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    Unterwegs nach Cold Mountain
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Unterwegs nach Cold Mountain
    Von Jürgen Armbruster
    Regisseur Anthony Minghella polarisiert wie kaum ein Zweiter. Für die einen ist er einer der begnadetsten Geschichtenerzähler seiner Zunft, für die anderen sind seine Filme schlicht und einfach zu langatmig. Betrachtet man Minghellas Vorzeigewerke „Der englische Patient“ und „Der talentierte Mr. Ripley“ stellt man in der Tat fest, dass beide Meinungen bis zu einem gewissen Grad durchaus zu vertreten sind... und „Unterwegs nach Cold Mountain“ wird in keinem der beiden Lager zu einem Meinungsumschwung führen.

    In „Unterwegs nach Cold Mountain“ dreht sich alles um die tragische Liebesgeschichte zwischen Ada Monroe (Nicole Kidman) und Inman (Jude Law). Inman ist ein einfacher Arbeiter in der entlegenen Region um den namensgebenden Cold Mountain in North Carolina, Ada die äußerst gebildete und wohlerzogene Tochter des neuen Referent (Donald Sutherland). So verschieden sich Ada und Inman auch sind, so ist doch von ihrer ersten Begegnung an klar, dass beide eine tiefe Zuneigung verbindet. Doch noch bevor sich aus dieser Zuneigung mehr entwickelt, bricht der Bürgerkrieg aus und Inman wird an die Front berufen. Näher als zu einem kurzen, flüchtigen Kuss bei der Verabschiedung kommen sich Inman und Ada bis dato nicht.

    An der Front verfliegt Inmans anfänglicher Enthusiasmus für die gerechte Sache recht schnell. Nach und nach muss er mit anschauen, wie all seine Freunde ihr Leben lassen müssen. Als er nach drei Jahren an der Front selbst schwer verletzt im Lazarett liegt, fasst er den Entschluss, zu Ada zurück zu kehren. Doch der Weg nach Cold Mountain ist lang, beschwerlich und mit allerlei Hürden gepflastert. Während seiner persönlichen Odyssee muss sich der hungernde Inman nicht nur gegen Plünderer und Sklavenhändler zur Wehr setzten, sondern auch gegen die eigenen Truppen, die den Deserteur unerbittlich jagen.

    Doch auch Ada ergeht es in der Zwischenzeit kaum besser. Kurz nach Inmans Einberufung verstirbt ihr Vater. Da sich alle Feldarbeiter und Handwerker an der Front befinden, muss sie sich fortan selbst um alle auf der Farm anfallenden Arbeiten kümmern. Doch damit ist sie vollkommen überfordert. Dies erkennt auch die auf dem Nachbarhof lebende Sally Swanger (Kathy Baker) und organisiert für Ada mit der äußerst rustikalen Ruby Thewes (Renée Zellweger) die bitter benötigte Hilfe. Die beiden Frauen stehen sich zunächst skeptisch gegenüber, doch nach und nach entwickelt sich zwischen beiden eine innige Freundschaft, die ihnen hilft, mit den schweren Bedingungen zu Recht zu kommen.

    Wie eingangs erwähnt, handelt es sich bei „Unterwegs nach Cold Mountain“ um einen typischen Minghella. Dies heißt konkret, dass man sich im Vorfeld auf eine fast schon ausufernde Erzählweise einstellen muss. Er wechselt zwischen den Handlungssträngen hin und her, zeigt in Rückblenden die Vorgeschichte und nimmt sich für alles die Zeit, die er benötigt. Doch hin und wieder ist das einfach zu lang. Minghella beging bei der Adaption von Charles Fraziers gleichnamigem Roman den folgenschweren Fehler, sich zu nahe an der Vorlage zu orientieren und zu viele Subplots in sein Werk mit einzubauen. Dies hat zur Folge, dass der Zuschauer über kurz oder lang insbesondere an Inmans Reise das Interesse verliert. Es wirkt in der kompakten Leinwandform einfach unglaubwürdig und fast schon entnervend, dass Inman zum wiederholten Male als einziger einer scheinbar aussichtslosen Situation entgeht und seinen Häschern erneut entwischt. Hier wäre weniger mehr gewesen.

    Da sich drei Darsteller aus „Unterwegs nach Cold Mountain“ über eine Oscar-Nominierung freuen durften, kommt man nicht daran vorbei, deren Leistungen einer genauen Prüfung zu unterziehen. Relativ einfach fällt der Vergleich bei den beiden großen Damen des Films, da Nicole Kidman und Reneé Zellweger handlungsbedingt viele gemeinsame Szenen haben. Eindeutige Punktsiegerin dieses Duells ist Zellweger. In nahezu allen gemeinsamen Szenen stielt sie Kidman gnadenlos die Show. Die arbeitswütige Farmerin nimmt man ihr - auch dank ihres herrlichen Südstaaten-Slangs in der Originalfassung - zu jeder Zeit ab. Wesentlich schwieriger fällt die genaue Beurteilung bei Kidman. Ihr muss man zu Gute halten, dass sich ihr Charakter lange Zeit von Zellwegers durch die Landschaft scheuchen lassen muss, doch sie wirkt zu sehr aus dem Ei gepellt, um der Ada die nötige Glaubwürdigkeit zu verleihen. Von der Australierin ist man anderes gewohnt. Wenn schon einen Award für ihre Leistungen im Kalenderjahr 2003, dann doch bitte für ihre gewagte Rolle in „Der menschliche Makel“.

    Schwierig einzuordnen ist die Performance von Jude Law. Über weite Strecken wird ihm nichts anderes abverlangt, als sich hinter seinem dichten Vollbart zu verstecken und mit einem emotionslosen, nichts sagenden Gesichtsausdruck in die Kamera zu blicken. Doch dann sind sie wieder da, diese Szenen wie am Totenbett seines Kameraden oder vor dem letzten großen Duell, in denen das ganze Potential des Engländers zum Vorschein kommt. Trotzdem hätten insbesondere Sean Penn oder auch Bill Murray den kleinen goldenen Mann in diesem Jahr mehr verdient. Neben dem großen Dreigestirn wissen aus der Besetzungsliste vor allem Philip Seymour Hoffman und Natalie Portman mit ihren kleinen, aber feinen Auftritten zu überzeugen.

    Ein großer Pluspunkt von „Unterwegs nach Cold Mountain“ sind die grandiosen Schauwerte und die handwerkliche Perfektion. Das 83 Millionen Dollar dicke Budget merkt man dem Film in jeder Einstellung an. Die makellosen Kulissen, Kostüme und Spezialeffekte sowie die wunderbaren Landschafsaufnahmen – eingefangen von Kameramann John Seale – sind mehr als nur sehenswert und entschädigen für vieles... aber auch nicht alles. Die 155 Minuten von „Unterwegs nach Cold Mountain“ sind wie ein gutes Käsefondue. Zu Beginn lecker, macht Lust auf mehr, doch zum Ende hin auch viel zu zäh. Doch was soll’s? Alle, denen Minghellas bisherige Filme gefallen haben, werden auch hier glücklich und Freunde gemächlicher Dramen können durchaus einen Blick riskieren. Den Überfilm sollte allerdings keiner erwarten.
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