Auch in der Hochzeit der Streaming-Ära sehnen sich viele von uns, trotz des historisch beispiellosen Über-Angebots an Filmen und Serien, die die Streamer bieten, nach den großen Lagerfeuern: nach den großen Filmen und Serien, die uns trotz der gesellschaftlichen Vereinzelung zusammenbringen. Wie man auch zum Filmemacher und seinem Schaffen stehen mag, Adam McKays „Don’t Look Up“ war fraglos ein solcher Film, als er Ende 2021 pünktlich zur Weihnachtszeit auf Netflix startete und in der Folge in aller Munde war.
In seiner satirischen Klimawandel-Parabel stellte McKay, bekannt unter anderem für „Anchorman“ und „The Big Short“, einen Astronomen und eine Astronomin in den Mittelpunkt (gespielt von Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence), die versuchen, die Öffentlichkeit vor einem Kometen zu warnen, der die menschliche Zivilisation auszuradieren droht.
Aus den Parallelen zur Klimakatastrophe machten McKay und sein illustrer Cast seinerzeit keinen Hehl, und der Erfolg, so könnte man sagen, gab ihnen Recht. Bis heute ist der Film der zweitmeistgesehene Netflix-Originalfilm. In einem jüngst geführten Interview mit NME anlässlich der Brände in Hollywood sorgte McKay indes für Irritation, als er Abrufzahlen zu Protokoll gab, die die offiziellen Netflix-Zahlen nicht hergeben.
Verbreitet der Mann, der Fake-News bekämpfen will, selbst welche?
In etwa 85 Ländern erreichte die Klimawandel-Satire Platz 1 der Netflix-Charts, was den Filmemacher darin bestätigte, dass sein Film einen universellen Nerv getroffen habe. Vielleicht auch ein bisschen zu beseelt von all dem Zuspruch, ließ sich McKay im Folgenden dazu hinreißen, mit einer Zuschauerschaft von 400 bis 500 Millionen Menschen zu prahlen. Genaueres würde Netflix ja ohnehin nicht sagen.
Hält man sich aber an die vom Streamingdienst selbst veröffentlichten Abrufzahlen, so sieht es etwas anders aus: Demnach haben rund 171 Millionen Menschen „Don’t Look Up“ gesehen – zumindest wenn man die etwas schwammige Maßeinheit Views mit einer vollständigen Sichtung des Films gleichsetzt (dazu gleich mehr). Woher nun also die 400 bis 500 Millionen Zuschauer*innen kommen? Nun, vielleicht hat sich McKay schlicht in der Spalte vertan. Denn weiter heißt es beim Netflix-Service Tudum, 408 Millionen Stunden des Filmes seien gesehen worden.
Universum Film
Nun wäre es leicht, McKay zu unterstellen, er könne Grafiken nicht recht lesen. Allerdings gibt es gute Gründe, die Netflix-Zahlen kritisch zu hinterfragen. Schließlich gibt Tudum keineswegs genaue Informationen dazu an, ob (und wenn ja, wann) Netflix-User*innen den Stream abgebrochen haben. Views sind nämlich einfach nur die insgesamt geschauten Stunden geteilt durch die Gesamtlaufzeit und nicht die tatsächlichen Abrufe des Films. Außerdem werden für die Liste nur die ersten 90 Tage nach Veröffentlichung gezählt.
Wenngleich McKay hier also durchaus mit aufgehübschten Zahlen aufwartete, ist zumindest seine Schlussfolgerung, dass der Streifen sehr erfolgreich war, durchaus belastbar.
Laut McKay habe „Don’t Look Up“ besonders deshalb beim Publikum Anklang gefunden, weil sich die Zuschauer mit der Idee des „Gaslighting“ identifizieren konnten. McKay beschreibt damit ein Konzept, das auf den Film „Gaslight“ aus dem Jahr 1944 zurückgeht. Dort manipuliert ein Ehemann seine Frau auf solche Weise, dass sie zunehmend selbst glaubt, verrückt zu sein. Mit Blick auf die Nachrichten gab McKay an, dass viele Menschen sich von ihren politischen Repräsentanten, den Nachrichtenmedien und der Industrie belogen fühlen.
McKays neuestes Werk: Es geht wieder gegen die ganz Großen
Derzeit arbeitet McKay an einem weiteren Drehbuch, das die globale Erwärmung in den Blick nimmt. Darin soll es vor allem um undurchsichtige Verbindungen zwischen Ölindustrie, Regierungen und Medienunternehmen gehen. Um dieses Projekt zu realisieren, gelte es nun, kreative Wege der Finanzierung einzuschlagen, möglicherweise durch europäische Mittel oder basisorientierte, nicht-konzerngebundene Vertriebswege. Über weitere Informationen, geschweige denn ein Titel, ist bisher indes nichts bekannt.
Was „Don’t Look Up“ seinerzeit für Netflix war, ist aktuell „Back in Action“, in dem Cameron Diaz nach elf Jahren ihr großes Comeback feiert. Mehr zum Action-Erfolg erfahrt ihr hier:
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