Fünf Jahre mussten „Greenland”-Fans auf die Fortsetzung des Leinwand-Krachers warten. Jetzt meldet sich Regisseur Ric Roman Waugh mit „Greenland 2” zurück. Dieses Mal kämpft sich Familie Garrity (Gerard Butler, Morena Baccarin und Roman Griffin Davis) durch Grönland, um nach dem Bunker eine sichere Bleibe zu finden. Der Kampf ums Überleben geht weite, denn die Welt ist ein Katastrophengebiet, Teile sind Europas verstrahlt und auch die Menschen haben sich durch die Notlage verändert.
Ric Roman Waugh, der mit „Greenland” in über 20 Ländern, u.a. in Deutschland die Spitze der Kinostarts stürmte, konnte mit einem wesentlich höheren Budget (laut übereinstimmenden Medienberichten um die 90 Millionen Dollar) „Greenland 2“ umsetzen. Was das für ihn bedeutete, wieviel Action in dem Dreh steckte und wie das Team mit echter Lava arbeite, erzählt der Regisseur im Interview mit FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl.
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FILMSTARTS: Wieder befinden wir uns auf gefährlichem Terrain. Was war dir beim zweiten Teil von „Greenland“ wichtig?
Ric Roman Waugh: Seit jeher wandern Spezies, um zu überleben - sei es, um dem Wetter zu trotzen oder um Ressourcen zu finden. Darauf haben wir uns berufen. Wir wollten die Frage aufwerfen, wie man die Insel verlassen und nach Westeuropa gelangen könnte. Also haben wir die Landkarte in die Hand genommen und unserer Fantasie freien Lauf gelassen. Wir haben echte Wissenschaft einbezogen, um vorherzusagen, wie sich die Welt verändern würde, wenn zum Beispiel der Meeresspiegel ansteigt und haben hoffentlich ein episches Abenteuer erschaffen, das sich so real wie möglich anfühlt.
FILMSTARTS: „Greenland“ war ein großer Hit und hatte ein Budget von 35 Millionen US-Dollar. Das Budget von „Greenland 2“ war mit einem geschätzten Budget von 90 Millionen US-Dollar wesentlich höher. Was hat sich dadurch konkret geändert?
Ric Roman Waugh: Schon der erste Film musste sich mit dem Ausmaß einer zerstörten Welt auseinandersetzen, aber da befanden wir uns an realen Schauplätzen. Wir mussten keine visuellen Effekte hinzufügen oder Sets bauen. Da die Welt jetzt vollkommen zerstört wurde, bedeutete das, dass man für jede Einstellung alles zerstören musste, um für das Kinopublikum eine Welt zu erschaffen, die glaubhaft den Anschein erweckt, als wäre die Welt tatsächlich von einem Kometen getroffen und wie beim letzten Massenaussterben zerstört worden. Das hat einen enormen Teil des größeren Budgets verschlungen.
FILMSTARTS: Gedreht wurde in Großbritannien und Island (Reykjavík). Ich habe gelesen, dass in Reykjavík ein Extra-Team für eure Sicherheit zuständig war. Was war in Island so gefährlich?
Ric Roman Waugh: Mutter Natur! Wenn vieles auf ein Nichts reduziert wird, dreht man in sehr abgelegenen Gebieten. Nehmen wir zum Beispiel die Eröffnungsszene, in der Hunderte von Menschen versuchen, aus dem Bunker an den Strand zu fliehen, um dem Tod zu entkommen. Draußen hatte es null Grad Fahrenheit (circa minus 18 Grad Celsius), das Eis und das Wasser waren sogar noch kälter. Viele der Menschen, die an dem Film mitgearbeitet haben, waren Isländer. Wir wollten, dass es bedrohlich aussieht und gefährlich ist. Aber die Menschen, die zum Strand gerannt sind, waren keine Stuntleute. Wir mussten uns stets bewusst sein, dass wir für jedes einzelne Leben vor und hinter der Kamera verantwortlich sind.
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FILMSTARTS: War CGI in diesem Fall keine Option?
