Aufräumen in den dunkelsten Ecken des Internets
Von Susanne GietlDie Liste der Serien, bei denen die in Leverkusen geborene Uta Briesewitz Regie geführt hat, ist lang und auch wahnsinnig hochkarätig: Mit „Das Rad der Zeit“, „Black Mirror“, „Stranger Things“, „Westworld“ oder jüngst zwei Folgen von „Severance“ hat sie sich längst als A-List-Regisseurin für Serien in Hollywood etabliert. In ihrem Spielfilmdebüt „American Sweatshop“ wirft Briesewitz nun einen Blick auf das Leben einer jungen Content-Moderatorin in Florida, versäumt es dabei aber, psychologisch richtig in die Tiefe zu gehen. Leider wirkt der Plot nicht immer realistisch. Stark ist „American Sweatshop“ hingegen dann, wenn er sich gegen Voyeurismus einsetzt und die verstörenden Bilder eben nicht zeigt. Auch das Problem, dass selbst Kinder leicht verstörenden Inhalten begegnen, wird gestreift.
Im Zentrum steht Daisy (Lili Reinhart), die tagein, tagaus entscheiden muss, welche Videos im Netz gelöscht werden und welche weiterhin bestehen dürfen. Eines Tages entdeckt Daisy einen Clip, der sie nicht mehr loslässt. Immer wieder blitzen albtraumhafte Bruchstücke des Films vor Daisys innerem Auge auf. Als sie von ihrer Chefin (Christiane Paul) gebeten wird, den Clip nicht zu löschen, verfolgt sie die Spur des Videos, um trotzdem so etwas wie Gerechtigkeit zu erlangen, selbst wenn sie sich dabei in Gefahr begibt...
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Ihre Wut und Verzweiflung kann man zwar sehr gut nachvollziehen, nur werden Daisys Ermittlungen zunehmend unplausibler. Sie spürt den Macher des Videos auf und fährt erstmal hin, betritt sogar die Räume der Filmproduktion. Ihre Handlungen haben aber wenig Konsequenzen, wodurch „American Sweatshop” weiter an Glaubwürdigkeit verliert. Daisys Umfeld beschreibt Drehbuchautor Matthew Nemeth hingegen authentisch: Die 25-Jährige arbeitet in einem schmucklosen Großraumbüro und feiert mit ihrem Team, nach getaner Arbeit kümmert sie sich um die Nachbarstochter. Wieder im Büro, klickt sie sich lustlos durch die Meldungen und raucht in der Mittagspause gerne mal einen Joint. Eigentlich wollte sie Krankenschwester werden, hat aber die Prüfung nicht geschafft. Ihre Tinder-Dates verlaufen oberflächlich.
Natürlich fragt man sich, warum Daisy weiterhin diesen Drecksjob macht, wenn sie doch einen Traum hat, den sie stattdessen verfolgen könnte. Aber dann befindet man sich schon wieder mit ihr im Büro und klickt weiter und vergisst ihn fast. Die Entscheidungen passieren schnell und werden pragmatisch getroffen. Wird ein Tier getötet, ist es Tierquälerei; wird es gekocht, dann ist es eine Kochshow. Fötus im Mixer? Natürlich gelöscht! Schlägt der Kopf eines Selbstmörders auf dem Asphalt auf, dann wird das Video eigentlich entfernt, es sei denn, er hält vor dem Sprung noch eine Rede – dann ist der Sachverhalt aufgrund der Meinungsfreiheit schon bedeutend komplizierter.
Leider werden gerade solche spannenden Diskussionsansätze in „American Sweatshop“ mit vorgefertigten Sätzen der Chefin abgewürgt: „Wir sind keine Zensoren, wir sind Moderatoren.“ Das genügt, um das Thema abzubügeln. Trotzdem lernt man den schmalen Grat zwischen Löschen und Genehmigen kennen, auf dem sich das Team ständig befindet – und auch, wie einige mit dem Horror, der ihnen in den Videos begegnet, umzugehen versuchen, inklusive Treffen mit dem firmeneigenen Psychologen. Briesewitz inszeniert das Klicken durch die zahlreichen Videos wie einen verstörenden Wachtraum, unterlegt die Szenen mit Lorns beklemmendem Track „Acid Rain“.
Lorn alias Marcus Ortega singt darin von bösen Träumen in einer kühlen Welt voller grausamer Dinge. Sein Appell: Halte durch! Das könnte auch gut als Unternehmensmotto der Cleaning-Firma herhalten. Briesewitz ließ sich für „American Sweatshop“ von dem Dokumentarfilm „The Cleaners“ (2018) inspirieren, in dem Hans Block und Moritz Rieseweck fünf reale Content-Moderator*innen bei ihrer Arbeit begleiten. In der fiktiven Version zeigt die Kamera von Jörg Widmer die anstößigen Videos bewusst nur in Ausschnitten. Oft liest man nur die Überschriften der Videos oder hört verstörenden Sound. Die entscheidende Szene ist die, als Daisy dem Horrorvideo begegnet. Statt des Clips selbst sieht man nur, wie sich Ausschnitte des Videos auf Daisys Netzhaut spiegeln – und so begegnet man vor allem seinen eigenen Horrorvorstellungen, was es in den dunkelsten Ecken des Internets wohl zu sehen gibt.
Fazit: „American Sweatshop“ schwankt unentschlossen zwischen (nicht immer glaubhaftem) Psychothriller und (emotional unterwältigender) Psychostudie. So schüttelt man vor allem immer wieder den Kopf, wie „böse“ das Internet doch sein kann – aber das weiß man eigentlich auch schon vorher.
Wir haben „American Sweatshop“ auf dem Filmfest München 2025 gesehen, wo er seine Weltpremiere gefeiert hat.