Nach der Prämisse will man den Film sofort sehen: Polizeiermittler Chris Raven (Chris Pratt) erwacht gefesselt vor der KI-Richterin Maddox (Rebecca Ferguson). Ihm bleiben nur 90 Minuten, um das titelgebende „Mercy“-Programm von seiner Unschuld zu überzeugen – sonst droht ihm die sofortige Exekution. Ihm wird vorgeworfen, seine Frau (Annabelle Wallis) im Rausch ermordet zu haben – und da alle 18 bisherigen Fälle der KI-Initiative mit einem Todesurteil endeten, beginnt für Chris ein scheinbar aussichtsloser Kampf gegen die Zeit: Ohne den Stuhl zu verlassen, muss er im virtuellen Raum doch noch irgendwelche entlastenden Beweise auftreiben…
„Mercy“ läuft aktuell in den deutschen Kinos – und ist längst nicht der erste Film von „Wanted“-Regisseur Timur Bekmambetov, der sich überwiegend auf Bildschirmen (in diesem Fall die KI-generierten Screens, mit denen sich Chris bei seinen Ermittlungen durch die virtuelle Welt navigiert) spielen. Aber nach reinen Desktop-Thrillern wie „Searching“ oder „Missing“ spielt „Mercy“ – schon rein von der Größe der Produktion – natürlich noch mal in einer ganz anderen Liga.
Wir haben Timur Bekmambetov wenige Tage vor Kinostart zum persönlichen Zoom-Interview getroffen:
FILMSTARTS: Jetzt, wo du dich so ausführlich mit der Thematik beschäftigt hast, würdest du im Fall der Fälle eher vor einer KI-Richterin oder einer menschlichen Jury stehen wollen?
Timur Bekmambetov: Oh, mein Gott. Ehrlich? Ich würde eine menschliche Jury vorziehen. Die KI weiß einfach zu viel über mich. Das ist wie im Film, man hat fast keine Chance, sich zu verteidigen, weil die KI jeden Schritt überwacht – mit jeder Kamera, mit jedem Klick, den wir online machen.
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FILMSTARTS: „Mercy“ hat eine hammermäßige Ein-Satz-Prämisse: „Dem Protagonisten bleiben nur exakt 90 Minuten, um eine KI von seiner Unschuld zu überzeugen – sonst wird er noch an Ort und Stelle hingerichtet!“ War das schon der Grund, der dich für das Projekt interessiert hat?
Timur Bekmambetov: Natürlich habe ich „Mercy“ für ein menschliches Publikum gedreht. Aber inzwischen besteht das Publikum eben immer auch aus Hunderten von Algorithmen, die ständig alle Daten verarbeiten. In der Zukunft, wenn die KI noch mächtiger ist als sowieso schon, kann ich dann sagen: „Hey, ich habe versucht, mit euch zu verhandeln, ich bin einer von den Guten, also bringt mich bitte nicht direkt um.“
FILMSTARTS: Apropos KI: Wie hast du gemeinsam mit Rebecca Ferguson die Figur der KI-Richterin entworfen?
Timur Bekmambetov: Die Möglichkeiten waren tatsächlich endlos! Für mich ging es um ein Zusammenspiel von zwei Gefühlen: Angst, denn wir alle fürchten uns vor einer unbekannten Zukunft, und Neugierde, denn wir sind natürlich auch gespannt darauf, was in dieser neuen Welt mit uns und unseren Kindern geschehen wird. Rebecca hat diese einzigartige Kombination: Sie hat eine sehr warmherzige, menschliche Persönlichkeit – ist zugleich aber auch unglaublich intelligent. Sie ist fast wie ein KI-Algorithmus, denn im Film geht es ja darum, dass die KI auch ein Stück weit ihre menschliche Seite entdeckt.
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FILMSTARTS: Zugleich hast du mit Chris Pratt einen Actionstar, der vor allem für seine physischen, körperbetonten Performances berühmt ist. Wie hat er reagiert, als du ihm erzählt hast, dass er die meiste Zeit über angeschnallt in einem Stuhl festsitzen wird?
Timur Bekmambetov: Das ist ja gerade ein Teil unserer High-Konzept-Idee, dass wir einen der coolsten Actionstars des Planeten für 90 Minuten lang in einen Stuhl geschnallt und vor allem sein Gesicht in Close-Up-Einstellungen zeigen. In so einer Rolle hat man ihn noch nie gesehen, es ist eine dramatische Reise, die es uns erlaubt, direkt in seine Seele zu sehen. Zugleich gibt es trotzdem eine Menge Action, denn nach den 90 Minuten im Stuhl gibt es noch einen gewaltigen 20-minütigen dritten Akt, aber den will ich nicht spoilern.
FILMSTARTS: In den vergangenen zehn Jahren hattest du massiven Erfolg mit sogenannten Screenlife-Filmen – nicht nur als Regisseur, sondern vor allem auch als Produzent von Filmen wie „Searching“ oder „Missing“. Was interessiert dich immer noch daran, Bildschirme auf der Leinwand zu zeigen?
Timur Bekmambetov: … weil wir die Hälfte unseres Lebens vor Bildschirmen verbringen! Wie jetzt gerade, da führen wir dieses Interview ja auch über Zoom. Immer mehr der wichtigsten Elemente unseres Lebens finden online statt. Selbst, jemanden zu töten oder ihm das Leben zu retten, geschieht immer häufiger in der virtuellen Welt. Vor 15 Jahren habe ich verstanden, dass wir als Filmemacher auch Geschichten in dieser digitalen Welt erzählen müssen, sonst fühlen sich irgendwann alle Filme „retro“ an.
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FILMSTARTS: Spannend an Screenlife-Filmen ist ja vor allem auch, dass es künstliche Grenzen gibt, was man zeigen kann und was nicht: Erlaubt ist nur, was man auf dem Bildschirm erzeugen kann. Aber wie ist das jetzt mit der KI, die ja fast unendliche Möglichkeiten hat: Habt ihr euch selbst Regeln gesetzt, was die KI-Richterin kann und was nicht?
Timur Bekmambetov: Für mich ist der wichtigste Unterschied vor allem die Größe der Screens. Denn unsere Bildschirme – egal ob vom Computer oder dem Handy – sind winzig. Vor zehn Jahren habe ich mich gefragt, wie man dieses kleine Desktop-Dasein auf der großen Kinoleinwand zeigen kann. Aber jetzt, mit „Mercy“, wollen wir selbst IMAX-Screens ausfüllen. Der ganze Film wirkt deshalb wie eine Augmented Reality. Das Publikum soll sich fühlen, als ob es gemeinsam mit Chris Pratt in dem Stuhl sitzt – während die KI um es herum all diese Beweise und praktisch sein ganzes Leben um ihn herum einspielt. Man kann das schwer erklären, man muss es sich einfach ansehen – am besten in IMAX, denn dieser Film ist wirklich für IMAX gemacht.
„Mercy“ läuft seit dem 22. Januar in den deutschen Kinos – und Rebecca Ferguson werden wir dann ja Ende des Jahres bereits in einem weiteren heiß erwarteten Sci-Fi-Blockbuster zu sehen bekommen:
Das hat bisher nur Christopher Nolan geschafft: Setzt Denis Villeneuve auch mit "Dune 3" neue Kino-Maßstäbe? [UPDATE]