Dirty Movie - Porno für Anfänger!
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Dirty Movie - Porno für Anfänger!
Von Andreas R. Becker

Eine Methode, Filme zu machen, ist, nach Rezept vorzugehen. Und wer gerade kein eigenes hat, schlägt einfach das große Kochbuch der Filmgeschichte aus und sucht sich aus den diversen Gerichten seine Lieblingszutaten, -gewürze und –zubereitungsweisen heraus und schustert daraus etwas Neues. Manchmal klappt es dabei sogar, mit ein oder zwei wirklich originellen Kniffen etwas zu schaffen, das ganz unverhofft den Gaumen kitzelt wie nichts zuvor. Öfter ist es aber der Fall, dass man beim Genuss des „Neuen“ irgendwie merkt wie hier und dort eine Anleihe gemacht und neu kombiniert wurde. Es schmeckt, stellenweise sogar richtig gut, hier und da kommt einem etwas bekannt vor... aber alles in allem wird die Sache doch nicht rund. Im Falle von Michael Traegers Regiedebüt „Dirty Movie“ kam viel Schmackhaftes zusammen: Jeff Bridges mimt als Hauptzutat nochmal den Dude (The Big Lebowski) unter falschem Namen. Angereichert wird das Bouquet von bekanntem Gemüse aus der zweiten Reihe, wie dem laschen Bad Boys-Captain Joe Pantoliano oder Gilmore Girl Lauren Graham als einer Prise Zucker. Ein bisschen Kalender Girls und ein Schuss Irina Palm, fertig ist die „Auch auf dem Land sind die Leute versaut“-Komödie. Nur, dass es hier nicht um Kalender oder Handarbeit geht, sondern darum, mithilfe eines Pornodrehs die Kollektivdepression eines ganzen Kaffs aus den Angeln zu heben. Diese Idee hätte als Variation sogar tragen können für einen richtig anständigen Unterhaltungsfilm. Letztlich fehlen dem amerikanisch-weichgespülten und gar nicht schmutzigen Independentstreifen aber das nötige Tempo und die politisch unkorrekte Entschlossenheit, wie sie eine britische „Irina Palm“ vorweisen kann, um auf demselben Level mitzuspielen.

Andy Sargentees (Jeff Bridges) erster Auftritt lässt sogleich vermuten, dass die idealtypische US-amerikanische Erfolgskurve seiner Karriere nicht nur einen Knick in die falsche Richtung erlitten hat. Beim Geburtstagsbesuch seines Sohnes, der jetzt mit der Ex und ihrem Neuen in ungleich luxuriöseren Vorstadt-Verhältnissen lebt (eigener Basketballcourt im Kinderzimmer), wird dem Vater sein bisheriges Versagen überdeutlich unter die Nase gerieben. Frustriert zieht er sich in seine Stammkneipe zurück, Dreh- und Angelpunkt des dörflichen Lebens. Dort lernen wir den Rest der „Gang“ kennen, bestehend aus Barney, dem Normalo ohne Glück bei Frauen (Tim Blake Nelson, „O Brother, Where Art Thou?“), Some Idiot (Joe Pantoliano, Memento), dessen Name Programm ist, dem lässigen Otis (William Fitchner, Heat) und Moose (Ted Danson, Der Soldat James Ryan), dem verkappten Schwulen, der mit Machoallüren jeglichen Homoverdacht etwas zu deutlich auszuräumen versucht.

Alle haben gemeinsam, dass ihr Leben eher stagniert. Bis Andy mit der Idee um die Ecke kommt, einen Porno im Dorf zu drehen, um für frischen Wind zu sorgen. Nicht lange gefackelt, sondern in die Hände gespuckt, wird eine Finanzierung auf die Beine gestellt und Man-, vor allem aber Woman-Power gesucht. Dabei stolpern die engagierten Amateure über einen Haufen Probleme, wo keine in Sicht waren und kommen auf der anderen Seite bei den gelangweilten Frauen im Dorf mit dem Casting schneller voran, als sie es sich erhofft hatten. „Der Weg ist das Ziel“ heißt aber auch hier letztlich die Botschaft, erweist sich doch das filmische Endprodukt der Dörfler als gar nicht so relevant wie seine diversen, zwischenmenschlichen Katalysator-Funktionen...

Neben den bereits erwähnten hat „Dirty Movie“ noch einige andere Bausteine in petto, die andernorts schon als Garanten für Lacher und Spannung im Plot dienten. Amateure, die mit Halbwissen Profiarbeit verrichten, waren schon immer komisch, vor allem die mehr oder weniger vorhersehbaren Stolpersteine, die ihnen auf ihrer Odyssee begegnen. So muss zum Beispiel der Dreh der Drei-Schwarze-und-ein-zierliches-weißes-Mädchen-Szene ausfallen, weil die männlichen Darsteller es dort an Größe vermissen lassen, wo es das Rassenklischee verlangt... Anstatt aber den Zuschauern einfach dieses um die Ohren zu hauen und es dabei zu belassen, wird versucht, die Sache anschließend politisch korrekt in Dialogen zu verhandeln. Das entbehrt zwar nicht einer gewissen Komik, wird letztlich aber stellenweise zu ernst, um in den Tenor des Films zu passen. Nett parodiert – wie so oft – wird die magische Anziehungskraft des Filmbusiness und der damit verbundenen „Titel“, wenn Normalos plötzlich zu Autorenfilmern, PR-Chefs und „Cinematographers“ werden.

Alles in allem fehlt „Dirty Movie“ aber das nötige Tempo für eine Komödie dieser Art. Vor allem die erste Hälfte erweist sich als zu dialoglastig und wird ertränkt in Voice Overs von Jeff Bridges. Der spielt dabei einfach eine leichte Variation seiner legendären Dude-Rolle („The Big Lebowski“) herunter, die aber nicht an die Absurdität des Coen-Brüder-Originals heranreicht und nur wie eine schale Kopie daherkommt. Die Riege der nicht ganz unbekannten Nebendarsteller hilft der Sache – mit Ausnahme des witzigen Otis und seiner Who-gives-a-shit-Attitude – da leider auch nicht wirklich weiter. Kurz und gut: Irgendwie war alles, was „Dirty Movie“ probiert, schon einmal und da, und in der Regel auch origineller und witziger, wie die eingangs zitierten Filmbeispiele belegen. Das mag auch der Grund dafür sein, warum zwischen dem Produktionsjahr 2005 und den verschiedenen DVD-Releases ein bis zwei Jahre vergangen sind – einen flächendeckenden Kinostart hat der Film fast nirgendwo geschafft. Einen Film über Sex ohne Sex, dafür aber mit Friede-Freude-Eierkuchen-Erfolgsideologie zu machen, ist einfach die etwas zu US-politisch-korrekte Fassung von etwas, das es anderswo auch kompromissloser gibt. Da hilft auch der Schmalspur-Dude nicht mehr.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren