In dem herausragenden Meisterwerk „Hell Or High Water“ stellte David Mackenzie zwei Brüder in den Mittelpunkt, die als Bankräuber der Ausbeutung durch die Großen die Stirn bieten. Auch „The Negotiator“, der im Original den Titel „Relay“ trägt, ist nun eine fesselnde David-gegen-Goliath-Geschichte.
Ash (Riz Ahmed) nutzt einen eigentlich für Menschen mit Hör- oder Sprachbehinderungen gedachten Telefonservice, um Leuten aus einer besonderen Zwangslage zu helfen. Denn was macht man, wenn man bei seiner Arbeit über brisantes Fehlverhalten der Firma stolpert, nicht als Whistleblower an die Öffentlichkeit will, aber Angst vor Repressalien aufgrund des Wissens hat? Ash bietet einen Ausweg an. Als Mediator zwischen beiden Seiten verwahrt er das belastende Material. Doch als der Fixer mit Sarah (Lily James) eine neue Mandantin hat, die bei jedem Schritt von einem hochspezialisierten Team (u. a. Sam Worthington, Willa Fitzgerald) überwacht wird, geraten ihm die Dinge nach und nach außer Kontrolle.
Im Interview sprechen wir mit David Mackenzie darüber, wie man Telefonate über einen Relay-Service so packend inszeniert, wie es ihm in seinem Film gelungen ist. Der Filmemacher gewährt uns zudem einen Einblick, wie sich das ursprüngliche Drehbuch durch ihn und schließlich das Casting von Riz Ahmed („Star Wars: Rogue One“) in der Hauptrolle verändert hat und wie herausfordernd der Dreh in New York war. Auch über ein Sequel sprechen wir kurz.
LEONINE
FILMSTARTS: Ich habe mir das ursprüngliche Drehbuch angeschaut – und da ist mir eine Sache direkt aufgefallen. Es beginnt mit sehr vielen Voice-Over-Erklärungen der Hauptfigur. Du hast diese nicht nur komplett gestrichen, sondern bist den genau entgegengesetzten Weg gegangen. Es dauert rund 30 Minuten, bis wir Riz Ahmed zum ersten Mal überhaupt sprechen hören. Warum war es dir wichtig, diese Figur mehr über seine Handlungen und Bilder als über Worte zu erzählen?
David Mackenzie: Es fühlte sich für mich einfach richtig an. Als ich das Drehbuch bekam, war es für mich noch nicht vollständig ausgearbeitet. Es hatte großartige Ideen und ich mochte es sehr, sonst hätte ich den Film nicht gemacht, aber an manchen Stellen musste es in eine andere Richtung weiterentwickelt werden.
Mir gefiel direkt, dass diese Figur ein Leben der Einsamkeit in einer großen Stadt führt und weil er gleichzeitig diesen Dienst und sein Gerät benutzt, um zu kommunizieren, fand ich es ziemlich cool, dass er erst einmal auf keine andere Weise spricht. So wird er zu einem Mysterium. Er ist ja auch ein Mann vieler Verkleidungen und Gesichter. Deshalb fand ich es zusätzlich interessant, seine Stimme zurückzuhalten.
Generell mag ich es ohnehin als Filmemacher, Dialog so weit wie möglich zu reduzieren. Hier hatte ich die Gelegenheit dazu - und Riz ist so ein großartiger Schauspieler, dass man ihm problemlos eine halbe Stunde zuschauen kann, ohne dass er etwas sagt. Man kann seine Bewegungen beobachten, sehen, was er tut, und empfindet trotzdem viel Empathie für die Figur. So hat sich das alles zusammengefügt.
Relay-Operatoren als filmische Herausforderung
FILMSTARTS: Trotzdem spielt Dialog natürlich eine wichtige Rolle, weil die Relay-Operatoren ja für ihn sprechen. Und das klingt auf den ersten Blick ziemlich unspektakulär für große Kinobilder. Schließlich beobachten wir hier einfach Menschen, die einen Text vorlesen. Was mich überrascht und begeistert hat, ist wie intensiv das trotzdem ist. Diese Szenen sind richtig packend. Wie hast du das beim Drehen und im Schnitt erreicht?
