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    Melinda und Melinda
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Melinda und Melinda
    Von Carsten Baumgardt

    Dieser Mann arbeitet wie ein Uhrwerk. Auch noch im Alter von 69 Jahren. Seit Allen Konigsberg, besser bekannt als Woody Allen, 1966 mit „What’s Up, Tiger Lily“ sein Regiedebüt gab, hat der New Yorker im Durchschnitt rund einen Film pro Jahr herausgebracht. Nachdem es kommerziell mit seinen letzten beiden Werken „Anything Else“ und „Hollywood Ending“ in den USA bergab ging, hat Allen mit der witzig-intelligenten Tragikomödie „Melinda And Melinda“ wieder einen aussichtsreichen Kandidaten für die Arthousekinos sowie die treue Fangemeinde im Rennen.

    „Comedy is tragedy that happens to other people.” (Angela Carter, britische Feministin). „We participate in tragedy. At comedy we only look.” (Aldous Huxley). „Comedy is tragedy plus time.” (Steve Allen, US-Talk-Show-Pionier): Zwei befreundete Paare diskutieren in einem Restaurant in Manhattan über das Leben und die jeweilige Einstellung des anderen dazu. Der eine sieht in allem die komischen, der andere die tragischen Elemente. Um ihre Ansichten und deren Auswirkungen auf das Leben zu verdeutlichen, spinnen sie eine Geschichte... um Melinda (Radha Mitchell). In der tragischen Variante sprengt die hypernervöse blonde Schönheit völlig verwirrt eine Dinnerparty ihrer Upper-East-Side-Jugendfreundin Laurel (Chloe Sevigny), die einen Filmproduzenten beeindrucken will, damit dieser ihrem Alkoholiker-Ehemann Lee (Jonny Lee Miller) eine Rolle anbietet. Melinda flüchtete von ihrem Mann und den zwei Kindern im Mittelwesten, um mit einem Fotografen durchzubrennen. Doch die Romanze endete im Desaster. Nun ist sie im Rausch aus Alkohol und Pillen auf der Suche nach sich selbst und verliebt sich in den schwarzen Pianisten Ellis (Chiwetel Ejiofor), doch der betrügt sie bald mit Laurel...

    Die komische Melinda nimmt die Welt nicht ganz so schwer. Auch sie ist zunächst nach ihrem Mann/Freund-Reinfall am Boden und platzt mit 28 Schlaftabletten intus in die Dinnerparty des arbeitslosen Schauspielers Hobie (Will Ferrell) und der erfolgreichen Independent-Regisseurin Susan (Amanda Peet). Melinda fängt sich aber schnell wieder und verliebt sich in den Musiker Billy (Daniel Sujata). Dumm nur, dass Hobie vom ersten Augenblick an in Melinda verknallt war und erst nach seiner Trennung von ihrer neuen Beziehung erfährt...

    Jüngst mäkelten einige Kritiker an Woody Allens letzten Werken herum, stellten gar die aktuelle Relevanz seiner Person zum Teil (zu unrecht) in Frage. Doch mit der geistreichen, tragisch-komischen Parabel „Melinda And Melinda“ schlägt Allen zurück und zeigt, dass er noch lange nicht abgeschrieben werden darf. Mit spielerischer Leichtigkeit und der gewohnt fiebrigen Nervosität sämtlicher Charaktere nähert sich Allen den großen Fragen des Lebens. Als Ausgangspunkt dient das Gespräch der beiden Restaurant-Paare, die ihre Weltanschauung in die Erzählung der Geschichten um die doppelte Melinda legen. Einziger Anknüpfungspunkt der Stories ist Hauptdarstellerin Radha Mitchell und ihre in etwa gleiche Vorgeschichte. Da sie jeweils in eine andere Dinnerparty platzt, entwickeln sich nicht nur die Abläufe unterschiedlich, auch die handelnden Personen überschneiden sich nicht.

    Stilistisch hat sich bei Woody Allen nichts geändert. Seine schrägen Helden brauchen das Reden wie normale Menschen die Luft zum Atmen und jeder pflegt mit Hingabe die ein oder andere Neurose. Die Dialoge sind gewohnt messerscharf, pointiert, skurril und rastlos. Die Entscheidung, selbst einen Schritt zurückzutreten und nicht als Schauspieler dabei zu sein, hat sich trotz Allens famoser Komik als richtig erwiesen. Für ihn wäre einfach keine Rolle passend gewesen. Allerdings nur aufgrund seines Alters. Denn der Charakter des Hobie ist ein Allen-Original, welches er in jüngeren Jahren im Schlaf gespielt hätte. Will Ferrell („Buddy – Der Weihnachtself“, „Old School“, „Der Anchorman“) schlüpft stattdessen in die angestammte Allen-Position und ersetzt den Meister in Würde. Ferrell hat mit Abstand die witzigsten Auftritte als liebestoller Tollpatsch.

    Die dominierende Person in „Melinda And Melinda“ ist aber eindeutig die Titelfigur. Die Australiern Radha Mitchell („Wenn Träume fliegen lernen“, „Mann unter Feuer“, „Nicht auflegen!“) meistert die vollkommen gegensätzlichen Anforderungen ihrer Doppelrolle mit Bravour. Ob nun als aus der Bahn geworfenes Girl Next Door oder als neurotisches Nervenwrack: Mitchell glänzt in beiden Disziplinen, Tragik und Komik. Über den Charakter der Laurel nimmt Woody Allen die Macken der Park-Avenue-Weibchen auf’s Korn und karikiert deren Verhalten (Launching & Shopping) mit bissiger Ironie. Chloe Sevigny („Dogville“, „American Psycho“, „Kids“) steht diese Rolle wie angegossen. Aber auch Amanda Peet („Igby“, „Was das Herz begehrt“, „Identität“) läuft als eingebildete New Yorker Intellektuelle in ähnlichem Klischeemuster und überzeugt durch Arroganz. Jonny Lee „Sick Boy“ Miller („Trainspotting“) bleibt als einziger ein bisschen blass und kann als Laurels depressiver, untreuer Trinker-Ehemann nicht voll überzeugen.

    Diese Mischung aus romantischer Komödie und ätzendem Drama kombiniert Allen so filigran, sodass es ein Ganzes ergibt, obwohl die Handlungsstränge „Tragik“ und „Komik“ ständig wechseln und sich zwischendurch auch die diskutierfreudigen Paare aus dem Restaurant wieder zu Wort melden. Erfrischend ist auch die politische Unkorrektheit, die Allen seinem Personal auferlegt. Es wird geraucht, getrunken, gelogen, betrogen, geschwätzt, gezetert und lamentiert, als gäb’s kein Morgen mehr. Während Hollywood mit verlogener Moral die Leinwand sauber halten will, zeigt New Yorks berühmtester Stadtneurotiker das Leben, wie es wirklich ist...

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