – u. a. als Bester Film und für Demi Moore als Beste Hauptdarstellerin – sind für den Film von „Revenge“-Regisseurin Coralie Fargeat am Ende herausgesprungen. Jetzt gibt es mit „Together – Unzertrennlich“ endlich würdigen Nachschub – ein besonders schnulziger Spice-Girls-Song inklusive.
War „The Substance“ noch eine Satire auf den – nicht nur – in Hollywood grassierenden Jugendwahn, hat sich der australische Langfilm-Regiedebütant Michael Shanks nun das Genre der romantischen Komödie vorgeknöpft, um es gemeinsam mit seinen zugleich auch als Produzent*innen beteiligten Stars Dave Franco („Die Unfassbaren“) und Alison Brie („Promising Young Woman“) durch den Bodyhorror-Fleischwolf zu drehen.
LEONINE
Tim (Dave Franco) und Millie (Alison Brie) sind schon so lange zusammen, dass sich mittlerweile einige Abnutzungserscheinungen in ihre Beziehung eingeschlichen haben. Auch deshalb beschließen sie, aus der Großstadt Melbourne in ein verschlafenes Örtchen am Rande des Outbacks zu ziehen. Millie hat von der dortigen Schule nämlich ein gutbezahltes Jobangebot als Lehrerin erhalten – was nicht unwichtig ist, denn die Hoffnung, dass Tims Musikerkarriere irgendwann abheben könnte, schwindet zunehmend.
Bei einem ersten Erkundungsspaziergang durch die ländliche Umgebung ihrer neuen Heimat stürzt das Paar in ein tiefes Senkloch, das einst offenbar auch schon eine Art Tempel oder Kirche verschluckt haben muss. Da sie kein Wasser haben, trinkt Tim in der Höhle aus einer großen Pfütze, bevor sie sich dort unten behelfsmäßig für die Nacht einrichten. Als sich Tim und Millie am nächsten Morgen schließlich befreien und nach Hause gehen können, hat sich einiges bei den beiden verändert – zwischenmenschlich, aber auch ganz buchstäblich körperlich…
Es ist unmöglich, mehr über den Film zu schreiben, ohne dass wir bestimmte Aspekte der Handlung zumindest andeuten. Sollten euch das Genre, die Besetzung, unsere einleitenden Worte sowie die kurze Inhaltsangabe bereits zusagen, dann geht am besten einfach ins Kino und lest erst danach weiter. Und genauso wichtig: Spart euch möglichst auch den ebenfalls schon einiges zu viel verratenden Trailer für hinterher auf!
Ihr lest immer noch? Okay, dann weiter auf eure eigene Gefahr:
Vielleicht habt ihr ihn schon mal in einem Film oder auch im realen Leben gehört: den (romantischen) Wunsch einer Person, aus Liebe mit jemand anderem verschmelzen zu wollen. Wer „Together - Unzertrennlich“ gesehen hat, wird in ähnlichen Fällen in Zukunft kaum noch darum herumkommen, an den Film zurückzudenken – denn einige der Gänsehaut-erzeugenden Bilder wird man so schnell sicher nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Regisseur Michael Shanks und seinem Kameramann Germain McMicking („True Detective“) ist es mithilfe eines detaillierten Sounddesigns plus einer Kombination aus praktischen und digitalen Effekten gelungen, für ein Indie-Projekt erstaunlich überzeugende, bisweilen schon beim Zusehen schmerzende Aufnahmen von knackenden Knochen und zum Zerreißen gedehnter Haut zu kreieren.
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Die Atmosphäre – sowohl im neuen Haus des Paares als auch in der Höhle – wirkt eigentlich angenehm warm, aber im selben Moment immer auch unterschwellig bedrohlich, fast so, als würde etwas brodeln. Wer unvorbereitet in den Film geht, wird hingegen noch eine ganze Weile lang glauben, dass es sich bei „Together - Unzertrennlich“ um ein Beziehungsdrama zwischen einer patenten, erfolgreichen Frau und ihrem nichts auf die Reihe bekommenden Partner handelt. Schon bei der Abschiedsparty in Melbourne sind die Risse im Verhältnis zwischen Tim und Millie klar zu erkennen: Weil sie spürt, dass ihr Liebster sich immer mehr von ihr distanziert, macht die verzweifelte Millie ihm vor versammelter Mannschaft einen Heiratsantrag.