David Mackenzie: Auch da ist interessant, dass die im ursprünglichen Drehbuch gar nicht zu sehen sind. Doch eines der ersten Dinge, an die ich dachte, war: Man muss diese Leute lebendig machen.
Bei der Besetzung habe ich darauf geachtet, die Operatoren ein bisschen gegeneinander und manchmal auch gegen den Text, den sie vorlasen, zu casten. Außerdem haben diese Schauspieler*innen den Text vorher nicht bekommen. Sie wussten also zumindest beim ersten Take noch nicht, was sie erwartet – und lasen es dann wirklich zum ersten Mal, während sie spielten. Das gab den Momenten für mich eine ganz eigene Qualität.
Im Schnitt konnten wir dann sehr schön mit den Möglichkeiten spielen, wann wir überhaupt zu den Relay-Operatoren gehen und sie zeigen. Und eines der coolsten Dinge war, dass Riz und ich dann noch die Idee hatten, dass er an einer Stelle selbst so tut, als wäre er ein Relay-Operator. Darauf kamen wir erst ziemlich spät, aber es war ein richtig schöner Weg, diese Welt noch lebendiger zu machen.
Rein logistisch war es aber eine der größten Herausforderungen: Für die Drehs aller Relay-Operatoren-Szenen hatte ich nämlich nur einen einzigen Tag – für 25 Seiten Dialog. Ich hatte wirklich Angst davor. Aber die Schauspieler*innen waren alle brillant, wurden ein richtiges kleines Team.
LEONINE
FILMSTARTS: Dein Film erinnert mich sehr an die Paranoia-Thriller der 1970er. Er enthält auch viele Old-School-Elemente, wirkt aber gleichzeitig sehr modern – visuell und auch thematisch. War es eine bewusste Entscheidung, auf diese Ära des Kinos anzuspielen?
David Mackenzie: Nicht wirklich. Es ist definitiv ein sehr zeitgenössischer Film, aber die Technologie versetzt einen automatisch ein bisschen zurück. Diese Relay-Technologie hatte ihre Blütezeit schließlich in den 70ern und 80ern.
Natürlich ist da aber diese Verschwörungs-Atmosphäre – und auch wenn es viele moderne Whistleblower-Filme gibt, ist der Vibe der von dir angesprochenen Ära dann schnell einfach da. Zumal ich dieses Kapitel der Filmgeschichte wirklich liebe. Vor allem die in New York spielenden Filme aus jener Zeit haben die Stadt auf eine großartige Weise eingefangen und das wollte ich auch erreichen.
Ein Dreh mitten in New York – warum sich das Chaos lohnt
FILMSTARTS: New York ist ein gutes Stichwort. Es ist fast eine Figur und ihr habt ja auch wirklich mittendrin gedreht – sogar am Times Square. Warum war dir das so wichtig?
David Mackenzie: Ich drehe ohnehin lieber an realen Schauplätzen. Im Studio hat man zwar die Kontrolle, aber ich empfinde das schnell als klaustrophobisch. Es war mir extrem wichtig, in der Stadt zu sein.
Unser erster Drehtag war sogar direkt die achtminütige Sequenz am Times Square und wir konnten nur ein winziges Dreieck kontrollieren, wo der Kiosk steht. Der Rest war das echte Leben. Das ist chaotisch, aber das Ergebnis, die Lebendigkeit der Stadt, ist großartig und dafür lohnt es sich.
Etwa die Hälfte des Films mussten wir in New Jersey drehen und daher manchmal ein wenig tricksen, aber ich wollte so viel wie möglich auf diesen Straßen machen. Der starke New-York-Flair war mir extrem wichtig.
LEONINE
FILMSTARTS: Wie stark war die Kameraarbeit davon beeinflusst? Die Kamera nimmt oft die Perspektive eines heimlichen Beobachters ein. Ich ging davon aus, dass eine bewusste Anweisung an deinen Kameramann war, aber spielt vielleicht auch eine Rolle, dass ihr beim Dreh in dieser echten Umgebung die Kamera manchmal verstecken musstet?
