Es war 2013 und Fans der Serie „Game Of Thrones“ dachten noch, sie wüssten, worauf sie sich eingelassen hatten. Immerhin lief nun schon die dritte Staffel der auf dem Romanzyklus „Das Lied von Eis und Feuer“ von George R.R. Martin beruhenden HBO-Produktion, die vor Intrigen, Brutalität und fiesen Twists nur so strotzte – so hatte man schon Ende der ersten Staffel den plötzlichen Verlust von Eddard Stark (Sean Bean) irgendwie weggesteckt.
Doch „Der Regen von Castamaer“, die vorletzte Episode der dritten Staffel, sollte das nur scheinbar hartgesottene Publikum eines besseren belehren: Sie endete mit der sogenannten „Roten Hochzeit“, der gleich mehrere beliebte „Game Of Thrones“-Figuren auf grässliche Weise zu Opfer fielen. Lediglich diejenigen, die George R.R. Martins Romane zuvor gelesen hatten, hatten sich auf diese Schreckensszenen vorbereiten können.
Die Nicht-Leser und -leserinnen hingegen liefen ins offene Messer und teilten ihr ratloses Entsetzen via Twitter (bis heute im Sammel-Channel @RedWeddingTears nachzulesen) und in Reaktionsvideos auf YouTube mit. Aus der Wut formte sich bald auch die Frage, wie sich George R.R. Martin etwas derart Grauenhaftes ausdenken konnte – die Antwort hierauf findet man in realen historischen Begebenheiten, die den Fantasy-Autoren inspiriert haben.
Vorab: Das ist die "Rote Hochzeit" (Achtung, Spoiler!)
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Ein Erzählstrang in der Folge „Die Regen von Castamaer“ befasst sich mit dem Eintreffen von Robb Stark (Richard Madden), seiner Ehefrau Talisa (Oona Chaplin), seiner Mutter Catelyn (Michelle Fairley) und weiterer Gefolgschaft auf dem Schloss von Lord Walder Frey (David Bradley). Die Situation ist zunächst angespannt, schließlich hatte der kürzlich vermählte Robb dem Lord vor einiger Zeit versprochen, eine seiner Töchter zu ehelichen.
Um Walder Frey zu besänftigen, erklärt sich Edmure Tully, Catelyns Bruder, für die Vermählung mit einer der Frey-Töchter bereit. Walder Frey erbarmt sich und nimmt die Starks als Gäste in seinem Anwesen auf, auf dem dann sogleich die Hochzeit von Edmure und Roselyn Frey stattfinden soll. Doch auf dem Höhepunkt der abendlichen Festlichkeiten weist Frey die Musikanten an, das Stück „Die Regen von Castamaer“ zu spielen – dieses handelt von einem glorreichen Kriegszug der mit den Starks verfeindeten Lennisters.
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Catelyn, die Robb schon vor seiner Vermählung vor Walder Freys Unberechenbarkeit gewarnt hatte, erkennt zu spät, dass sie und ihre Familie in eine Falle getappt sind und die Freys inzwischen mit den Lennisters unter einer Decke stecken: Ein Mann schreitet plötzlich auf die schwangere Talisa zu und sticht sie nieder, woraufhin auch die Verbündeten der Starks im Saal ermordet und Catelyn und Robb von Pfeilen durchbohrt werden. Mit letzter Kraft versucht Catelyn, sich und den schwerverletzten Robb zu retten, indem sie droht, Freys junge Ehefrau zu töten. Doch Walder Frey zeigt sich gleichgültig und schaut zu, wie sie und ihr Sohn getötet werden.
Wer nach dieser Schilderung Lust bekommt, sich alle acht Staffeln von „Game Of Thrones“ erneut oder zum ersten Mal anzuschauen, kann dies etwa bei WOW tun:
Unterwandertes Gastrecht
Das wohl Bestürzendste an der „Roten Hochzeit“ für viele im Publikum – neben der schieren Brutalität – war die Hinterhältigkeit: Robb, seine Familie und seine Verbündeten werden von Walder Frey als Gäste aufgenommen und genießen damit den Schutz und das Vertrauen ihres Gastgebers, wie es die Konvention des sogenannten Gastrechts in der globalen Menschheitsgeschichte vorsieht.
„Gesetze der Hospitalität waren real in der Gesellschaft des Mittelalters. Ein Gastgeber und ein Gast durften sich gegenseitig keinen Schaden zufügen, selbst wenn sie Feinde waren. Durch einen Verstoß gegen dieses Gesetz verdammten sie sich selbst für alle Zeiten“, erklärte George R.R. Martin selbst gegenüber CNN, bevor er seine Inspirationen für die „Rote Hochzeit“ offenbarte. Denn solche intriganten Brüche dieser Konvention und politisch motivierte Ermordungen unter Ausnutzung des Vertrauens gab es in der Geschichte durchaus – etwa in Schottland.
Das "Black Dinner"
Eines der historischen Ereignisse, das George R.R. Martin als Bezugspunkt nannte, war das sogenannte „Black Dinner“, das sich 1440 in Schottland ereignete: Historikern zufolge hatten drei Männer am königlichen Hof konspiriert, um dem damals sehr einflussreichen Douglas-Clan eine Falle zu stehen.
Dafür luden sie den gerade 16-jährigen Earl of Douglas, William Douglas, und dessen jüngeren Bruder zum Abendessen bei König James II. (damals 10 Jahre alt) aufs Schloss von Edinburgh ein. Die beiden jungen Männer nahmen die Einladung an und wunderten sich erst, als ihnen während des Abendessen plötzlich ein schwarzer Stierkopf vorgesetzt wurde. Daraufhin wurden sie vom Tisch gezerrt, in einem Schnellverfahren des Hochverrats angeklagt und geköpft.
Das Massaker von Glencoe
Das andere, noch weitreichender belegte Ereignis ist das sogenannte „Massaker von Glencoe“, das sich im Winter 1692 in Schottland ereignete: Der in Glencoe situierte einflussreiche Clan der MacDonalds, von vielen anderen Familien beneidet, hatte eine Kompanie unter Führung von Robert Campbell of Glenlyon in ihrem weitläufigen Hof aufgenommen und bewirtet. Doch nach einigen Tagen erhielten die Soldaten das vom König unterzeichnete Kommando, ihre Gastgeber an Ort und Stelle hinzurichten, da sie „Rebellen“ seien.
Viele Soldaten taten, wie ihnen befohlen, ermordeten 38 Menschen und brannten Häuser nieder, aus denen einige der überlebenden Frauen und Kinder fliehen mussten und dabei vermutlich in der kalten Witterung ums Leben kamen. Bis heute wird in Glencoe des brutalen Massakers jährlich zum 13. Februar gedacht – ebenso hält sich der Rat „Never trust a Campbell“ („Vertraue niemals einem Campbell“) in der Region.
„Egal, wie viel ich mir ausdenke, es gibt Dinge in der Geschichte, die genauso schlimm oder sogar noch schlimmer sind“, erklärte George R.R. Martin abschließend im Interview mit CNN. Ein schwacher Trost für die damals schockierten Fans, aber eine wohl kaum anzuzweifelnde Tatsache, wenn man sich nur das „Black Dinner“ und das Massaker von Glencoe vergegenwärtigt.
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