Der Österreicher Michael Haneke ist nicht dafür bekannt, komfortable Geschichten über Barmherzigkeit zu erzählen: Seine Regiearbeiten sind im Regelfall kühl-analytische, desolate Spiegelbilder der Gesellschaft, die von Pessimismus und Drastik geprägt sind. Das gilt auch für einen seiner prestigeträchtigsten Filme:
„Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte“ ist eine akribisch argumentierte, imposant inszenierte Erzählung über den entmenschlichenden Teufelskreis strafend-autoritärer Erziehung. Der unter die Haut gehende Schwarz-Weiß-Film erhielt zwei Oscar-Nominierungen („Bester internationaler Film“ und „Beste Kamera“), wurde von der BBC zu einem der 100 besten Filme dieses Jahrtausends gekürt und von FILMSTARTS zu einem der 25 besten deutschen Filme aller Zeiten ernannt.
Nun feiert das aufwühlende Drama ein Heimkino-Comeback: Diese Woche ist „Das weiße Band“ endlich wieder auf Blu-ray erschienen – und zwar als Limited Edition!
Bei der Blu-ray-Neuauflage von „Das weiße Band“ handelt es sich um ein Mediabook, das den mit der Palme d'Or prämierten Film auf DVD und Blu-ray enthält. Als haptisches Extra ist zudem ein Booklet mit dabei.
Laut Angaben des Herausgebers weisen die Scheiben Stereoton auf. Die mittlerweile bloß noch gebraucht erhältliche Blu-ray-Erstauflage* hat dagegen eine 5.1-Abmischung sowie als Extras eine Begleitdokumentation, einen Blick hinter die Kulissen und Eindrücke von den Filmfestspielen in Cannes.
Darum geht es in "Das weiße Band"
Eichwald, ein strenggläubiges Dorf im Norden Deutschlands, kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs: Die Stimmung im Ort ist niederschmetternd – wer wirtschaftlich obenauf ist, unterdrückt die, denen es schlechter geht. Und egal, ob man befreundet, verwandt oder bloß bekannt miteinander ist: Gegenseitige Demütigung gehört zur Tagesordnung – in der Schule sowieso!
Als eine Reihe von rätselhaften Unfällen und zuvor ungeahnten, verstörenden Gewalttaten die Ordnung in Eichwald erschüttert, nehmen Angst und Misstrauen endgültig Überhand, ebenso wie unablässige Schuldzuweisungen und geradewegs rituelle Bestrafungen...
Der kalte, bittere Weg zur strammen Menschenverachtung
Über zehn Jahre lang versuchte Haneke, seine Vision eines in den 1910er-Jahren angesiedelten Dramas auf die Beine zu stellen. Zwischenzeitlich gab es die Überlegung, eine Miniserie daraus zu machen, bevor Ende der 2000er doch die Finanzierung für einen Kinofilm stand und sich die Entscheidung festigte, „Das weiße Band“ als verdichtete Sammlung realer Anekdoten über Terror, Vergeltung und Gewaltdurst anzulegen.
Die historischen Vorbilder wurden dazu auf einen einzelnen, fiktiven Ort verlegt und durch Hanekes unerbittliche Inszenierung mit dem Tonfall einer besonders harschen, warnenden Kindergeschichte versehen. Schon der Umstand, dass die meisten Erwachsenen in „Das weiße Band“ keine Namen haben, sondern auf ihren Beruf reduziert werden, ist ein brillantes Bindeglied zwischen der Kindererzählung-Anmutung und Hanekes Aussage:
In beklemmenden, hyperrealistischen Bildern berichtet Haneke von einer entmenschlichenden, das Individuum missachtenden Gesellschaft, die auf bedingungslose Hörigkeit und routiniert-brachiale Gewalt getrimmt wird. „Das weiße Band“ skizziert das soziale Klima, in dem radikale, menschenverachtende Ideologien gedeihen. Und durch das für Haneke typische Ende ist unmissverständlich, dass der warnende Regisseur dies nicht als rein historische Untersuchung erachtet, sondern ebenso als Aufruf, eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern.
Ein weiterer, erschütternder Schwarz-Weiß-Film über schmerzende deutsche Historie feierte vor wenigen Monaten seine Rückkehr ins Heimkino. Mehr dazu erfahrt ihr im folgenden Artikel:
So erschütternd kann deutsches Kino sein: Dieser Klassiker legt den Finger direkt in die klaffende Wunde*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.
Dies ist eine aktualisierte Wiederveröffentlichung eines bereits auf FILMSTARTS erschienenen Artikels.