Ein Muss nicht nur für Kinder!
Von Thorsten HanischDie besten Momente in „Hola Frida!“ von André Kadi und Karine Vézine sind jene, in denen die junge Frida Kahlo im Jenseits auf La Catrina trifft. Dabei wird sie von der in der mexikanischen Kultur populären weiblichen Verkörperung des Todes ein ums andere Mal verschont. Diese surrealen Szenen geraten für einen primär für Kinder konzipierten Film überraschend ernst und düster und stehen in einem starken Kontrast zum ansonsten in strahlende Farben getunkten, sanft dahinschwebenden Geschehen. Sie machen aber eben auch die Tragik sowie die unglaubliche Resilienz der mexikanischen Jahrhundertkünstlerin greifbarer als ein Realfilm-Biopic wie „Frida“ (2002).
So erreicht der Familienfilm eine emotionale Fallhöhe, die selbst Erwachsene den Atem stocken lässt. Dabei erzählt „Hola Frida!“ nur von einem kleinen Teil ihres wackeren Lebens. Der Animationsfilm entzieht sich der für Biopics typischen, oft drögen Abklapperei von möglichst akkurat dargestellten Lebensstationen nicht nur, indem er immer wieder in andere Realitätsebenen wie eben das Jenseits wechselt, er endet auch, bevor die eigentliche Karriere der Malerin losgeht. Der Mensch Frida Kahlo steht im Mittelpunkt – und dieser wächst einem in den 75 dicht erzählten Minuten Nettolaufzeit aber mal sowas von ans Herz.
Eksystent Distribution
Frida wächst mit ihrer kleinen Schwester Cristina als Tochter eines progressiven Vaters und einer sehr viel konservativeren, aber dennoch liebevollen Mutter in Mexiko-Stadt auf. Bereits im Kindesalter verfolgt sie gewaltige Ambitionen: Sie will Ärztin werden! Im Mexiko vor der großen Revolution ein utopisch anmutender Plan, denn Frauen sind in den altbackenen Strukturen für Berufe dieser Art nicht vorgesehen. Dementsprechend nimmt auch nur Vater Guillermo ihre Träume ernst. Doch dann kommt ohnehin alles ganz anders:
Beim Spielen mit dem Familienhund oder beim Klettern auf Bäumen hat Frida plötzlich merkwürdige Schmerzen in ihrem Bein. Als diese immer stärker werden, wird sie bettlägerig, eine belastende Zeit für ein Mädchen mit ausgeprägtem Bewegungs- und Freiheitsdrang. Guillermo ist Fotograf und bringt seine Tochter in dieser schweren Phase mit Kunst in Berührung. Beim Kolorieren der Bilder ihres Vaters entwickelt Frida eine Faszination für das Malen. Wieder zurück in der Schule wird das Leben nicht gerade leichter. Die Schüler hänseln sie wegen ihres kranken Beins, doch Frida lässt sich nicht kleinkriegen, sondern geht unbeirrt ihren Weg …
Indem vom Menschen und nicht vom Mythos erzählt wird, sind Szenen möglich, die es sonst wohl eher nicht in ein Malerinnen-Biopic geschafft hätten. Man erlebt die junge Frida in ihrem vielleicht zunächst banal anmutenden, aber doch mit viel kindlicher Fantasie angereicherten Alltag: Beim Spielen mit der Schwester oder beim Einkaufen auf dem Markt, ein Mädchen wie viele andere, wenn auch sicher eine Ecke temperamentvoller. Ein Kind, dem es allmählich schlechter geht und das bereits in diesen jungen Jahren mit der Fragilität des Lebens konfrontiert wird.
Die Kunst spielt lange keine Rolle – es geht um Frida, um das sich schnell herausbildende Nebeneinander von Freude und Leid, von Leben und Tod, das fortan eine Konstante in ihrem Leben sein wird. Aber eben auch ein Schicksalsschlag, aus dem Frida Stärke und einen unstillbaren Drang nach Leben sowie nach einer eigenen, freien Existenz schöpft. Spätere Eckpunkte von Kahlos Biografie wie ihre offen gelebte Bisexualität sind hier – erwartbar – kein Thema.
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Aber kleine Szenen wie die, in der sie fragt, wieso Mädchen eigentlich keine Hosen tragen können, wo sie doch viel praktischer und bequemer als Röcke sind, lassen ahnen, dass man es mit einer Persönlichkeit zu tun hat, die sich im späteren Leben nicht groß um Konventionen scheren wird. Der Rest muss da auch gar nicht mehr zwingend erzählt werden. Unterstützt wird die großartige Geschichte durch eine schlichtweg wunderschöne visuelle Umsetzung mit satten, strahlenden Farben, effektiv stilisierten Hintergründen und markanten, enorm ausdrucksstarken, ein wenig an Mangafiguren erinnernden Gesichtern.
Fazit: Ein mitreißender Animationsfilm über die Kindheitsjahre der mexikanischen Jahrhundertkünstlerin Frida Kahlo, der geschickt kindliche Lebenswahrnehmung mit existenziellen Themen koppelt und dabei den Menschen hinter dem Mythos in gerade mal 75 Minuten ungeheuer greifbar macht.