Sein viel zu langes Zögern, bevor er schließlich einwilligt, sagt aber eigentlich schon alles. Tim wäre lieber wieder allein, kann sich diesen Schritt aber nicht leisten, ohne seine – das weiß jeder, auch er selbst! – ohnehin aussichtslosen Träume von einem Dasein als Rockstar endgültig aufzugeben. Als die zwei nach dem Absturz in die Höhle in ihr neues Heim zurückkehren, haben sich Tims Einstellung und Verhalten drastisch verändert. War er zuvor noch frustriert von seiner Rolle in der Beziehung, wird sein Bedürfnis, mit Millie zusammen zu sein, über Nacht im wahrsten Sinne des Wortes allumfassend.
Als Zusehende sind wir den beiden ab diesem Punkt immer ein Stück voraus und ahnen bis zu einem gewissen Grad bereits, worauf die Story womöglich hinauslaufen wird. Was auch daran liegt, dass zu Beginn des Films bereits zwei Hunde in dasselbe Loch fallen – und wir sehen, was mit ihnen anschließend geschieht. Dennoch (oder gerade deshalb) macht das Ganze weiterhin mächtig Laune. Es ist einfach verdammt unterhaltsam zuzusehen, wann und wie die Hauptfiguren merken, was mit ihnen geschieht – und wie sie damit umgehen, welchen Effekt das alles auf ihre Beziehung hat.
Es hat schon etwas Tragikomisches, bei dem uns der von Dave Franco auch in diesem abgefahrenen Szenario noch sehr glaubhaft gespielte Tim durchaus leidtun darf. Speziell ein kurzes sexuelles Intermezzo auf einer Schultoilette sowie eine vom Vormieter praktischerweise zurückgelassene motorbetriebene Säbelsäge im Haus sind diesbezüglich unvergesslich. Das Meta-Element, dass Franco und Brie auch im realen Leben ein Paar sind, macht die Handlung noch auf einer zusätzlichen Ebene interessant – ein Umstand, mit dem Shanks hier ganz bewusst spielt.
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Zudem lässt der Filmemacher uns lange über einige Zusammenhänge und besonders eine dritte Figur im Dunkeln: den von Damon Herriman („Better Man“) wunderbar vielschichtig verkörperten Jamie. Der Lehrerkollege von Millie wohnt im Haus nebenan – und man kann sich bis zur klug eingeleiteten Auflösung niemals sicher sein, was dieser eigentlich vorhat und was seine Funktion innerhalb der Story sein könnte. Ist Jamie wirklich nur ein hilfsbereiter Nachbar? Versucht er sich vielleicht, an Millie heranzumachen? Oder führt er sogar Düsteres im Schilde?
Eine komplett schlüssige und erschöpfende Erklärung zu dem übernatürlichen Phänomen im Zentrum des Films wird bis zum Ende (natürlich) nicht geliefert. Das mag im ersten Moment frustrierend klingen, ist aber völlig okay und vielleicht sogar besser so. Denn „Together - Unzertrennlich“ fühlt sich dank seiner exzellent umgesetzten und servierten Schlusspointe auch so angenehm abgeschlossen an. Die nähere Aufklärung darüber, was in dem Loch in der Wildnis wirklich los ist und wie es dazu kommen konnte, darf Michael Shanks dann gern in einem Sequel (oder Prequel?) nachreichen. Oder er lässt es einfach weiterhin bleiben.
Fazit: Am Ende muss jeder für sich entscheiden, ob „Together – Unzertrennlich“ eher ein Argument für oder gegen Paarbeziehungen ist. Was hingegen außer Frage steht: Der Film bietet astreinen Bodyhorror, der zwar schon beim Zuschauen wehtut, aber trotzdem enormen Spaß bereitet.