Die „Addams Family“ funktioniert – wie jede gute Fernsehfamilie – in Gemeinschaft am besten. All diese verschrobenen Figuren besitzen ihre eigenen Stärken und Schwächen und bevor man einem Element überdrüssig werden kann, unterhält auch schon das nächste schräge Mitglied der Grusel-Sippe. Besonders in „Addams Family“ und „Die Addams Family in verrückter Tradition“ von Regisseur Barry Sonnenfeld („Men In Black“) wurde diese Stärke gut genutzt, denn auch wenn in beiden Filmen der selbst für Addams-Verhältnisse eigenartig und unverwüstlich scheinende Onkel Fester (Christopher Lloyd) im Fokus stand, fühlten sich die Leinwand-Abenteuer doch immer wie fiese Ensemble-Komödien an.
Und dass die Addams gemeinsam am unterhaltsamsten sind, hat man in „Wednesday“ Staffel 2 auch begriffen, denn inzwischen tummelt sich fast der gesamte Grusel-Clan an der Nevermore Academy. So dürfen jetzt auch Morticia (Catherine Zeta-Jones), Gomez (Luis Guzmán) und Neu-Student Pugsley (Isaac Ordonez) für reichlich Chaos sorgen – und auch Onkel Fester (Fred Armisen) hat in den ersten vier Folgen der zweiten Staffel bereits vorbeigeschaut.
Doch neben der bisherigen Abwesenheit der Addams gab es in „Wednesday“ ein weiteres Problem, das die Serie auch in der neuen Season bisher nicht beheben konnte – und das mir zunehmend den Spaß an der Fantasy-Geschichte nimmt: Das ungenutzte Potenzial des Schul-Settings!
Diese Schule fühlt sich wie eine Filmkulisse an
Eine Schule als Handlungsort bietet mannigfaltige Möglichkeiten, um sich kreativ auszutoben: Unterrichtsstunden, Pausen-Aktivitäten und das Gerangel zwischen verfeindeten Cliquen – eigentlich genau die richtigen Bausteine für eine Coming-Of-Age-Produktion wie „Wednesday“. Und auch das Schulgebäude will erzählt und erkundet werden. In einer altehrwürdigen Akademie wie Nevermore müssen doch hinter jeder Ecke Geschichten und Geheimnisse lauern, die das Publikum gemeinsam mit den Figuren entdecken kann.
Doch in „Wednesday“ wird dieses Potenzial viel zu oft verschenkt. Wieder und immer wieder werden die gleichen Sets besucht: Das Zimmer von Wednesday und Enid, das Rektoren-Büro und der Schulhof. Auf diesem stehen dann meist ein paar Komparsen-Grüppchen herum, die jedoch nie so wirken, als würden sie außerhalb dieser Szene existieren und die viel zu oft einfach nur Raum ausfüllen, statt dem Schulalltag in Nevermore Leben einzuhauchen.
Hogwarts als positives Gegenbeispiel
Wie eine Schule wirklich lebendig wird, haben die „Harry Potter“-Filme eindrucksvoll vorgemacht, denn im magischen Hogwarts herrscht stets ein emsiges Wuseln, bei dem es für das Publikum allerhand zu entdecken und bestaunen gibt. Mit seinen versteckten Kammern, Hausgeistern und Schätzen ist das Schloss sowieso der eigentliche Star der ersten vier Filme. Und der freundschaftliche Wettkampf zwischen den vier Häusern beschwört auch beim Publikum ein Zugehörigkeitsgefühl, dem nur schwer zu entkommen ist. Gerade in den ersten Filmen entsteht zudem nie das Gefühl, als würde sich an diesem magischen Ort alles nur um Harry (Daniel Radcliffe), Ron (Rupert Grint) und Hermine (Emma Watson) drehen, sondern als wären diese nur drei Schüler*innen unter vielen.
Besonderes Highlight sind in der „Harry Potter“-Reihe schon immer die gezeigten Unterrichtsstunden gewesen. Diese lassen nicht nur ein Gefühl für den Schulalltag entstehen, sondern laden die Zuschauer*innen auch zum Träumen ein: Wie wäre es wohl, selbst einmal in einer Stunde Verteidigung gegen die dunklen Künste den Zauberstab zu schwingen oder mit Professor Sprout (Miriam Margolyes) Alraunen umzutopfen?
Minimale Verbesserung in "Wednesday" Staffel 2
All das fehlte bisher bedauerlicherweise komplett in „Wednesday“. Dabei wäre es gerade spannend mitzuerleben, wie sich der Alltag für Medusen, Werwölfe, Sirenen und die anderen ungewöhnlichen Schulbankdrücker*innen gestaltet. Sind die Stundenpläne auf die Fähigkeiten der Studierenden angepasst? Welche Fächer gibt es überhaupt? Und wer sind die Lehrer und Lehrerinnen an dieser Außenseiter-Schule? In Staffel 2 dürfen wir zumindest einmal kurz die Lehrstunde von Professor Orloff (gespielt von niemand Geringerem als „Addams Family“- und „Zurück in die Zukunft“-Star Christopher Lloyd) besuchen, doch auch hier steht eher der Konflikt mit Pugsley Addams im Mittelpunkt als der eigentliche Unterricht.
Bis heute habe ich noch immer kein richtiges Gefühl für Nevermore bekommen, dabei möchte ich gerne tiefer in das fantastische Schulleben abtauchen. Leider glaube ich kaum, dass sich daran in Zukunft etwas ändern wird. Dann muss ich wohl weiter auf die neue „Harry Potter“-Serie hoffen. Wenn ihr mehr über den kommenden Reboot erfahren möchtet, klickt einfach hier:
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