Jahrzehntelang verantwortete er raffiniert inszenierte, doppelbödige Filme voller Spannung, Witz und unheilvoller Eleganz. Die 1960er wurden für Alfred Hitchcock aber zur Dekade der Gegensätze: Erst führten „Psycho“ und „Die Vögel“ dazu, dass sich der Eindruck festigte, ihm ginge es primär darum, dass dem Publikum das Blut in den Adern gefriert. Seine neckisch-verspielten Thriller wurden davon in der Wahrnehmung völlig überschattet.
Umso enttäuschter werden seine Filme aus den späten 1960ern aufgenommen: Vielfach werden sie aufgrund geringer Nervenkitzel-Dichte zu den schwächeren Hitchcock-Titeln gezählt. Doch ein schwacher Hitchcock ist noch immer interessant – erst recht, wenn man sich mit seinen Hintergründen befasst. Wagt das Experiment: Heute, am 24. November 2025, zeigt arte ab 20.15 Uhr Hitchcocks „Der zerrissene Vorhang“! Zudem ist der Spionagethriller in der arte-Mediathek abrufbar und bei Amazon Prime Video als VOD erhältlich;
Darum geht es in "Der zerrissene Vorhang"
US-Raketenwissenschaftler Michael Armstrong (Paul Newman) glaubt sich einem bedeutsamen Durchbruch nahe. Während eines Kongresses in Kopenhagen beschließt er daher, seinen Kollegen Professor Lindt zu besuchen, um ihm eine geheime Formel zu entlocken und damit seine eigene Arbeit zu vollenden. Lindt befindet sich allerdings in der DDR!
Armstrong belügt selbst Sarah Sherman (Julie Andrews), seine Assistentin und Verlobte, um seine Spuren zu verwischen. Doch sie spürt, dass etwas nicht stimmt, und heftet sich an seine Fersen – weshalb sie in Windeseile erfährt, dass er nicht nach Schweden fliegt, sondern Ostberlin aufsucht. Dort kommt es zu einem lebensbedrohlichen Verwirrspiel aus Lügen, umgekehrter Psychologie und strategischer Täuschung...
Hitchcock, in die Ecke gedrängt
Das gewaltige Echo von „Psycho“ und „Die Vögel“ hallte weiter nach, der psychosexuelle Thriller „Marnie“ stellte indes eine kleine wirtschaftliche Enttäuschung dar: Suspense-Meister Hitchcock fürchtete, in der zweiten Hälfte der 60er einen unerwarteten Trumpf aus dem Ärmel schütteln zu müssen. Dabei hatte er auf einige kreative Begleiter zu verzichten – und ihm blieb seine Wunschbesetzung verwehrt:
Hitchcock wollte seinen „Über den Dächern von Nizza“-Star Cary Grant für die Hauptrolle, doch der lehnte aus Sorge ab, er sei zu alt. Der vom Suspense-Regisseur ebenfalls in Betracht gezogene „Psycho“-Darsteller Anthony Perkins wurde wiederum vom Studio abgewiesen. Bei der Suche nach der Hauptdarstellerin verlief es ähnlich: Gegen „Der unsichtbare Dritte“-Mimin Eva Marie Saint und „Die Vögel“-Darstellerin Tippi Hedren wurde ein Veto eingelegt.
So bekamen letzten Endes die vom Studio bevorzugten Namen den Zuschlag: „Die Katze auf dem heißen Blechdach“-Hauptdarsteller Paul Newman und „Mary Poppins“-Sensation Julie Andrews – und das, obwohl sie keinerlei Chemie miteinander hatten. Nach Drehschluss zerstritt sich Hitchcock obendrein mit seinem Stammkomponisten und einstigen Freund Bernard Herrmann, woraufhin der Regisseur John Addison als Ersatz anheuerte.
All dies führte dazu, dass Hitchcock-Begeisterte „Der zerrissene Vorhang“ oft als zweit-, wenn nicht gar als drittrangigen Thriller des Meisterregisseur behandeln. Das heißt aber nicht, dass der Spionagestoff frei von Qualitäten ist!
Bond ohne Schmiss und Exotik, sondern mit Schmerz und Trostlosigkeit
Der mangelnde Funken Romantik zwischen Newman und Andrews streut durchaus Sand ins narrative Getriebe des Films. Doch dass die Stars mit gänzlich entgegengesetzter Spieltemperatur antreten, entwickelt seinen Reiz. Schließlich war Hitchcock notorisch darin, in seinen Filmen Karriere- und Business-Eindrücke zu verarbeiten. Ob beabsichtigt oder nicht: Die Diskrepanz zwischen Andrews und Method-Darsteller Newman gleicht einer Hollywood-Momentaufnahme – Hitchcocks alte Riege wird (gegen seinen Willen) durch unterschiedliche, weniger harmonierende Schauspielformen ersetzt.
Die emotionale Distanz zwischen Newman/Andrews respektive Michael/Sarah ist des Weiteren ein krasser, konsequenter Gegenentwurf zur sexuelle Funken sprühenden Dynamik zwischen James Bond und seinen „Girls“. Denn Hitchcock machte keinen Hehl daraus, dass er „Der zerrissene Vorhang“ als Entzauberung der 007-Formel intendierte. Daher ist „Der zerrissene Vorhang“ so glanzlos gefilmt, dass selbst farbenfrohe Hausfassaden trist erscheinen und sich öfters weite Teile des Bilds in einer leichten Unschärfe verlieren.
Auch die Erzählung lässt die schmissig-leichte Spannung eines Bond vermissen, setzt dagegen auf Verwirrung und Figuren, die sich in (vergebliche) Planungen verlieren. Und die Gewaltspitzen? Die sind karg, unangenehm lang und voller emotionaler Widerhaken – Mord ist in „Der zerrissene Vorhang“ kein Zuckerschlecken wie bei 007 und auch kein provokanter Schrecken wie in „Psycho“!
Wer wissen will, wie ein Hitchcock-Film mit Bond-Mentalität aussieht, muss derweil in der Vita des Briten zurückreisen. Denn noch vor dem Auftakt der 007-Filmreihe inszenierte Hitchcock einen spaßigen Thriller, der nicht selten als eine der Blaupausen für die Bond-Filmstimmung bezeichnet wird. Mehr über den Suspense-Meilenstein erfahrt ihr im folgenden Artikel:
Dieser Thriller-Meilenstein ergibt keinen Sinn: So schuf ein gelangweilter Autor einen der größten Suspense-Klassiker*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.