Unter Literaturhistorikern hält sich schon lange die Theorie, dass William Shakespeare all die großen Theaterstücke, die ihm zugeschrieben werden, gar nicht wirklich verfasst habe. Einige der von Befürwortern dieser Idee angeführten Belege erscheinen auch alles andere als aus der Luft gegriffen. Kein Wunder also, dass jemand wie Roland Emmerich („Independence Day“, „Der Patriot“) von der Geschichte fasziniert war und sie in Form von „Anonymous“ auf die Leinwand brachte.
Arte zeigt „Anonymous“ am heutigen 5. November 2025 um 20.15 Uhr. Eine Wiederholung folgt am 14. November um 14.00 Uhr. Zudem steht der FSK-12-Titel als Gratis-Stream in der Mediathek des Senders zur Verfügung. Alternativ ist er als DVD & Blu-ray* und kostenpflichtiges Video-on-Demand zu haben:
Historische Fiktion
William Shakespeares (1564–1616) Urheberschaft der ihm zugeschriebenen Geniestreiche wurde bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt der Popularität seiner Werke, massiv in Frage gestellt. Einige Aspekte seines Lebens – speziell seine einfache Herkunft und seine noch relative Unbekanntheit zu Lebzeiten – erschienen manchem Theater- und Literaturexperten unvereinbar mit seiner enormen Bedeutung. So kam immer lauter der Verdacht auf, dass er möglicherweise nicht der wahre Autor der weltweit gespielten Stücke sein könne.
Diese Theorien halten sich bis heute und haben über die Jahre zahlreiche Bücher und wissenschaftliche Arbeiten inspiriert. Im Laufe der Zeit wurden von verschiedensten Quellen mehr als 80 Männer und auch einige Frauen ins Spiel gebracht, die die eigentlichen Autor*innen des Œuvres sein könnten. Die am häufigsten genannten Namen darunter sind die von Francis Bacon, Christopher Marlowe und Edward de Vere, des 17. Grafen von Oxford.
Letzteren haben sich Emmerich und sein Drehbuchautor John Orloff („Masters Of The Air“) für ihren Mix aus Polit-Thriller und historischem Charakterdrama herausgepickt – wohl auch, weil er der Unbekannteste des genannten Trios ist. Ihm eine fiktive Geschichte anzuheften, erschien den Kreativen hier wohl am plausibelsten. Denn Bacon und Marlowe sind weltberühmt, während deutlich weniger Filmfans mit de Vere vertraut sein dürften. Und ja: Die Story ist größtenteils erfunden, obwohl sie in einem historisch realen Szenario spielt. „Historical Fiction“ nennt man dieses Genre.
Die Handlung ist auch tatsächlich ziemlich spannend. Allerdings verhaspeln sich die Macher ein wenig, weil sie zu viele Nebenschauplätze aufmachen und zu häufig zwischen den Zeitebenen hin und her springen. Beides könnte bei den Zusehenden für Verwirrung sorgen, falls diese nicht wirklich zu 100 Prozent bei der Sache sind. Eine Verschlankung des Ganzen hätte „Anonymous“ sicher gutgetan, wie unser Chefredakteur Christoph Petersen in der FILMSTARTS-Kritik analysiert.
Trotzdem ist der Film durchaus sehenswert – nicht zuletzt dank der opulenten Ausstattung und der tollen Kulissen. Und auch die Hauptdarsteller Rhys Ifans („Notting Hill“) und Rafe Spall („Life Of Pi“) setzen echte Highlights. Also schaut doch einfach mal rein, wenn ihr Historienstreifen mögt.
"Anonymous": Das ist die Story
Ende des 16. Jahrhunderts in London: Am königlichen Hof sind aktuell Intrigen, Täuschungen und Ränkespiele an der Tagesordnung. Da die kinderlose Elizabeth I. (Vanessa Redgrave) wohl nicht mehr lange leben wird, bringen sich bereits diverse Kandidaten für die Nachfolge in Stellung. Elizabeths engster Berater, William Cecil (David Thewlis), will allerdings den schottischen König James VI. (James Clyde) auf dem Thron sehen.
Um dies zu erreichen, setzt er alles daran, die Konkurrenz wie die Grafen von Essex (Sam Reid) oder Southampton (Xavier Samuel) im Palast, aber auch bei der Bevölkerung in Misskredit zu bringen. Der gemeine Pöbel liegt indes dem aufstrebenden Autor William Shakespeare (Rafe Spall) zu Füßen, der die Menschen mit seinen Theaterstücken begeistert. Was allerdings niemand ahnt: Shakespeare hat die gefeierten Bühnenhits wie „Ein Sommernachtstraum“ oder „Romeo und Julia“ gar nicht selbst geschrieben. Vielmehr fungiert er als Strohmann für Edward de Vere (Rhys Ifans), der sich aufgrund seines adligen Standes als Graf von Oxford nicht zu den Arbeiten bekennen kann...
Zum Abschluss kommt hier noch ein kurzes, aber sehr informatives Video mit exklusiven Interviews, die wir zum Kinostart von „Anonymous“ mit Roland Emmerich und Joely Richardson geführt haben. Letztere hat die Monarchin in jüngeren Jahren verkörpert.
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