Überraschung! Eine der besten deutschen Serien aller Zeiten ging bei Prime Video zu Ende – jetzt ist sie komplett bei Netflix
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Schon in der Grundschule las er Kino-Sachbücher und baute sich parallel dazu eine Film-Sammlung auf. Klar, dass er irgendwann hier landen musste.

Manche kennen ihn seit der „Wochenshow“, andere aus „Der Wixxer“ – und für eine jüngere Generation ist er vor allem ein wandelndes „LOL“-Highlight. Doch seine Paraderolle spielt Bastian Pastewka in dieser Serie: Ab sofort ist „Pastewka“ auf Netflix!

Fremdscham, Schadenfreude und beschämt-amüsierte Momente der Selbsterkenntnis: Diese Mischung ist quasi ein eigenes Serien-Subgenre! Unter anderem zielen „The Office“ und „Stromberg“ auf die pointierte Wechselwirkung aus „Das passiert jetzt nicht wirklich?“, „Ha, das musste doch passieren!“ und „Mist, das könnte mir passieren!“ ab. Eben dieser Humorcocktail trifft in einigen Serien auf eine weitere, effektive Zutat:

Medienpersönlichkeiten, die unsympathische, sozial ungelenke Versionen ihrer selbst spielen! Auf das komödiantische Potential dieser Idee setzen diverse internationale und deutsche Serien – darunter die deutsche Kultserie „Pastewka“, der es gelang, diese Prämisse praktisch zu perfektionieren. Somit wurde sie für den Verfasser dieses Artikels zu einer der besten deutschen Serien der TV-Geschichte.

Jetzt hat sie eine weitere Streaming-Heimat gefunden: Ab sofort ist „Pastewka“ auch auf Netflix abrufbar – und zwar inklusive der ursprünglich eigentlich für Amazon produzierten Staffeln 8, 9 und 10! Darüber hinaus sind die Peinlichkeiten, Pannen und Patzer des Schauspielers und Komikers weiterhin via Joyn* und Amazon Prime Video abrufbar.

Solltet ihr Bastian Pastewka erst seit kurzer Zeit kennen, beispielsweise allein durch seine denkwürdigen Auftritte beim gerade in die sechste Staffel gegangenen Prime-Video-Hit „LOL: Last One Laughing“: Keine falsche Scheu – nutzt diese Gelegenheit, um weitere Seiten des wandelnden Retro-TV-Lexikons kennenzulernen. Ihr werdet es sicher nicht bereuen!

"Pastewka": Ein Star kreist um sich selbst

Köln und Umgebung: Hier treffen unentwegt die fragilen Egos des rheinischen Medienklüngels und allgemeingültige Alltagsärgernisse aufeinander. Und bei niemandem entstehen durch diese Reibung häufiger Funken, die ein gewaltiges Feuer der Fremdscham entfachen, als bei Bastian Pastewka. Obwohl sein „Wochenshow“-Ruhm verblasst und sich neue TV-Jobs bloß sporadisch anbieten, glaubt er in allen erdenklichen Lebenslagen, massiven Promibonus zu genießen.

Das gilt öffentlich wie privat: Obwohl seine Langzeitfreundin Annemarie Leyfert (Sonsee Neu) über Engelsgeduld verfügt, bringt er sie durch Egomanie, unnötige Notlügen und ständige Flucht vor Verantwortung andauernd zur Verzweiflung. Seinen Bruder Hagen (Matthias Matschke) kommandiert er wie einen Lakaien – wenn er denn überhaupt mit ihm spricht. Und jede Provokation seiner bockigen Nichte Kim (Cristina do Rego) und seiner ebenso progressiven wie selbstgefälligen Nachbarin Svenja Bruck (Bettina Lamprecht) zahlt er mit der Pampigkeit eines verwöhnten Kindes doppelt und dreifach zurück.

Und dennoch kann man Mitleid mit ihm haben, wenn sich seine Agentin Regine Holl (Sabine Vitua) mehr für Alkohol, Zigaretten und den Sexappeal anderer Klienten interessiert als für ihn. Wenn sein Vater Volker (Dietrich Hollinderbäumer) dauernd von ihm enttäuscht ist. Und wenn ihm seine Bekannten aus der Medienwelt regelmäßig Konkurrenz in Sachen Ich-Bezogenheit machen...

Man liebt es, von ihm enttäuscht zu sein – man ist von sich enttäuscht, wie sehr man ihn liebt

Es lässt sich schwer sagen, wovon Pastewkas Serien-Inkarnation hartnäckiger verfolgt wird: Vom Pech oder von den gepfefferten Konsequenzen seines unüberlegten Handelns. Dieses Wechselspiel hat dazu beigetragen, dass die 2005 gestartete, zehn Staffeln umfassende Comedyserie erfolgreich über 90 Episoden getragen hat: Bastian ist ein echter Unglücksvogel, der Missverständnisse magisch anzuziehen scheint, weshalb er durchaus ungerechtfertigt Rüffel kriegt – etwa, wenn ihm die Tee-Bestellung eines „Schwarzen“ als Rassismus ausgelegt wird.

Doch wann immer es droht, dass das Publikum zu viel Mitgefühl für den alte Serien, zeitlose Hörspiele, markante Synchronstimmen sowie klamaukige Filme abfeiernden, verkrampften Couchpotato aufbringt, rennt er dümmlich grinsend in die Kreissäge: Serien-Pastewka wirkt schusselig-harmlos, ist aber nicht nur ein eitler Geck, sondern auch intolerant, neidisch und gehässig.

Eine Rolle, die der reale Pastewka perfekt ausfüllt: Mit unbeholfen-ulkiger Ausstrahlung verleiht er seinem fiktiven Ich genügend Charisma, dass man es zehn Staffeln lang mit ihm aushält und öfter mit ihm mitfiebert (manchmal sogar frei von Gewissensbissen). Gleichzeitig hat er eine uneitle Spielfreude, den selbstzentrischen Dummbatz mit dem Rückgrat eines Waschlappen zu geben, dass man die negativen Seiten des Serien-Pastewkas liebend gerne verabscheut.

Eine sich wandelnde Zeitkapsel mit vielen Konstanten

Ganz nebenbei ist „Pastewka“ ein Destillat des sich bewegenden Zeitgeistes: Der im Baseballhandschuh-Sessel lümmelnde, Autoreifenkekse mümmelnde Nerd aus Staffel 1 ist etwa allein schon aufgrund seiner TV-Obsession ein Außenseiter. Später steht ihm sein Umfeld in Sachen Seriensucht in nichts nach, aber die Serien seiner Wahl bescheren ihm irritierte Blicke. Konstant bleiben aber zahlreiche Floskeln, die sich die Figuren partout nicht abgewöhnen – vom befehlig-erleichterten „Soooo!“ über den Wunsch nach Bratkartoffeln hin zum genervten: „Fluppe aus!“

Und dann gibt es noch die Parade an Gaststars: Anke Engelke als anstrengende Kollegin, Michael Kessler als Erzfeind, Hugo Egon Balder als Lustmolch, Annette Frier als eitle Comedy-Größe, Til Schweiger als von Sex nuschelnder Kinostar und viele, viele mehr. Wer nicht im falschen Moment blinzelt, wird auch Simon Verhoeven in einer Folge entdecken, den Regisseur der folgenden Komödie, die ebenfalls zwischen Provokationen und Peinlichkeiten balanciert:

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