David Mackenzie: Es war eine Mischung. Aber besonders für die Szenen mit Sarah passt dieser beobachtende Stil. Schließlich wird sie die ganze Zeit observiert. Aber ich mag es auch generell, wenn die Kamera eine beobachtende Haltung einnimmt.
Manchmal muss man sich davon lösen, weil man für bestimmte Emotionen andere Perspektiven braucht, aber gerade auf den Straßen finde ich es toll, wenn man dieses Beobachtende spürt. Das passt zudem hier zu meiner Hauptfigur, die ja selbst ein Beobachter ist.
Wie Riz Ahmed den Film prägte
FILMSTARTS: Lass uns kurz über diesen mysteriösen Ash sprechen. Die Szene, in welcher er sich bei einer Sitzung der Anonymen Alkoholiker plötzlich öffnet und über seine Schwierigkeiten als Muslim nach 9/11 spricht, hat mich überrascht. Das ist ein sehr unmittelbarer, emotionaler Moment. Warum war es dir wichtig, den mysteriösen Einzelgänger in dem Moment aufzubrechen?
David Mackenzie: Im ursprünglichen Drehbuch gab es schon ein AA-Meeting, aber er ging nur dahin, um eine andere Figur zu treffen. Ich dachte mir: Wenn es ein Film über Whistleblowing und Whistleblower-Schutz ist, ist es doch viel interessanter, wenn die Hauptfigur selbst direkte Erfahrungen gemacht hat – und das zu ihrer Motivation wird.
Ich brauchte also einen Weg, das zu zeigen – und die AA-Szenen schienen mir eine gute Möglichkeit, zu illustrieren, wie er langsam das Selbstvertrauen aufbaut, darüber erstmals zu sprechen. Da man anfangs nichts über diese Figur weiß, versteht man mit diesen Einblicken in ihre Vergangenheit besser, warum sie tut, was sie tut. Nach dieser Szene wird klarer, wie stark er motiviert ist – das ist mir wichtig. Ich bin kein Fan davon, das Publikum mit zu viel Psychologie zu füttern. Aber an dieser späten Stelle im Film war es genau der richtige Moment, etwas mehr Informationen zu geben.
LEONINE
FILMSTARTS: Wie haben sich diese Szenen mit der Besetzung durch Riz Ahmed entwickelt? Der muslimische Hintergrund der Figur spielt ja nicht nur in dieser Szene eine Rolle...
David Mackenzie: Es ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie sich ein Drehbuch weiterentwickelt, sobald man den richtigen Schauspieler hat. Im ursprünglichen Skript war seine Herkunft glaube ich gar nicht klar, aber mit Riz konnten wir der Figur eine neue Tiefe geben.
Wir haben da viel überlegt. Ich wollte ihn zuerst zu einem pakistanischen Christen machen, um die Sache mit der Alkoholsucht etwas abzuschwächen. Ich dachte, das wäre sonst für Riz etwas heikel. Doch er wollte genau da reingehen – und ich bin froh, dass er das tat. Es macht den Film viel interessanter.
Bekommen wir "The Negotiator 2"?
FILMSTARTS: Du hast in deiner Karriere noch nie ein Sequel gemacht. Aber bei „The Negotiator“ bleiben am Ende durchaus einige offene Fäden, an die man anknüpfen könnte. Kannst du dir vorstellen, irgendwann einen zweiten Teil zu drehen?
David Mackenzie: Interessanterweise habe ich wirklich schon darüber nachgedacht, dass man diese Figur oder auch einige andere aus dem Film wieder aufnehmen könnte. Es ist bisher aber nichts konkret im Gespräch. Falls jemand Interesse daran hätte, wäre ich aber definitiv offen, das zu erkunden. Jetzt wo man die Figuren kennt und nicht mehr erklären muss, eröffnen sich viele neue Möglichkeiten. Vielleicht passiert es ja.
„The Negotiator“ läuft ab dem 25. September 2025 in den Kinos.