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    Glück in kleinen Dosen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Glück in kleinen Dosen
    Von Deike Stagge
    Wäre „Glück in kleinen Dosen“ vor ungefähr zehn Jahren in die Kinos gekommen, wäre er sicher ein heißer Anwärter auf zumindest satte 9 Punkte gewesen. Doch das abgestumpfte Leben im amerikanischen Suburbia ist seit American Beauty immer wieder filmisch thematisiert worden - allerdings kam an kaum jemand an die feinfühlige und preisgekrönte Original-Umsetzung von Sam Mendes heran. Das gelingt leider auch „Glück in kleinen Dosen“ nicht. Im Film von Arie Posin, der nicht nur sein Langfilmdebüt gibt, sondern auch am Drehbuch beteiligt war, steht die jugendliche Perspektive im Mittelpunkt, von der aus er die zwischenmenschlichen Beziehungen in mittelständischen Familien und unter Schulkameraden analysiert. Dabei nimmt er visuell und dramaturgisch deutlich Bezug auf „American Beauty“. Das ist vielleicht nicht besonders originell - tatsächlich wirkt es an einigen Stellen sogar sehr gewollt - aber auch eine gute Imitation des Stils von Mendes muss erst einmal gelingen.

    Wie der unvergleichliche Lester Burnham hat auch Posins Protagonist Dean Stiffle (Jamie Bell) das Leben in der wohlhabenden Vorstadtgegend endgültig satt. In seiner Schule wird der lethargische Außenseiter verspottet, sein Vater (William Fichtner) benutzt den Sprössling als Basis für psychologischen Analysen in seinen Büchern und missbraucht dabei immer wieder Vertauen und Privatsphäre von Dean. Als Deans bester Kumpel Troy völlig überraschend Selbstmord begeht und Dean ihn auffindet, gerät sein Leben völlig aus den Fugen. Die Mitschüler unter Führung von Billy (Justin Chatwin) interessiert der Tod Troys nur aus einem Grund: Er belieferte die ganze Gegend mit chemischen Drogen, die den Pennälern den Alltag überhaupt erst erträglich machten. Nachschub muss her - den soll Dean aus Troys Zimmer klauen. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, wollen sie Deans Bruder kidnappen. Doch leider erwischen die Teens mit Charley (Thomas Curtis) das falsche Kind.

    Während Billy mit der vermeintlichen Kidnapperin Crystal (Camilla Belle) versucht, dem fälschlich entführten Jungen zu helfen, entfalten sich die psychischen Abgründe der anderen Suburbia-Bewohner zur vollen Tragweite. Troys Mutter (Glenn Close) dreht im Rahmen ihrer konservativen Existenz vor Trauer völlig ab, Charleys Mutter (Caroline Goodall) merkt vor Hochzeitsstress mit dem Bürgermeister (Ralph Fiennes) nicht mal, dass ihr Sohn fehlt und auch der Blick in die Elternhäuser der drei Entführer offenbart krankhaftes Spießertum, abgedrehte Existenzen und kaputte Beziehungen.

    Das besondere Plus an „Glück in kleinen Dosen“ ist seine von vorn bis hinten hochkarätige Darstellerriege. Für relativ kleine Rollen gewann Regisseur Posin bekannte Darsteller wie Carrie-Ann Moss (Matrix-Trilogie, Memento), Jason Isaacs („Harry Potter“ 2 und 4, Peter Pan, Der Patriot), William Fichtner (L.A. Crash, Heat) und die wie immer einzigartige Glenn Close („Gefährliche Liebschaften“, „Air Force One“), die es mit einem einzigen Gesichtsausdruck fertig bringt, dem Zuschauer die gesamte Palette des Vorstadtwahnsinns zu vermitteln. Neben diesen Leinwandveteranen spielen sich auch die jugendlichen Darsteller warm. Hauptdarsteller Jamie Bell, den es nach seinem gefeierten Debüt in Billy Elliot nach Hollywood verschlagen hat, spielt den sensiblen Dean wie schon seine Rollen in Dear Wendy und King Kong absolut überzeugend. Neben ihm gibt Lou Taylor Pucci, der für Thumbsucker den Silbernen Bären erhielt, ein gutes Revival genau dieses Parts, während Justin Chatwin seine miese Leistung als Tom Cruises Sohn in Krieg der Welteng mühelos überbietet.

    Das vorsichtige Herantasten an Garden State-Freundschaften, die lethargische Stimmung von Donnie Darko und eine Prise „Desperate Housewives“-Exzentrik scheint Posin für „Glück in kleinen Dosen“ in einen Mixer geworfen zu haben, um zu seinem Drehbuch zu kommen. Damit liegt er auch voll im Trend des Zeitgeists - und mischt darüber hinaus Independentperlen mit Mainstreamgeschmack. Das klingt nach einem guten Erfolgsrezept. Tatsächlich ist die Stimmung seines Films trotz der vielen Handlungsebenen sehr gelungen. Teilweise arbeitet er mit surrealen oder märchenhaften Bildern, um seine Botschaft zu übermitteln: Als Dean nicht einschlafen kann, weil Troy Mutter nachts zur Gartenarbeit ansetzt, lässt Posin Glenn Close kurzerhand vor dem Bett des sich herumwälzenden Protagonisten weiterjäten, während die Kamera sanft wegschwenkt. Solche spärlich eingesetzten Momente wie auch der seltene und gezielte Einsatz von Zeitlupe und Zeitraffer geben „Glück in kleinen Dosen“ einen individuellen handwerklichen Touch seines Regisseurs.

    Aufgrund der vielen Zitate anderer Genre-Filme wird Posins Film sicher keinen Preis für das individuellste Drehbuch gewinnen können. Auch die Idee, den Troys Tod szenisch mit der Spielwelt eines Videogames zu vergleichen, wirkt stellenweise gekünstelt. Seine Thesen über das Surburbia-Leben, die Persiflage auf den Konsum von Vitaminpillen als Basis für ein „neues Lebensgefühl“ und die Coming-Of-Age-Geschichte um Dean bilden jedoch die Grundlage für einen unterhaltenden Kinoabend.

    Allein aufgrund der darstellerischen Leistung aller Beteiligten ist „Glück in kleinen Dosen“ sehenswert. Wer den Alptraum Surburbia beschwören will, findet in diesem Film genau das richtige Mittel. Denn Posin verhält sich seinen filmischen Vorbildern gegenüber absolut respektvoll. Auch wenn etwas zu wenig eigene Eingebung vorliegt (aber immerhin lässt er sich von den Besten inspirieren), überzeugt sein Langfilmdebüt durch seine stimmige Atmosphäre und das Engagement seiner Schauspieler.
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