Ric Roman Waugh: Nein, ich mag CGI nicht und optimiere damit nur Dinge, die ich real nicht umsetzen kann. In der Nähe von Reykjavík kam es zu einem gewaltigen Lavaausbruch. Wenn also Gerard Butler am Anfang des Films das Niemandsland erkundet und zum Strand läuft, dann sieht ist das echt! Man sieht den echten Lavastrom! Das Team hat mich kilometerweit davon entfernt gehalten, aber nachdem ich sie jeden Tag weiter gedrängt hatte, kam ich immer näher an den Lavaausbruch heran. Die isländische Regierung musste damals Orte absperren, die Häuser der Menschen wurden durch den Lavastrom zerstört und ganze Stadtteile ausgelöscht. Wir wollten während der Dreharbeiten nicht leichtfertig darüber hinwegsehen, also haben wir alles dafür getan, dass die laufenden Maßnahmen und die Rettungsdienste nicht von uns beeinträchtigt wurden.
FILMSTARTS: Hast du auch mit Leuten gesprochen, die das erlebt haben?
Ric Roman Waugh: Ja. In Island ist das mittlerweile ein normales Ereignis. Das ist so, als würde man in Asien mit Erdbeben kämpfen oder in Kalifornien leider mit Waldbränden. Es ist unglaublich, dass die Isländer gesehen haben, wie die Erde direkt vor ihren Augen in Lavafeldern versinkt. Erst mag man es nicht glauben, aber dann merkt man, dass es Alltag an einem Ort mit so viel vulkanischer Aktivität ist.
FILMSTARTS: Im Zentrum des Plots stehen John Garrity (Gerard Butler) und seine Familie. Warum hast du dich schon vier Mal für Gerard Butler („Angel Has Fallen“, „Greenland“, „Kandahar“) entschieden?
Ric Roman Waugh: Gerry ist ein großer Actionstar. Viele Schauspieler und Filmstars wollen unantastbar, unfehlbar und unverwundbar wirken. Ich mag bei Gerry vor allem, dass er den „Man of Action“ spielt, der verletzlich ist, sich sensibel vor der Kamera zeigt und mit echten Emotionen spielt und so für uns alle nahbarer wird. Wir wollen in „Greenland“, dass John Garrity Fehler macht, was menschlich ist. Wir haben alle mit unseren persönlichen Problemen zu kämpfen. Im ersten Film geht es deshalb um einen Mann, seine Ehefrau betrogen hat, doch dann finden Allison und John Garrity ihre Liebe wieder. Wir fragen uns, welche Schwierigkeiten es dabei gegeben hat. Hier trägt John Garrity ein dunkles Geheimnis mit sich herum, während er versucht, seinen Sohn in Sicherheit zu bringen und gleichzeitig das Erbe der Welt zu bewahren. Gerade das Spiel mit diesen Risiken macht Gerry interessant.
FILMSTARTS: Du hast auch als Stuntman gearbeitet. Wie hat das die Arbeit an „Greenland“ und „Greenland 2“ beeinflusst?
Ric Roman Waugh: Aufgrund meiner früheren Erfahrung als Stuntman versuche ich immer, dass das Publikum nicht nur Action sieht. Ich will es daran teilhaben lassen, damit es wie auf einer IMAX-Fahrt den Nervenkitzel selbst erlebt. Ob es nun Angst ist oder Beschleunigung oder was auch immer es sein mag. Das ist immer mein Mantra, wenn es um Action geht. Solange man nicht emotional involviert ist, ist Action nur Action. Ich kann mich daran erinnern, was ich als Stuntman in diesen Momenten gefühlt habe. Daher weiß ich, wie ich mithilfe von Filmtechniken die emotionale Wucht in einer Actionszene einfangen kann und versuche immer, das Publikum aktiv ins Geschehen einzubinden.
FILMSTARTS: Eine meiner Lieblingsszenen ist die, in der die Garritys eine Hängebrücke überqueren. Wie wurde die Szene gefilmt?
Ric Roman Waugh: Es war wirklich knifflig, weil ich am liebsten alles real filme und CGI nur zu meinem Vorteil nutze. Wie erschafft man diese Welt, bei dem sich der Fisher-Ärmelkanal wie ein Grand Canyon auftut? Wie würde man den ausgetrockneten Kanal dann überqueren? Die Idee war, die Action realistisch darzustellen und die Welt darum herum virtuell aufzubauen. Wir haben also die gesamte Szene im Studio so aufgebaut, dass die Schauspieler wirklich über Leitern kriechen und bei starkem Wind von Plattformen stürzen. Es war jedoch notwendig, den Schauspielern zu vermitteln, was vor sich geht, dass in der Szene Klippen einstürzen und Felsen herunterfallen. Man musste also seine gesamte Vorstellungskraft einsetzen, aber all die Action auf den Leitern, selbst Nathans Beinahe-Todesfall, wurde komplett real gedreht. Wenn Roman Griffin Davis als Nathan von der Hängebrücke in den Ärmelkanal stürzt, dann ist es Morena (Baccarin), die ihn zusammen mit Gerry packt, um ihn im Film vor dem Tod zu bewahren.
FILMSTARTS: Morena Baccarin hat wochenlang trainiert, um für „Greenland 2“ in Topform zu sein. Was waren die größten körperlichen Herausforderungen für die Schauspieler*innen?
Ric Roman Waugh: Mir ist es immer wichtig, die Schauspieler so gut wie möglich ins Geschehen einzubinden. Wenn wir also eine Kriegsszene gedreht haben oder wie ein Bergrücken erklommen wird, dann war nicht nur Gerry dabei, sondern unser gesamtes Ensemble. Sie haben die Action selbst durchgeführt. Es gab viele körperlich anstrengende Dinge, auch das Eintauchen in eiskaltes Wasser unter null Grad mit einer sehr starken Strömung. Morena muss man zugutehalten, dass sie selbst in Zeiten extremer Krankheit, mit Bronchitis, zur Arbeit gekommen ist. Ich habe enormen Respekt vor jemandem, der, egal, was passiert, jeden Tag zur Arbeit erscheint.
FILMSTARTS: Wie wurde die eben erwähnte Kriegsszene im Schützengraben gedreht?
Ric Roman Waugh: Es ist alles echt. Wenn man seit vielen Jahren ein Stuntteam und ein Team für Spezialeffekte hat, allen voran Terry Glass, meinen Supervisor für Spezialeffekte (seit „Angel Has Fallen“), dann entwickelt man ein gutes Gespür dafür, wie man gewaltige Explosionen inszeniert und Menschen durch die Luft fliegen lässt und die Schauspieler mittendrin platziert, während die Szene gefilmt wird. Ich berufe mich da auf Filme wie „Der Soldat James Ryan“ oder „Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“, in denen die Schauspieler sehr nah am Wesen von Krieg und Gewalt sind.
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FILMSTARTS: Warum sind diese Actionszenen so wichtig?
Ric Roman Waugh: Im Film ging es uns nicht nur darum, Monster vom Himmel regnen zu lassen, sondern es kommen auch noch Erdbeben aus der Tiefe hinzu. Aber auch der Mensch ist ein Monster und zu abscheulichen Taten fähig. Damit man die verbundenen menschlichen Emotionen spürt, musste man die Familie extrem nah an echte Explosionen und reale Gefahren heranführen, in denen man Mensch gegen Mensch kämpfen sieht. Als während der Kriegsszene zwei Meter von Morena entfernt Explosionen losgegangen sind, hat Morena mich skeptisch angesehen, andererseits wollten wir superrealistisch sein. Natürlich haben wir viel Wert daraufgelegt, die Sicherheitsabstände der Kamerapositionen einzuhalten, um alle gleichermaßen zu schützen.
FILMSTARTS: Gab es einen Moment, in dem du von alldem überwältigt warst?
Ric Roman Waugh: Vielleicht am Anfang, als ich versucht habe zu verstehen, wie man diese Welt erschafft, aber wenn man als Regisseur überwältigt ist, ist das für alle ein Problem. Meine Aufgabe ist es, einen Schlachtplan zu entwickeln, den Überblick zu behalten, alles auf Details herunterzubrechen, damit die anderen nicht überfordert werden. Diese Aufgabe nehme ich sehr ernst. Schließlich drehen wir einen Film!
FILMSTARTS: Können wir auf weitere Fortsetzungen hoffen?
Ric Roman Waugh: Ich liebe die Familie Garrity! Wenn wir jemals so viel Glück haben, eine Fortsetzung zu drehen, wäre es spannend, zu sehen, wie sich die Geschichte mit uns Menschen weiterentwickelt hat. Eines steht fest: Es wird immer um die Familie und ihre emotionale Achterbahnfahrt gehen, niemals darum, mit welcher Wucht wir auf die Welt treffen.